06.12.2016
Johannes Haas

Reisen, Reisen, Reisen - Tagesdecke vs. Hippsterbude

In einer „Wunderkiste der 80er“ will niemand pennen

Auch wenn es sich vielerorts anders anfühlt, ist weltweit die Mittelschicht auf dem Vormarsch. Das Reisen wird weiter zunehmen - der Deutschland-Tourismus kann besonders profitieren. Was zieht und was will niemand?

Nachdem die Wohn- und Büroimmobilienmärkte langsam aber sicher leergekauft scheinen, stürzen sich Investoren bekanntermaßen vermehrt auf den Hotelimmobilienmarkt. Nicht immer, weil dahinter eine lang ausgearbeitete Unternehmensstrategie steckt, sondern oft scheint es, weil der Markt sonst nichts mehr hergibt.

Viele scheuen das „Sandwich“, als Investor und Betreiber zugleich aktiv zu werden. Insbesondere bei touristischen Immobilien ist die Zahl der großen, professionellen Betreiber aber eher überschaubar. Die Branche ist gerade erst dabei, sich zu professionalisieren - und das ist auch notwendig.

Niedrigzinen, "Draghi-Bashing", Anlagedruck

Der Anlagedruck wird bleiben, die Touristik- bzw. Hotelimmobilie daher immer interessanter. Denn obwohl das „Draghi-Bashing“ seit Jahren sehr populär zu sein scheint, wird wohl niemand im nüchternen Zustand ernsthaft auf spürbar steigende Zinssätze in den nächsten Jahren hoffen. Dass es Deutschland derzeit besser geht denn je – wie Professor Dr. Lars P. Feld (Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Direktor, Walter Eucken Institut e.V.) beim zurückliegenden QUO VADIS betonte – liegt nämlich nicht unbedingt am Sinn fürs Sparen unseres Finanzministers, sondern – neben den Rekord-Steuereinnahmen – vor allem auch an dem günstigen Geld, das auch die Verbindlichkeiten des Staates günstiger werden lässt. Wer derzeit sein Erspartes klassisch auf dem Bankkonto bunkert, der bekommt hingegen das Gefühl, es löse sich nach und nach in einer kleinen Rauchwolke auf.

Wohnen, essen, kaufen und reisen

Auch wenn es sich oft anders anfühlt, ist – global betrachtet – die Mittelschicht auf dem Vormarsch. 2014 gehörten ihr laut dem Allianz Global Wealth Report erstmals mehr als eine Milliarde Menschen an. Dadurch entstehen Milliarden an Kaufkraft. Und was eine Gesellschaft mit ihrem Geld macht, wenn sie sich weg von der Armut hin zum Wohlstand entwickelt, konnte nach dem 2. Weltkrieg beim deutschen Wirtschaftswunder beobachtet werden: Schöner wohnen, besser essen, mehr konsumieren und ganz wichtig: die Welt entdecken.

SpiegelOnline ging jedoch kürzlich der Frage auf den Grund, wie sich der Abstieg der deutschen Airlines erklärt. Ist doch klar: hochpreisige Tickets, immer schlechterer Service und Chicken Nuggets in der Vielflieger-Lounge sind halt nicht unbedingt jedermanns Sache. Zum Glück sind andere Fluggesellschaften attraktiver, denn weltweit wurden im 1. Halbjahr 2016 sechs Prozent mehr Personenkilometer verkauft, wie aus dem Artikel hervorging.

Sind wir Deutsche sonst immer so aufs Sparen aus, ist der Sinn fürs billige Fliegen bei uns noch nicht ganz so weit verbreitet. Der Marktanteil der s.g. Low Cost Carrier liegt hierzulande weit unter dem europäischen Schnitt. Die Offensive von Ryanair-CEO Michael O'Leary mit ersten Flugzeugen von Frankfurt – dem echten Frankfurt – abzuheben, soll dies nun ändern.

Die Annahme, dass das weltweite Reiseverhalten in den nächsten Jahren weiter zunimmt, liegt also auf der Hand. Davon dürften Veranstalter, Hotelbetreiber und auch Airlines besonders profitieren. Dass einige der deutschen liebsten Urlaubsziele – Ägypten, Türkei, Griechenland etc. – aus verschiedenen Gründen für viele derzeit nicht infrage kommen, wirkt sich erwiesenermaßen positiv auf den heimischen Tourismussektor aus. Denn das Reisen hört nicht auf, sondern findet vermehrt im Heimatland statt. Zusätzlich kommen immer mehr ausländische Touristen nach „Good old Germany“. Der Verlust der einen wird somit zum Gewinn der anderen. Das Jahr 2015 brachte bereits den sechsten Übernachtungsrekord in Folge, das Statistische Bundesamt rechnet in den kommenden Jahren mit weiterhin steigenden Umsätzen für die hier beheimatete Hotellerie.

Tagesdecke vs. Hippsterbude?

Dennoch müssen sich deutsche Hotelbetreiber weiter Gedanken darüber machen, was eine Städtereise wirklich attraktiv macht. Ist es die traditionelle Hotelkette á la Hilton, die künftig gesucht wird? Oder suchen Reisende immer mehr das „Erlebnis Hotelübernachtung“, wie es beispielsweise in den 25hours Hotels vorzufinden ist? Ist das nur ein kurzer Trend? Im Handel geht die Entwicklung seit Jahren hin zur Individualität und Personalisierung – beim Hotel sieht es derzeit nicht anders aus. Nicht ohne Grund bringen zahlreiche alteingesessene Ketten unter anderer Flagge Boutique-Hotels im gehobenen Preissegment auf den Markt … nicht ohne Grund beteiligt sich mit AccorHotels Europas größte Kette mit 30 Prozent an 25hours. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Auf der anderen Seite ist da aber der riesen Erfolg von MotelOne, die „U get what U pay“ wie kaum ein anderer optimiert haben. Wäre eigentlich ein super Slogan. Glaubhaft und passend! Wer ein Zimmer in einem MotelOne bucht, weiß was er bekommt: Stylische, aufs Nötige reduzierte Zimmer in sehr guter Lage, deren Mobiliar niemals älter als fünf Jahre alt ist. Manchmal mit etwas viel Straßenlärm, aber Reurbanisierung liegt ja voll im Trend. Den veganen Salat mit einer Tasse fair gehandeltem Kaffee direkt neben einer vierspurigen Durchfahrtsstraße zu genießen, ist ja längst kein Widerspruch mehr. Wen stört da beim 69-Euro-Zimmer ein wenig Straßenlärm? Mich nicht! Dagegen kann ein in die Jahre gekommenes 4-Sterne-Hotel manchmal wie eine „Wunderkiste der 80er“ wirken – und die will doch heute ehrlich gesagt niemand.

Liegt wie immer die Wahrheit in der Mitte?

Wer es gerne individuell hat, die Küste liebt oder einfach nach neuen Inspirationen sucht, der sollte sich mal die Beach Motels und Bretterbude an der Nord- und Ostseeküste anschauen. Hier schläft man in der Butze und trinkt sein Bier in der Spelunke. Echt ein cooles Konzept – weg vom Standard, hin zur Individualität mit eigener Story. Natürlich intensiv begleitet in den sozialen Netzwerken.

Wie so oft liegt die Wahrheit wohl tatsächlich wieder einmal in der Mitte: Eine bekannte Marke ist gut, stylisch und individuell sollte es aber trotzdem sein. Dann sind die meisten Menschen gerne bereit, deutlich mehr als runde 100,- EUR für das Doppelzimmer auszugeben … aber warum eigentlich? In jedem Falle wird es mal wieder Zeit für Urlaub. Happy Holidays!

Der Autor
Johannes Haas
Projektleiter
Heuer Dialog GmbH