31.03.2017
Angela Rüter

Destination Shopping: Stationärer und digitaler Handel im Gleichschritt

9. Deutscher Handelsimmobilien-Gipfel

Der Kongress, zu dem mehr als 200 Teilnehmer Vertreter aus dem Handel, den Kommunen und der Immobilienwirtschaft gekommen waren, startete gleich mit einem politischen Zitat aus den USA: „Retail Apokalypse USA“.

Store­schlie­ßun­gen in den USA im letz­ten Jahr zei­gen wie be­droh­lich der Rück­gang auf der Flä­che an­kom­men kann. Al­ler­dings ist die USA mit 2,2 qm Han­dels­flä­che pro Kopf auch weit über den deut­schen Flä­chen­an­teil von 1,46 qm. Von da­her ist nicht nur der On­line-Han­del, son­dern auch der Flä­chen­über­hang Grund für die zahl­rei­chen Schlie­ßun­gen in „Trump-Land“.

Der „con­nec­ted con­su­mer“ als Trei­ber – Er­leb­nis­se wich­ti­ger als Besitz

Ma­nu­el Jahn von der GfK weist al­ler­dings dar­auf hin, dass in Deutsch­land ne­ben dem On­line-Han­del auch durch ei­ne Ver­schie­bung der Aus­ga­ben vom klas­si­schen Re­tail hin zu In­ves­ti­tio­nen in Rei­sen, Re­no­vie­ren und Bau­en dem sta­tio­nä­ren Ein­zel­han­del Um­satz ent­zo­gen wer­de. Dar­über hin­aus kon­su­miert der „Con­nec­ted Con­su­mer“ par­al­lel on­line und sta­tio­när, und kauft das bes­te aus zwei Wel­ten. „Die Kunst der Ein­zel­händ­ler und der Shop­ping De­sti­na­ti­on-Ent­wick­ler wird in Zu­kunft dar­in be­stehen, die­se Ka­nä­le in­tel­li­gent zu­sam­men­zu­füh­ren“, so Jahn. Und er er­gänz­te: „Der tief­grei­fen­de Struk­tur­wan­del wird nicht nur den Ein­zel­han­del selbst, son­dern auch die Stand­or­te und Im­mo­bi­li­en­kon­zep­te ganz ma­ß­geb­lich beeinflussen“.

Mul­ti-Use Ob­jek­te im Fo­kus – Mehr Mar­ke, mehr Produktivität!

Mo­ritz Lück von der MEC un­ter­strich in sei­nem Vor­trag die Be­deu­tung der Mar­ken­bil­dung von Cen­tern. Nicht gut po­si­tio­niert und man fal­le aus dem Markt.

Gu­te Bei­spie­le für ge­lun­ge­ne Quar­tiers­ent­wick­lun­gen folg­ten auf dem Fu­ße. Un­ter dem Mot­to „Im­mo­bi­li­en zu Mar­ken“ ent­wi­ckeln stell­te das Ar­chi­tek­ten- und Pro­jekt­ent­wick­ler-Team Wolf­gang Mai­rin­ger von blo­cher part­ner und Hen­drik Hoff­mann von der CRM Re­tail & Cen­ter­ma­nage­ment GmbH,  das Mann­hei­mer Mul­ti-Use Pro­jekt Q6/Q7 vor. In­ner­städ­ti­scher Ein­zel­han­del, Woh­nungs­bau, Bü­ro­flä­chen und ein Ho­tel wer­den in die­sem Pro­jekt mit­ein­an­der kom­bi­niert. 100 Ta­ge nach Er­öff­nung hat­te die Mall be­reits 3 Mio. Be­su­cher. Fa­mi­ly & Fri­ends Aben­de, Mid­night Shop­ping und di­ver­se Mar­ke­ting­ak­tio­nen hel­fen die In­nen­stadt wei­ter zu beleben.

Dr. Scha­de von Breu­n­in­ger stell­te das Do­ro­the­en­quar­tier in Stutt­gart vor. Er be­zeich­ne­te das Ob­jekt als „High­street-Ein­kaufs­er­leb­nis oh­ne künst­li­che Welten“.

13.000 qm Han­del und Gas­tro­no­mie und 25.000 qm Bü­ro­flä­chen und Woh­nun­gen bil­den ein neu­es ur­ba­nes Stadt­quar­tier in ei­nem Ge­bäu­de. Da­ne­ben plat­ziert ist die Markt­hal­le, bei­de ga­ran­tie­ren für das ge­gen­über­lie­gen­de  Breu­n­in­ger Haus ei­ne lang­fris­ti­ge Stand­ort­si­che­rung. Die Er­öff­nung ist für Früh­jahr 2017 vor­ge­se­hen. Das Pro­jekt wird im Be­stand von Breu­n­in­ger blei­ben. 100 % Ver­mie­tungs­stand bei Gas­tro, Han­del und Bü­ro seit ei­nem hal­ben Jahr, die Woh­nun­gen ge­hen im Früh­jahr in die Ver­mie­tung, so das Er­folgs­kon­zept aus dem Hau­se Breuninger.

In­nen­stadt statt Internet!!!

Garrelt Duin, NRW-Wirt­schafts­mi­nis­ter, er­klär­te sein Prin­zip der vor­aus­schau­en­den Po­li­tik. Da­zu ge­hört u.a. die In­itia­ti­ve des Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums, Ein­zel­händ­ler durch In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen an die Di­gi­ta­li­sie­rung her­an­zu­füh­ren. „Schimp­fen über Ama­zon und Za­lan­do hilft nicht“, so der Mi­nis­ter, „die Händ­ler müs­sen sich neu po­si­tio­nie­ren und sich mit der Di­gi­ta­li­sie­rung be­schäf­ti­gen“. Des Wei­te­ren wies er dar­auf hin, dass der Wett­be­werb nicht nur aus dem In­ter­net kommt, son­dern auch un­ter be­nach­bar­ten Stand­or­ten statt­fin­det. Die Zu­sam­men­ar­beit von In­ves­to­ren Händ­lern, Po­li­tik und Hoch­schu­len ist in Zei­ten die­ses Um­bruchs unumgänglich.

Muss der Han­del den La­den neu erfinden?

Ver­tre­ter des Han­dels u.a. Ri­tu­als, Osi­an­dri­sche Buch­hand­lung und Fynch Hat­ton dis­ku­tier­ten die­ses The­ma ein­ge­hend. Ama­zon grün­det die ers­ten sta­tio­nä­ren Buch­lä­den in den USA. Sie bie­ten den per­fek­ten Kun­den­ser­vice. Das ist obers­te Vor­aus­set­zung für er­folg­rei­chen sta­tio­nä­ren Ver­kauf, so die ein­hel­li­ge Mei­nung der Dis­ku­tan­ten. Be­stehen­den Flä­chen müs­sen ver­rin­gert wer­den und es muss an­ders agiert wer­den. Bei­spiels­wei­se Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner (Who’s per­fect und IKEA, Fynch Hat­ton und Whis­ky­her­stel­ler etc.) mit in den La­den neh­men. Wich­tig ist al­ler­dings, dass ein Part­ner die­sel­be Phi­lo­so­phie hat, sonst ver­steht der Kun­de das Zu­sam­men­spiel nicht. Wei­ter­hin sind gu­te Rah­men­be­din­gun­gen der Städ­te und bei be­nach­bar­ten Händ­lern so­wie Plät­ze mit Ver­weil­qua­li­tät wich­ti­ge Kri­te­ri­en für er­folg­rei­chen sta­tio­nä­ren Handel.

Neue Kon­zep­te sor­gen für Urbanität

Ra­min Goo von Koch­haus stell­te sein La­den­kon­zept vor. Das drei­di­men­sio­na­le Re­zept­buch – al­le Zu­ta­ten für ein Re­zept sind an ei­nem Tisch po­si­tio­niert. Ver­kauft wer­den hoch­wer­ti­ge Le­bens­mit­tel, aber auch vor al­lem das Know-how, wie die Zu­ta­ten zu­be­rei­tet wer­den.  Das ist das Ge­heim­nis des wirt­schaft­li­chen Er­folgs. Ein­kauf wird zu ei­ner In­spi­ra­ti­ons­quel­le. Das Lay­out der 120 und 180 qm gro­ßen Lä­den ist völ­lig an­ders als die klas­si­schen Läden.

Quo va­dis Crowdfinanzierung?

Ei­ne äu­ßerst leb­haf­te und en­ga­gier­te Dis­kus­si­on rund um die Rol­le des The­mas Crowd­fun­ding für Han­dels­im­mo­bi­li­en wur­de un­ter der Lei­tung von Mi­cha­el Ull­mann, Ka­pi­tal­freun­de, ge­führt. Schwarm­fi­nan­zie­rung fin­det bis­lang vor­wie­gend bei Nach­rangdar­le­hen statt, da dort die Re­gu­lie­rung der BA­FIN nicht greift.  Brick­Vest hat ei­ne bri­ti­sche Ban­ken­li­zenz und fällt un­ter die bri­ti­sche Ban­ken­auf­sicht. Da­durch lässt sich ei­ne vor­ran­gi­ge Im­mo­bi­li­en­fi­nan­zie­rung durch Crowd­fun­ding dar­stel­len.  Al­ler­dings, so Ge­ro Berg­mann von der Ber­lin Hyp, muss das Ri­si­ko auch hö­her ver­zinst wer­den und da­mit ist es ein al­ter­na­ti­ves Fi­nanz­pro­dukt, das der Markt an­nimmt oder nicht. Er gab zu, dass sich durch die Di­gi­ta­li­sie­rung auch die Ge­schäfts­mo­del­le der klas­si­schen Ban­ken ver­än­dern wer­den: „Wir ver­su­chen klas­si­sche Fi­nan­zie­rung mit ei­nem neu­en Crowd­an­satz zu überstülpen."

Für Hans-Joa­chim Flei­scher, der 13 Han­dels­im­mo­bi­li­en durch Crowd­fun­ding re­fi­nan­ziert hat, ist Crow­d­in­vest nur ist ein Mo­sa­ik­stein in der Ge­samt­fi­nan­zie­rung ne­ben Club­de­al und anderen.

 

Die Autorin
Bild: Angela Rüter
Angela Rüter
Geschäftsführerin
Heuer Dialog