01.02.2019
Stephan Leimbach
Christian Tackenberg

Flexible Office Space: Immobiliendienstleister müssen den Trend mitgestalten

Was bedeutet Coworking für das Beratungsgeschäft?

Fast alle Ballungsräume in Deutschland verzeichnen derzeit ein starkes Wachstum der flexiblen Büroflächen - und nicht selten in den Top-Lagen. Klassische Beratungshäuser sollten das als Chance begreifen.

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CT: Herr Leimbach, in was für einem Büro arbeiten Sie als Head of Office Leasing? Im Einzelbüro oder in einem Open Space?

SL: Da ich viel unterwegs bin, habe ich in unserem neuen Frankfurter Büro gar keinen fest zugewiesenen Arbeitsplatz mehr. Aber wenn ich dort bin und klassisch arbeite (keine Telefonkonferenz oder Meeting), sitze ich beim Vermietungsteam im Open Space. Ich bin ein echter Fan von „Activity Based Working“ – sofern es gut gemacht ist! Einfach nur „Wände raus“ ist kein Konzept.

 

CT: Macht der Coworking-Boom den Beratungshäusern eigentlich das klassische Vermittlungsgeschäft kaputt - oder sind Ihre Kunden jetzt einfach andere, nämlich ebenjene Coworking-Anbieter?

SL: Makler können durch die Vermittlung von Flächen an Coworking-Betreiber und die nachfolgende Vermittlung von Nutzern in diese Coworking-Spaces mit einer Fläche zweimal Geld verdienen. Viele Nutzer suchen Unterstützung bei der Frage, welches Coworking-Konzept am besten zu Ihnen passt. Und Entwickler wollen wissen, wie sie Coworking am besten in ihre Projekte integrieren können. Insofern ergeben sich vielfältige neue Geschäftsmöglichkeiten. Aber ja, es gibt auch Nutzer, die direkt auf Coworker zugehen. Und mancher Makler sieht die Gefahr, dass Coworker in die klassische Bürovermietung einsteigen könnten. Ich denke aber: Wer seine Kundenbeziehungen aktiv pflegt und Mehrwerte für seine Kunden schafft, bleibt im Geschäft.

 

CT: Wie stellt sich JLL national aber auch international auf den sich verändernden Markt ein?

SL: Wie schon beschrieben, gibt es eine Vielzahl von Geschäftsansätzen rund um Coworking, auch über die Bürovermietung hinaus. Wenn ein Unternehmen Teile seiner Flächen nach Coworking-Prinzipien gestalten möchte, ist das Workplace-Beratung. Oder Investoren fragen sich, inwiefern Coworking im Gebäude dessen Wert beeinflusst. JLL will bei allen Aspekten des Coworkings beraten, aber nicht als Betreiber in den Markt einsteigen. Das wurde global entschieden. Damit bleiben wir unabhängig und treten nicht in Wettbewerb zu unseren Kunden.

 

CT: Viele, auch große Unternehmen lagern ganze Abteilungen oder Standorte zu den Coworkern aus. Geht es hier nach Ihrer Einschätzung wirklich um Kreativität und Community oder stecken nicht eher wirtschaftliche Überlegungen dahinter?

SL: Aus unserer Erfahrung entscheiden sich Büronutzer aus vier Gründen für Coworking: 1. Flexibilität: Das ist besonders bei der temporären Unterbringung von Projektteams oder der Bereitstellung von „Atmungsflächen“ wichtig. 2. Einfachheit: Man muss sich weder mit Innenausbau noch mit Nebenkostenabrechnungen auskennen, und auch keinen Kaffee für die Mitarbeiter bestellen. Das ist nicht nur für kleine Unternehmen praktisch, die keine Corporate Real Estate Abteilung haben. 3. Verfügbarkeit: Wer kurzfristig 100 Arbeitsplätze in Berlin braucht, kommt mangels Flächenverfügbarkeit oft kaum um Coworking herum. 4. Kultur: Coworking zieht eher junge und kreative Köpfe an und bietet ein Umfeld, das Innovation und Austausch fördert. Daher werden oft solche Bereiche ins Coworking ausgelagert, die Neues entwickeln.

Letztlich hat die Frage nach Wirtschaftlichkeit also viele Facetten, denn natürlich sind Kreativität und Community kein Selbstzweck. Wer aber Coworking erwägt, um weniger Miete pro Quadratmeter und Monat zu zahlen, ist dort falsch aufgehoben.

 

CT: Derzeit eröffnen die Anbieter fast im Wochentakt neue Standorte, die keine Probleme haben, Mieter zu finden. Wird die Entwicklung solange anhalten, bis wir alle an flexiblen Schreibtischen sitzen?

SL: Sicher nicht! Aber unsere Arbeit verändert sich. Projektarbeit und Mobilität nehmen zu. Das ist ein Megatrend, der sich nicht umkehren wird. Wenn man dann annimmt, dass alle Büronutzer in Zukunft nur 10-15% ihrer Flächen flexibel nutzen wollen, dann liegt hier noch ein riesiges Wachstumspotential. Denn aktuell machen Coworking-Spaces noch deutlich weniger als 5% des Büroimmobilienbestands in den Big 7 aus.

Die Autoren
Stephan Leimbach
Head of Office Leasing Germany
Jones Lang LaSalle SE
Christian Tackenberg
Projektleiter
Heuer Dialog