Jahreskonferenz Bildungsimmobilien

Zwei Welten, ein Ziel: Warum Kommunen und Investoren beim Schulbau stärker zusammenarbeiten sollten

Interview mit Birte Becker, Head of Origination Real Estate Funds bei der LBBW Immobilien

Birte Becker 2. September 2026
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Quelle: Shutterstock

 

Heuer Dialog: Frau Becker, warum wird derzeit wieder so intensiv über den Schulbau diskutiert?

Birte Becker: Eigentlich müsste man sagen: nicht wieder, sondern immer noch. Der Investitions- und Sanierungsstau im Bildungsbereich ist seit Jahren bekannt, dennoch werden vielerorts weiterhin zu wenige neue Schulen und Bildungsimmobilien realisiert. Gleichzeitig steigen in vielen Regionen die Anforderungen an moderne Lernumgebungen und zusätzliche Kapazitäten. Hinzu kommen angespannte Haushalte und begrenzte personelle Ressourcen. Der Handlungsdruck ist daher unverändert hoch.

Die entscheidende Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob investiert werden muss, sondern wie die dringend benötigten Projekte schneller und effizienter umgesetzt werden können.

 
Heuer Dialog: Sie sprechen oft von zwei Welten. Welche meinen Sie damit?

Birte Becker: Die öffentliche Hand und die Privatwirtschaft. Beide verfolgen dasselbe Ziel: moderne Bildungsinfrastruktur. Kommunen bringen ihre Bildungs-, Betriebs- und Standortkompetenz ein. Private Partner verfügen über Erfahrung in Entwicklung, Finanzierung und Realisierung von Immobilienprojekten. Oft werden diese Stärken als Gegensätze betrachtet. Tatsächlich können sie sich hervorragend ergänzen.

 
Heuer Dialog: Welche Chancen bietet das Mietmodell für den kommunalen Schulbau?

Birte Becker: Das Mietmodell haben wir entwickelt, um die jeweiligen Stärken von Kommunen und privaten Partnern gezielt miteinander zu verbinden. Während die Kommune insbesondere ihre Bildungs- und Standortkompetenz einbringt, übernimmt der private Partner Entwicklung, Finanzierung und Bestandshaltung der Immobilie.

Der Vorteil liegt vor allem in der klaren Aufgaben- und Risikoverteilung. Die Kommune kann sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren, während erfahrene Projektpartner die Realisierung und das langfristige Objektmanagement steuern. Dadurch lassen sich Projekte häufig schneller umsetzen und Risiken gezielt verlagern. Gerade angesichts des hohen Bedarfs an neuen Bildungsimmobilien kann das ein wichtiger Beitrag sein, um dringend benötigte Schulplätze schneller verfügbar zu machen.


Heuer Dialog:
Kritiker sagen oft, private Investoren seien grundsätzlich teurer. Ist das richtig?

Birte Becker: Dieses Argument begegnet mir regelmäßig, berücksichtigt aber nur einen Teil der tatsächlichen Kosten. Häufig werden lediglich die Finanzierungskosten betrachtet. Entscheidend sind jedoch die Gesamtkosten über den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie.

Auch Fördermittel werden oft überschätzt. In der Praxis liegt die Förderquote häufig nur bei rund 20 Prozent der Investitionskosten. Gleichzeitig sind Förderprogramme oftmals mit Anforderungen verbunden, die zusätzliche Kosten verursachen. Zudem hängt die Förderfähigkeit stark von der jeweiligen Bildungsnutzung ab, sodass für viele Projekte gar keine oder nur begrenzte Fördermittel zur Verfügung stehen.

Private Projektentwickler verfügen hingegen über eingespielte Prozesse, Marktkenntnisse und Skaleneffekte. Dadurch können Projekte oft effizient umgesetzt werden. Für eine faire Bewertung sollte deshalb die Gesamtwirtschaftlichkeit eines Projekts betrachtet werden und nicht allein die Finanzierungskosten.


Heuer Dialog:
Welche Vorteile bietet das Mietmodell konkret?

Birte Becker: Neben wirtschaftlicher Effektivität vor allem Geschwindigkeit und Planbarkeit. Angesichts des erheblichen Investitionsstaus zählt jedes Jahr. Wenn eine Schule mehrere Jahre früher fertiggestellt werden kann, profitieren Schülerinnen und Schüler unmittelbar davon.

Darüber hinaus werden Entwicklungs-, Steuerungs- und Baukostenrisiken vom privaten Partner übernommen. Gleichzeitig werden die Kosten über die gesamte Nutzungsdauer besser kalkulierbar.

 
Heuer Dialog: Welche Rolle spielen die Kommunen selbst für den Projekterfolg?

Birte Becker: Eine entscheidende Rolle. Keine externe Partei kennt die Anforderungen an einen Bildungsstandort so gut wie die Kommune. Sie weiß, wie sich Schülerzahlen entwickeln, welche pädagogischen Konzepte benötigt werden und wie ein funktionierender Schulbetrieb organisiert werden muss.

Besonders wichtig ist dabei die sogenannte Phase 0. Hier werden die pädagogischen, funktionalen und räumlichen Anforderungen definiert. In dieser frühen Projektphase werden die wesentlichen Weichen für den späteren Erfolg gestellt.


Heuer Dialog:
Heißt das, die Eigenentwicklung ist das schlechtere Modell?

Birte Becker: Nein. Die Eigenentwicklung kann absolut sinnvoll sein, insbesondere wenn ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen vorhanden sind sowie spezialisiertes Know-how im Bildungsbau.

Entscheidend ist, die jeweiligen Vor- und Nachteile objektiv abzuwägen. Es gibt nicht den einen richtigen Weg für jedes Projekt. Vielmehr sollte jede Kommune prüfen, welches Modell ihre Ziele am besten unterstützt.

 
Heuer Dialog: Ist jeder private Investor automatisch der richtige Partner?

Birte Becker: Ganz im Gegenteil. Die Auswahl des Partners ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Schulen sind keine beliebigen Immobilien, sondern sensible Infrastruktur.

Kommunen sollten deshalb darauf achten, mit Partnern zusammenzuarbeiten, die langfristig denken, ausreichend in den Werterhalt investieren und die Kommune als echten Partner verstehen. Wirtschaftlichkeit ist wichtig, darf aber nicht zulasten der Qualität oder der Nutzbarkeit der Gebäude gehen.


Heuer Dialog:
Was ist Ihr wichtigstes Fazit?

Birte Becker: Der Bedarf an neuen und sanierten Bildungsimmobilien ist hoch, gleichzeitig sind viele Kommunen finanziell und personell stark gefordert. Deshalb sollten alle Umsetzungsoptionen geprüft werden.

Kommunen kennen die Anforderungen an Bildung, Schulbetrieb und Schulentwicklungsplanung. Private Partner bringen Erfahrung in der Entwicklung, Finanzierung und langfristigem Immobilienbetrieb mit. Werden diese Kompetenzen sinnvoll kombiniert, können Projekte oftmals schneller umgesetzt und die vorhandenen Ressourcen gezielt eingesetzt werden. Entscheidend ist, für jedes Projekt das passende Modell zu wählen.

Die Autorin
Birte Becker
Head of Origination Real Estate Funds, LBBW Immobilien

Das Event zum Thema

Montag, 21. September - Dienstag, 22. September 2026
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Frankfurt am Main