Die Autorin
Anne Birgit HöhGeschäftsführerin, Aareon München GmbH
Der Hitzesommer 2026 hat das vielerorts sehr konkret gemacht: An Flachdächern zeigten sich Schäden, weil Bitumenabdichtungen der thermischen Belastung nicht standhielten. Ein ESG-Rating hätte dieses Risiko in den seltensten Fällen abgebildet – und schon gar keine Antwort darauf gegeben, was am einzelnen Gebäude zu tun ist.
Dabei ist Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft messbarer geworden. ESG-Ratings und Benchmarks helfen dabei, Portfolios einzuordnen, Entwicklungen aufzuzeigen und die eigenen Ergebnisse mit denen anderer Marktteilnehmer zu vergleichen. Schwieriger wird es jedoch, wenn aus der Bewertung konkrete Entscheidungen für die Zukunft des Portfolios abgeleitet werden sollen. Denn ein Rating verdichtet eine Vielzahl von Informationen zu Kennzahlen und Scores. Das macht komplexe Zusammenhänge vergleichbar, reduziert sie aber zwangsläufig auch.
Portfolios sind allerdings selten homogen. Hinter einem ESG-Ergebnis können sich Immobilien mit sehr unterschiedlichen Ausgangslagen und Zukunftsperspektiven verbergen. Energetische Qualität und technischer Zustand unterscheiden sich ebenso wie Investitionsbedarf und wirtschaftliche Voraussetzungen. Ein Gebäude mit gutem ESG-Score kann somit trotzdem eine Flachdachabdichtung haben, die dem nächsten Hitzesommer nicht standhalten wird.
Diese Unterschiede sind für strategische Portfolioentscheidungen wesentlich, denn die Bewertung allein sagt noch nichts darüber aus, welches Potenzial ein einzelnes Objekt im Portfolio hat. Für diese Einschätzung muss sie in den konkreten Kontext der Immobilie und ihrer Entwicklungsmöglichkeiten eingeordnet werden.
Damit stößt die Verdichtung, die ein Rating so nützlich macht, an ihre Grenze. Für die strategische Steuerung muss der Blick also wieder auf die einzelnen Immobilien gerichtet werden. Nicht, um sie isoliert zu betrachten, sondern um sie auf einer einheitlichen Basis zu bewerten und anschließend im Portfoliozusammenhang vergleichen zu können.
Technischer Zustand, Nachhaltigkeitsanforderungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen wirken hier zusammen. Sie beeinflussen auf unterschiedliche Weise die Qualität, den Wert und das Entwicklungspotenzial einer Immobilie – und damit ihre Zukunftsfähigkeit.
Der technische Zustand bestimmt, welche Investitionen in den kommenden Jahren notwendig werden, um Substanz und Nutzbarkeit zu erhalten. Nachhaltigkeitsanforderungen zeigen, in welche Richtung sich ein Gebäude darüber hinaus entwickeln muss, um den Anforderungen von Nutzern, Markt und Regulierung gerecht zu werden. Die wirtschaftliche Betrachtung macht schließlich deutlich, welche finanziellen Auswirkungen verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten haben und welche davon langfristig tragfähig sind.
Für strategische Portfolioentscheidungen müssen diese Zusammenhänge in die Zukunft gedacht werden. Unterschiedliche Entwicklungsszenarien machen sichtbar, was sich verändert, wenn Investitionen vorgezogen oder verschoben werden, und welcher CAPEX-Bedarf damit verbunden ist. Welche Folgen haben verschiedene Handlungsoptionen für Wert und Zukunftsfähigkeit einer Immobilie? Und wie lassen sich begrenzte Budgets so einsetzen, dass Nachhaltigkeitsziele, Werterhalt und Wirtschaftlichkeit in Einklang gebracht werden?
Der maßgebliche Schritt führt deshalb vom Bewerten zum Steuern. Denn echte Wirkung entsteht nicht durch einen möglichst guten Score, sondern dort, wo ESG-Ziele in konkrete und wirtschaftlich tragfähige Entscheidungen für die Zukunft des Portfolios übersetzt werden.