Der Autor
Christian KallenbachHead of Sales & Marketing, GARBE Data Centers GmbH
Rechenzentren sind die zentrale Infrastruktur der digitalen Wirtschaft und zugleich Gegenstand energiepolitischer und regulatorischer Debatten. Ihr Strombedarf wächst stark: Weltweit verbrauchen sie rund 415 TWh pro Jahr, bis 2030 könnten es laut IEA etwa 945 TWh sein. Auch im deutschen Markt sind Energieeffizienz, Flächennutzung und Finanzierungsanforderungen längst Teil jeder Projektprüfung. ESG wirkt sich damit direkt auf Standortwahl, Genehmigungsfähigkeit und Investitionsentscheidungen aus.
ESG beginnt vor dem Betrieb
Für Entwickler beginnt diese Verantwortung früher als oft angenommen. Die entscheidenden Weichen werden bereits vor der Inbetriebnahme gestellt. Standortwahl, Netzanbindung, mögliche Abwärmenutzung oder der Umgang mit bestehenden Flächen prägen die ökologische und wirtschaftliche Qualität eines Projekts langfristig.
Hinzu kommt eine Perspektive, die in ESG-Debatten häufig unterschätzt wird: Ein erheblicher Teil der Emissionen von Gebäuden entsteht bereits vor der Nutzung. Rund 39 % der globalen energiebedingten CO₂-Emissionen entstehen im Gebäude- und Bausektor, etwa 11 % davon durch Materialien und Bauprozesse (World Green Building Council).
Mit zunehmender Energieeffizienz und einer stärker dekarbonisierten Stromversorgung sinken die Emissionen im Betrieb weiter. Dadurch gewinnen die sogenannten Embodied Emissions aus Bau und Materialien relativ an Bedeutung und werden künftig einen größeren Anteil an den Lebenszyklusemissionen von Gebäuden ausmachen. Damit rückt die Rolle der Projektentwicklung stärker in den Fokus. Wer Rechenzentren plant, realisiert und veräußert, gestaltet die strukturellen Rahmenbedingungen. Der spätere Betrieb liegt beim Nutzer. Umso wichtiger ist es, bereits in Planung und Bauphase Voraussetzungen für Effizienz, Transparenz und Anpassungsfähigkeit zu schaffen. Materialwahl, technische Konzeption und die Berücksichtigung von Lebenszyklusaspekten prägen die langfristige Performance eines Projekts.
Energieintegration statt reiner Effizienz
Besonders sensibel bleibt das Thema Energie. Entscheidend ist daher nicht nur die absolute Stromaufnahme, sondern wie ein Projekt in das bestehende Energiesystem eingebunden wird.
Nahezu die gesamte elektrische Energie, die in Rechenzentren für IT-Systeme eingesetzt wird, wird letztlich als Wärme abgegeben. Dennoch wird in Europa bislang nur ein sehr kleiner Teil dieser Abwärme genutzt – Schätzungen zufolge rund zwei Prozent (EUDCA). Frühzeitige Abstimmung mit Wärmenetzbetreibern, realistische Effizienzkonzepte und die Einbindung in regionale Strukturen werden daher wichtiger. Auch gesellschaftliche Akzeptanz entsteht selten im Betrieb, sondern bereits in der Planungsphase.
Regulierung verändert die Projektentwicklung
Parallel dazu verändern regulatorische und finanzielle Anforderungen den Rahmen deutlich. EU-Taxonomie, Offenlegungspflichten und ESG-bezogene Prüfungen beeinflussen zunehmend, wie Projekte bewertet und finanziert werden. Auch regulatorisch steigen die Anforderungen: Das deutsche Energieeffizienzgesetz schreibt für neue Rechenzentren ab 2026 einen PUE-Wert von höchstens 1,2 vor (Energieeffizienzgesetz – EnEfG).
Für Entwickler bedeutet das, Nachhaltigkeitsaspekte systematisch mitzudenken. Nicht als kommunikative Ergänzung, sondern als Teil von Governance, Dokumentation und Risikobewertung.
Nachhaltige Rechenzentrumsentwicklung bedeutet deshalb, ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren gemeinsam zu betrachten. ESG ist kein abschließender Berichtspunkt, sondern eine Frage früher Projektentscheidungen. Wer heute Rechenzentren entwickelt, gestaltet damit nicht nur digitale Infrastruktur, sondern auch ihre langfristige ökologische und gesellschaftliche Akzeptanz.