Die Autorin
Anja MandelkowGeschäftsführende Gesellschafterin, LIST Develop Social GmbH & Co. KG
Wenn ich heute mit Betreibern über neue Projekte im betreuten Wohnen spreche, sehe ich häufig denselben Ausdruck: Resignation und Frustration. Seit Jahren hören sie von Projektentwicklern und Planern einen Satz, der wie ein Naturgesetz behandelt wird: „Günstiger geht nicht.“
Ich kenne diesen Satz aus einer anderen Perspektive. Bevor wir List Develop Social gegründet haben, habe ich jahrzehntelang auf der finanzierenden Seite gearbeitet. Ich habe hunderte Bauangebote gesehen, die Betreiber akzeptieren mussten. Schon damals war klar: Dieses „Geht nicht“ ist selten ein Naturgesetz, eher ein Ergebnis veralteter Prozesse.
Mehr denn je ist dieses Denken brandgefährlich. Denn es führt dazu, dass wir am tatsächlichen Bedarf einer ganzen Generation vorbeibauen.
Immer wieder wird für eine Zielgruppe geplant, die es in dieser Breite nicht gibt, die wohlhabenden Senioren, die 1.000 Euro Kaltmiete und mehr für ein Lifestyle-Konzept selbstverständlich tragen. Die Fakten zeigen ein anderes Bild.
Der Wohnungsmarktbericht 2025 der NRW.BANK – den wir aufgrund der sozioökonomischen Struktur Nordrhein-Westfalens als belastbaren Indikator für Gesamtdeutschland lesen können – ist eindeutig:
➡ 76 % der mietenden Seniorenhaushalte zahlen weniger als 500 Euro Nettokaltmiete.
➡ Über 83 % liegen unter 8 Euro pro Quadratmeter.
➡ Die Altersarmut steigt kontinuierlich.
➡ In NRW kommen derzeit nur etwa 30 Angebote auf 100 Nachfragende mit Mobilitätseinschränkungen.
Wenn ein Projekt mit 10 Euro oder mehr Kaltmiete als „alternativlos“ dargestellt wird, ist das keine Marktlogik. Es ist faktisch eine Absage an rund drei Viertel der potenziellen Bewohner.
Wer die 80-jährige Witwe mit Durchschnittsrente nicht mitdenkt, baut kein tragfähiges Marktangebot.
Viele Entwickler verteidigen bestehende Prozesse mit dem Argument, günstigeres Bauen sei unmöglich. Betreiber versuchen daraufhin, es selbst besser zu machen – und starten klassisch mit dem Architekten. Genau hier beginnt das strukturelle Problem.
Traditionelle Planung denkt zuerst in Grundrissen, dann in Kosten. Raum vor Wirtschaftlichkeit. Wird das Projekt am Ende unbezahlbar, dient das Ergebnis als Bestätigung des ursprünglichen „Geht nicht“. Die Ursache liegt jedoch nicht im Bauen selbst. Die Ursache liegt in der Reihenfolge. Wer zeichnet, bevor die Zielmiete als verbindliche Leitplanke definiert ist, verliert die Kostenkontrolle, noch bevor der erste Spatenstich erfolgt.
Wir haben uns entschieden, diese Reihenfolge konsequent zu drehen.
1. Die Zielmiete ist das Gesetz.
Wir starten nicht mit dem Entwurf, sondern mit der Tragfähigkeit. Wenn die Analyse ergibt, dass am Standort maximal 500 Euro Miete – oder weniger – tragbar sind, dann ist das unsere feste Leitplanke.
2. Technische Planung als Hebel.
Wir haben erkannt, je früher die technische Planung in den Prozess integriert wird, desto einfacher wird es Zielmieten einzuhalten.
3. Der digitale Modellbaukasten als Konsequenz.
Deshalb haben wir gemeinsam mit den Spezialisten des LIST-Kosmos einen modularen Modellbaukasten für verschiedene Wohnformen entwickelt, der es uns ermöglicht, ein kosteneffizientes Gebäude für die jeweilige Zielmiete anbieten zu können, ohne die Bedürfnisse von Bewohnern und Pflege einzuschränken.
Noch werden serielle Systeme werden häufig als starr wahrgenommen. In der Praxis erleben wir das Gegenteil. Unser Modell ist für betreute Wohnkonzepte optimiert und zugleich anpassungsfähig. Ob eine Struktur mit 2 × 12 Einheiten oder eine Anpassung auf 3 × 8 Einheiten sinnvoll ist – die digitale Vorarbeit sichert die Kosteneffizienz. Diese technische Denkweise, gepaart mit dem vollen Fokus auf Zielgruppe und Zielmiete, ist unsere Antwort auf “geht nicht”.
Wir müssen aufhören, wirtschaftlich nicht tragfähige Angebote zu akzeptieren. Bezahlbares betreutes Wohnen ist keine Utopie. Es ist das Ergebnis klarer Kalkulation und einer veränderten Planungslogik. Wer Wirtschaftlichkeit und Technik an den Anfang stellt, schafft Angebote, die sozial notwendig und wirtschaftlich belastbar sind. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob es geht, sondern: Sind Sie bereit, die Reihenfolge zu ändern.