Die unterschätzte Komplexität der Nachnutzung

Kaufhaus, Büro – und dann?

Leerstehende Warenhäuser in prominenten Innenstadtlagen, verwaiste Bürotürme am Stadtrand: Die Bilder ähneln sich, die Herausforderungen auch.

Thomas Schütz 2. März 2026
Umnutzung eines Gebäudes
Quelle: Getty Images

 

Doch zwischen der Erkenntnis, dass eine Immobilie nicht mehr funktioniert, und einer erfolgreichen Nachnutzung liegen komplexe Entscheidungen. Sie erfordern mehr als gute Absichten: Sie verlangen interdisziplinäres Denken und Handeln.

Vier Dimensionen, ein Ziel

Die Transformation eines Kaufhauses oder Bürogebäudes ist kein klassisches Bauprojekt. Wer Nachnutzung ernst meint, muss vier Dimensionen gleichzeitig im Blick haben: Städtebau, Wirtschaftlichkeit, Technik und Architektur. Jede für sich ist komplex: Zusammen bilden sie ein System, das nur funktioniert, wenn alle Disziplinen von Anfang an zusammenarbeiten.

In der Praxis scheitern viele Projekte genau daran. Der Investor prüft die Rendite, bevor die technische Machbarkeit geklärt ist. Der Architekt entwirft, ohne das Planungsrecht zu kennen. Die Stadt wartet ab, statt aktiv mitzugestalten. Das Ergebnis: Verzögerungen, Kostenexplosionen, Stillstand.

Struktur und Technik: Was das Gebäude hergibt

Bevor Nutzungskonzepte entstehen, braucht es einen schonungslosen Blick auf das Gebäude. Gebäudetiefe, Fensterachsen und Achsmaße bestimmen die Belichtungsmöglichkeiten. Deckenhöhen und Tragfähigkeit zeigen, welche Nutzlasten möglich sind. Der Zustand der technischen Anlagen – Heizung, Kühlung, Lüftung, Elektro – definiert den Investitionsbedarf. Brandschutz und vertikale Erschließung setzen harte Grenzen.

Viele Kaufhäuser und Bürogebäude der Siebziger- und Achtzigerjahre haben Gebäudetiefen von 18 bis 22 Metern. Für den Warenhausbetrieb war das ideal: große Flächen ohne störende Stützen. Für Wohnen ist es ein Ausschlusskriterium: Die Landesbauordnungen fordern für Aufenthaltsräume natürliche Belichtung, die bei solchen Tiefen nicht gewährleistet ist. Manchmal lässt sich durch Lichthöfe oder Teilrückbau eine Lösung finden. Manchmal bleibt nur der Abriss.

Nutzungsspezifische Anforderungen kennen

Jede Nachnutzung stellt eigene Anforderungen. Hotels benötigen getrennte Betreiberinfrastruktur, ausreichende Back-of-House-Flächen für Wäsche, Küche und Anlieferung sowie Brandschutzkonzepte für Beherbergungsstätten. Labore und Life-Sciences-Nutzungen verlangen Deckenlasten von mindestens 500 kg/m², erschütterungsarme Konstruktionen und aufwendige Medienversorgung mit Gas, Wasser und erhöhter Stromkapazität. Wohnungen erfordern neben der Belichtung auch Schallschutz zwischen den Einheiten, private Außenbereiche und eine kleinteilige vertikale Erschließung.

Wer diese Anforderungen nicht früh prüft, plant am Gebäude vorbei – und merkt es erst, wenn die Kosten explodieren.

Und wenn das Gebäude passt, bleibt das Planungsrecht

Selbst wenn die technische Prüfung ergibt, dass Wohnen baulich möglich wäre, wartet die nächste Hürde: das Planungsrecht. Viele ehemalige Kaufhäuser liegen in Kerngebieten nach Baunutzungsverordnung. Dort ist Wohnen nur ausnahmsweise zulässig, und auch dann nicht in beliebigem Umfang. Eine Umnutzung erfordert häufig Änderungen im Bebauungsplan oder mindestens eine Befreiung. Beide Wege kosten Zeit: Bebauungsplanverfahren dauern oft zwei bis vier Jahre.

Erfolgreiche Transformationen entstehen dort, wo Eigentümer und Kommunen früh in den Dialog treten. Die Stadt muss verstehen, welche Nutzungen wirtschaftlich tragfähig sind. Der Investor muss akzeptieren, dass städtebauliche Qualität die Voraussetzung für langfristigen Erfolg ist.

Szenarien durchrechnen, dann entscheiden

Nach der technischen Prüfung folgt die wirtschaftliche Bewertung. Eine Nutzungsmatrix stellt Szenarien gegenüber: Revitalisierung als Büro, Umbau zu Hotel, Konversion zu Wohnen, Mixed-Use mit Nahversorgung im Erdgeschoss. Für jede Option werden Zielmieten, Exit-Yields und Investitionskosten geschätzt.

Oft liegt die Lösung in der Kombination: Ein reines Wohnprojekt rechnet sich nicht, aber ein Mix aus Wohnen in den Obergeschossen, Büro oder Praxen im ersten Stock und Nahversorgung im Erdgeschoss erreicht die Renditeziele.

Fazit: Komplexität managen, nicht ignorieren

Leerstehende Kaufhäuser und Büros stellen keine unlösbaren Probleme dar – sie sind aber auch mehr als reine Routineaufgaben. Wer Städtebau, Wirtschaftlichkeit, Technik und Architektur zusammen denkt, findet Lösungen. Wer in Silos arbeitet, produziert Stillstand. Die Innenstädte von morgen entstehen dort, wo heute die richtigen Fragen gestellt werden – gemeinsam, nicht gegeneinander.

 

Der Autor
Thomas Schütz
Associate Partner, Drees & Sommer

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