Die Autorin
Claudia TschunkoLeiterin Architketur, Arup UKIMEA
Die Immobilienlandschaft im LifeScience Sektor entwickelt sich rasant. Gebäude, die sich nicht anpassen lassen, verlieren schnell an Bedeutung; diejenigen hingegen, die auf Flexibilität und digitale Leistungsfähigkeit ausgelegt sind, werden die nächste Entwicklungswelle prägen. Der Sektor bewegt sich inzwischen zu schnell für statische Assets. Über Projekte und Märkte hinweg zeigt sich deutlich: Organisationen, die Gebäude als anpassungsfähige Plattformen für wissenschaftlichen Fortschritt begreifen, verschaffen sich einen klaren Vorsprung. Wer heute in Flexibilität investiert, gestaltet Zukunft — statt ihr hinterherzulaufen.
In ganz Europa bleibt die Nachfrage nach hochwertigen Labor- und F&E‑Flächen hoch, doch die Erwartungen haben sich verändert. Auftraggebende suchen nicht mehr einfach „Labore“, sondern Umgebungen, in denen Menschen, Technologie und Wissenschaft gemeinsam wachsen können. Immer häufiger erlebe ich den Wunsch, Arbeitsabläufe, Ausstattung und Zusammenarbeit ohne lange Planungshorizonte oder kostenintensive Unterbrechungen neu konfigurieren zu können. Das bedeutet modulare Grundrisse, universelle Arbeitsplätze, anpassungsfähige TGASysteme und PlugandPlay‑Infrastruktur. Gleichzeitig braucht es großzügige, tageslichtreiche Räume, die Talente anziehen und interdisziplinäres Arbeiten selbstverständlich werden lassen. Gute Wissenschaft entsteht nicht zufällig — sie entsteht dort, wo die richtigen Menschen und geeigneten räumlichen Voraussetzungen zusammenkommen.
Die Digitalisierung verändert die Anforderungen schneller, als viele erwarten. Automatisierung, cloudbasierte Funktionen und datengesteuerte Prozesse beeinflussen, wie Experimente geplant und überwacht werden — und wie Organisationen als Ganzes arbeiten. Zukunftsfähige Gebäude müssen daher nicht nur leistungsfähig sein, sondern lernen und sich weiterentwickeln können. Das erfordert interoperable Datenebenen, digitale Zwillinge, die Teams beim Verstehen und Optimieren ihrer Anlagen unterstützen, sowie Infrastruktur, die bereit ist für Robotik und neue Technologien. Wenn digitale Flexibilität von Beginn an in Architektur und Systeme integriert ist, lassen sich neue wissenschaftliche Prozesse einführen, ohne erneut große Investitionen auszulösen.
Ebenso zentral ist der Nachhaltigkeitsanspruch — und gerade hier sehe ich die dynamischsten Entwicklungen. Labore sind naturgemäß energieintensiv, doch die Annahme, dass hohe Leistungsfähigkeit und niedriger CO₂‑Ausstoß im Widerspruch stehen, gilt längst als überholt. Intelligente Steuerungen, adaptive Lüftungsstrategien und zirkuläre Designansätze können Betriebs und graue Emissionen erheblich reduzieren und zugleich die Resilienz steigern. Digitale Werkzeuge verstärken diese Effekte, indem sie neue Einblicke schaffen und komplexe Umgebungen effizienter steuerbar machen. Erfolgreiche Projekte erkennen, dass Nachhaltigkeit kein Limit ist — sondern ein Hebel.
Ein prägnantes Beispiel hierfür ist Arups langjährige Arbeit an One Triton Square in London, beauftragt von British Land und Royal London. Das Gebäude wurde bereits in den 1990erJahren von Arup mit besonderem Fokus auf Anpassungsfähigkeit entwickelt und später umfassend erneuert — mit weitreichender Wiederverwendung von Struktur und Bausubstanz. Nun beginnt seine nächste Entwicklungsphase: ein LifeSciencesHub im Herzen des entstehenden Knowledge Quarter. Die aktuelle Transformation umfasst Inkubatorlabore, CL2Bereiche, Schreibzonen und CoWorking‑Flächen, die sich mit dem Wachstum von Organisationen ausdehnen oder zurücknehmen lassen — unterstützt durch modulare Versorgungssysteme, flexible Steigzonen und rekonfigurierbare Grundrisse. Dieses Projekt zeigt für mich, wie intelligente Adaptation aussieht: ein Gebäude als Ökosystem für Innovation, dessen Wert sich über mehrere Zyklen hinweg weiterentwickelt, statt durch Abriss wieder bei null zu beginnen.
Für den Gesamtmarkt ergibt sich daraus eine klare Lehre:
Die erfolgreichsten LifeScience‑Entwicklungen basieren auf Konzepten, die Flexibilität ermöglichen — durch architektonische Adaptierbarkeit, digitale Bereitschaft, nachhaltige Strategien und eine konsequent menschzentrierte Gestaltung. Diese Aspekte sind keine Ergänzungen, sondern das Rückgrat jedes Briefings. Wenn wir sie richtig integrieren, entstehen Gebäude, die heute leistungsfähig sind und morgen relevant bleiben: dauerhafte Plattformen für wissenschaftliche Entdeckungen und verlässliche Anker in ihrem städtischen Kontext.
Die Aufgabe ist klar: Wenn wir Wandel heute mitdenken, können wir Orte der Wissenschaft schaffen, die Leistung steigern, Emissionen senken und die Innovationsökonomien stärken, die auf sie angewiesen sind. Genau hier kann unsere Branche Führung übernehmen — und genau darauf möchte ich meine Energie richten.