28.05.2024
Tobias Michels
Roland Sitzberger

Wie industrielle Vorfertigung das Spiel verändert

Wohnhäuser in Serie

Der Holzbau erlebt derzeit einen bemerkenswerten Boom in Deutschland. Trotz eines schwierigen Umfelds stieg die bundesweite Holzbauquote im vergangenen Jahr weiter an.

Während die Anzahl genehmigter Wohngebäude 2023 um dramatische 38,6 Prozent einbrach, erhöhte sich die Holzbauquote im Neubau von Wohngebäuden auf 22 Prozent und im Nichtwohnbau auf 23,4 Prozent.[1] Die Perspektive für den Holzbau war selten so positiv wie derzeit. Dieser Aufwind ist nicht nur durch interne Entwicklungen der Branche, sondern vorwiegend durch externe Einflüsse getrieben. Entscheidend ist, auf diese geänderten Rahmenbedingungen richtig zu reagieren, um das Potenzial zu nutzen.

Gestiegene Anforderungen an die Baubranche

Verschiedene Trends spielen dem Holzbau in die Karten. Ein wichtiger Treiber ist der demographische Wandel: Das prognostizierte Bevölkerungswachstum und die Überalterung der Gesellschaft lassen den Bedarf an Wohnraum und Infrastruktur in den nächsten Jahrzehnten deutlich ansteigen. Bis 2035 entsteht in Deutschland ein jährlicher Bedarf von ca. 219.000 Wohnungen.[2] Der größte Bedarf entsteht in den Städten, wo bis 2050 84 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leben wird. Dies verschärft die ohnehin knappe Wohnraumsituation und erfordert neue bautechnische Lösungen zur Nachverdichtung wie Aufstockung und so genanntes “Micro Living” in kleinen Apartments und mit gemeinschaftlich genutzten Flächen und Einrichtungen.[3] Zudem wächst die Bedeutung nachhaltiger Produkte und Lieferketten signifikant. Forderungen nach einem niedrigen CO2-Fußabdruck, Zirkularität und positiven ESG-Ratings beeinflussen spürbar den Wettbewerb in der Bauwirtschaft. Dies zeigt sich in der exponentiellen Zunahme von Nachhaltigkeits-Zertifizierungen (DGNB), die zwischen 2015 und 2020 um etwa 550 Prozent gestiegen sind.[4]

Holzbau als Lösung?

Angetrieben durch diese Trends verändern sich die Anforderungen an die Bauwirtschaft: Künftig geht es darum, mehr, schneller, flexibler, nachhaltiger und zugleich günstiger zu bauen.Holz scheint perfekt auf diese Anforderungen zu passen: als nachwachsende Ressource, gut zu bearbeiten, vorbearbeitbar, rückbaubar und flexibel nutzbar. Doch können die Unternehmen der Holzbaubranche diese Anforderungen auch bedienen?

Die aktuellen Herausforderungen der Holzbaubranche sind vielschichtig: Ein ausgeprägter Fokus auf Fachkompetenz bei gleichzeitigem Fachkräftemangel gehört dazu. Hinzu kommt das Silodenken: Der Holzbau und die gesamte Bauindustrie sind traditionell und konservativ ausgerichtet. Die Wertschöpfungskette folgt klaren, über Jahrzehnte etablierten Regeln – mit wenig Abstimmung zwischen den Gewerken. Doch das größte Problem liegt in der Unikatbearbeitung: Jeder Auftrag wird als Einzelstück behandelt (Engineer-to-Order), was zu Ineffizienzen und Verzögerungen führt – anders ausgedrückt, zu Spezialisten mit limitierter Leistungsfähigkeit. Dies steht im Widerspruch zu den Marktanforderungen und wird durch externe Herausforderungen wie zunehmende Projektkomplexität, Materialknappheit und Lieferengpässe verstärkt. Das bisherige System ist für die Industrie nicht mehr wirtschaftlich.

Neue Wege einschlagen

Eine neue Arbeitsweise namens Configure-to-Order könnte die Lösung sein. Vorgedachte und vorentwickelte Komponenten werden projektspezifisch angepasst. Wo es keine Standardlösung gibt, wird im bekannten Lösungsraum ergänzt. Die Produktion erfolgt abseits der Baustelle, basierend auf standardisierten Komponenten, die vor Ort schnell montiert werden. Dies reduziert signifikant Störungen durch mangelnde Synchronisation, fehlendes Material und langwierige Bauabläufe. Ein Gebäude wird nicht mehr gebaut, sondern produziert und montiert.