14.05.2024
Yvonne Traxel
Oliver Leisse

7. Jahreskongress Tempräres Wohnen

Das temporäre Wohnen ist die Zukunft des Wohnens im Zeitalter der künstlichen Intelligenz

Interview mit Oliver Leisse, Futurist, Gründer von SEE MORE, Institut für Zukunftsforschung, Hamburg

Heuer Dialog: Wie ist das Thema des temporären Wohnens historisch einzuordnen?

Oliver Leisse: Wenn wir das große geschichtliche Bild sehen, waren die Menschen mehrere Zehntausend Jahre nomadische Jäger und Sammler, bevor sie sich dann vor etwa 12.000 Jahren niederließen und sesshaft wurden. Das war die neolithische Revolution.   

HD: Historiker sind der Auffassung, dass mit dieser Revolution viele Probleme begannen. Sicherheit wurde zu einem Problem, es wurde nun immer mehr gearbeitet, um überleben zu können. Was hat sich mit dem Zeitalter der KI geändert?

OL: Nun beginnt das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Es wird nun wieder weniger gearbeitet, die KI nimmt uns in allen Bereichen viel Arbeit ab. Wir haben Zeit, Zeit füreinander und für neue Erlebnisse. Wir haben keinen Grund mehr, an einem Ort über viele Jahre zu bleiben. Während wir bisher dort lebten, wo wir arbeiteten, kommt nun eine Zeit des Wandels und der Mobilität auf uns zu. Wir können überall leben und arbeiten. Die ortsgebundenen Jobs werden in wenigen Jahrzehnten durch menschenähnliche Roboter erledigt. Das klingt unwahrscheinlicher als es letztlich ist, denn wir sehen die KI Revolution bereits bei der Blue Collar Arbeit.

HD: Was bedeutet Blue Collar Arbeit?

OL: Blue Collar bezieht sich auf Arbeiter, die hauptsächlich manuelle oder körperliche Arbeit verrichten, oft im handwerklichen oder technischen Bereich. Hier ist man bislang davon ausgegangen, dass diese Arbeiter kaum zu ersetzen sind, da es oft feinmotorische Aufgaben sind. Weit gefehlt, es zeigt sich, dass Roboter in der Lage sein werden, Spülmaschinen ein- und auszuräumen ohne Gläser zu zerbrechen und sie werden auch gefährliche Jobs wie die Arbeit eines Dachdeckers übernehmen können.

HD: Was macht das temporäre Wohnen als Zukunft des Wohnens aus und welche Rolle spielt hier KI?

OL: So wird das temporäre oder besser das „agile“ oder „mobile“ Wohnen der neue Standard und die Zukunft des Wohnens. Die Fluktuation in den Metropolen wird hoch sein, wir wechseln von Ort zu Ort, um Menschen anderer Kulturen und mit anderen Perspektiven zu treffen, wir entdecken die vielfältigen Landschaften und Küchen und kommen mit wechselnden Job-Teams zusammen. Der KI sei Dank, denn sie kümmert sich um perfekte Wohnbedingungen, Abgleich von Angebot und Nachfrage, Erlebnisse, optimale Energiesteuerung, maximale Effizienz und Nachhaltigkeit. 

HD: Was sind die nächsten Herausforderungen?

OL: Die Umsetzung. Das Ziel ist klar, jetzt sollten wir beginnen, die Voraussetzungen für diese Zukunft zu schaffen. Denn entgegen der neolithischen Revolution, bei der wir sesshaft wurden und die mehrere Jahrtausende andauerte, findet die Revolution in der wir uns jetzt befinden und die uns wieder mobil macht, innerhalb weniger Jahrzehnte statt.

Die Autoren
Yvonne Traxel
Head of Operations
Heuer Dialog GmbH
Oliver Leisse
Futurist, Gründer
SEE MORE, Institut für Zukunftsforschung, Hamburg