26.04.2024
Matthias Föllenz

Abriss und Neubau ist nicht immer die beste Lösung

Das Potenzial von Bestandsimmobilien neu entdecken

Bau- und Abbruchabfälle machen laut statistischem Bundesamt den größten Teil des gesamten Abfallaufkommens aus.

Gebäude werden häufig abgerissen, um Neubauten zu ermöglichen. Dabei ist die Sanierung und Revitalisierung von Bestandsgebäuden häufig die nachhaltigere Lösung.

Etwa 55 Prozent der Abfälle in Deutschland stammen aus der Baubranche. Pro Sekunde entstehen landesweit mehr als 7,3 Tonnen Bauabfälle. Diese vom Bundesumweltamt ermittelten Zahlen sind unter anderem auf der Webseite Abriss-Atlas.de veröffentlicht. Das Portal will die Dimensionen der Gebäudeabrisse in Deutschland durch Beteiligung der Bevölkerung fassbar machen. „Wir sind überzeugt, dass ein Umdenken in unserer Gesellschaft und drastische Veränderungen in der Baubranche nötig sind, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens noch zu erreichen“, schreiben die Betreiber der Homepage, Architects for Future Deutschland e. V.

Das Bewusstsein für nachhaltiges Bauen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Dies belegt eine Statistik aus der Wohnungsbranche, wonach zumindest hier, Stand 2022, mit insgesamt 16.500 Wohnungen pro Jahr deutlich weniger Wohnraum durch Abriss oder Umwidmung verloren ging. Zum Vergleich: Der Höchststand aus dem Jahr 2004 lag bei 60.000 Wohnungen. Die Zeiten, in denen bei der Frage „Abriss und Neubau oder Sanierung?“ allein die bloßen Baukosten auschlaggebend waren, gehören der Vergangenheit an. Inzwischen ist es ein Kernziel, CO2-Emissionen zu reduzieren. Doch wenn CO2-Emission und Energiebedarfe bei der Planung von Bauvorhaben eine Rolle spielen, dann werden diese zumeist in der Nutzungs- und Betriebsphase betrachtet. Doch dies ist zu kurz gedacht! Denn für ein bestehendes Gebäude ist in der Vergangenheit bereits Energie aufgewandt worden – zum Beispiel für Produktion, Lagerung, Transport und Montage der verbauten Materialien, diese gilt es zu berücksichtigen und zu nutzen. Bei einer vollumfänglichen Bewertung der Sanierbarkeit von Bestandsgebäuden, insbesondere bei einer Abwägung mit Fokus auf das emittierte CO2, muss daher der gesamte Lebenszyklus des Gebäudes betrachtet werden. Dazu gehört auch die bereits für das Gebäude aufgewandte und in Form von Grauer Energie in den Baustoffen gespeicherte Energie.

Unnötige Abrisse vermeiden

Für mehr Sanierungen und weniger Abriss braucht es zudem die Unterstützung der Politik, wie zum Beispiel in den Niederlanden. Hier gilt laut einer Veröffentlichung des Buildings Performance Institute Europe seit 2018: Bei Bauvorhaben sind vorab die Auswirkungen auf die Umwelt zu berechnen. Die Methodik dahinter basiert auf der Ökobilanz des gesamten Lebenszyklus und ermöglicht auch die Berechnung der Umweltleistung eines Gebäudes bei Renovierung oder Umbau. Somit rückt auch die Graue Energie in den Fokus der Betrachtung. In Deutschland war ein wichtiger erster Schritt in diese Richtung das im Herbst 2020 verabschiedete Kreislaufwirtschaftsgesetz. Demnach sind Hersteller von Baumaterialen dazu verpflichtet, Produkte so zu konzipieren, dass sie langlebig und reparaturfähig sind. Das Gesetz greift jedoch ins Leere, wenn die mit den kreislaufwirtschaftskonformen Baustoffen erstellten Gebäude aus wirtschaftlichen Gründen nach wenigen Jahren wieder abgerissen werden. Vor allem die öffentliche Hand sollte die Entscheidung zwischen Abriss und Neubau oder Sanierung künftig nicht an der Öffentlichkeit vorbei treffen. Das zeigte sich vergangenes Jahr in Köln, wie der Kölner Stadt-Anzeiger berichtete: Das Justizzentrum sollte nach dem Willen der Landesregierung abgerissen und neu errichtet werden. Der Kölner Ortsgruppen-Vorstand der Naturschutzorganisation BUND erhob Einspruch und forderte „wegen der intransparenten Abrissplanung“ auf Basis des Umweltinformationsgesetzes Einblick in die Unterlagen. Daraufhin gab der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW eine Untersuchung in Auftrag. Diese kam zu dem Ergebnis, dass eine Kernsanierung entgegen des bereits beschlossenen Abrisses uneingeschränkt machbar und sinnvoll sein könnte.

Bauordnungsrecht modernisieren

Das Bau- und Dienstleistungsunternehmen Goldbeck hat bereits seit einigen Jahren die zunehmende Bedeutung von nachhaltigem Bauen erkannt. Das Unternehmen nutzt dafür u.a. den selbst entwickelten „Carbon Footprint Calculator“. Dieser ermöglicht es, CO2-Emissionen eines Bauvorhabens bereits in einer frühen Projektphase transparent darzustellen. Dabei lassen sich verschiedene Lebenszyklusphasen einer Immobilie betrachten und unterschiedliche Ausführungsvarianten der Gebäude miteinander vergleichen. Das ist einzigartig in Europa.

Um im Sinne des Klimaschutzes Kernsanierungen zu fördern, braucht es zudem eine Modernisierung der Bauordnungen. Aktuell sind besonders die für Sanierung und Neubau gleichermaßen geltenden Wärmeschutzvorgaben in Bestandsgebäuden deutlich schwerer umzusetzen. Zum Beispiel, wenn es um einzuhaltende Raumhöhen bei der Kellerdeckendämmung geht oder um die Berücksichtigung von Dachlasten für eine zusätzliche Dämmung. Für Bestandsgebäude sind pragmatische und besser umsetzbare Lösungen notwendig. Denn es ist wichtig, über den Erhalt von Bausubstanz möglichst viel von der Grauen Energie erhalten zu können, die bei der Herstellung der Bauteile und der Errichtung eines Gebäudes bereits entstanden ist.

Das Event zum Thema
Der Autor
Matthias Föllenz
Produktmanager Bauen im Bestand
Goldbeck GmbH