14.02.2024
Sebastian Theißen

Auf welcher Grundlage wir diese Entscheidung treffen sollten

Abriss und Neubau oder Revitalisierung im Bestand?

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt in der Immobilienbranche ein recht simpler, nahezu unumstößlicher Grundsatz: Wenn neue Flächen gebraucht wurden, kaufte man ein Grundstück.

Die Entwicklungen und Bestrebungen im Sinne der Nachhaltigkeit brachten und bringen auch weiterhin diesen Grundsatz ins Wanken. Die Versiegelung neuer Flächen ist limitiert, und vor allem in städtischen Lagen sind viele Flächen schlicht bereits bebaut. So ist ein Neubau nur in Kombination mit dem vorherigen Abriss der bestehenden Immobilie möglich, was die Kosten erhöht. Allein aus diesen Gründen gewinnt die Revitalisierung des Bestandes zunehmend an Bedeutung und wird perspektivisch den Großteil unserer Branche dominieren. Einerseits aus Kostengründen und dem Mangel an Neubauflächen, andererseits ergibt das Bauen im Bestand auch aus ökologischer Sicht Sinn.

Auf diese Weise bleiben die materialgebundenen Emissionen auch weiterhin gebunden, es entfallen viele Lieferwege und die Produktion von Neuteilen, was sich wiederum positiv auf die CO2-Bilanz auswirkt.Dennoch ist der klassische Neubau nicht tot. Bei der Entscheidung, ob eine Sanierung oder ein Neubau die bessere Variante ist, unterstützt uns heute die Ökobilanz. Sie zeigt nicht nur die betrieblichen Emissionen, die im Laufe der Gebäudenutzung entstehen auf, sondern betrachtet auch die materialgebundenen Emissionen, die bei der Rohstoffgewinnung, Herstellung und dem Transport von Baustoffen und -produkten entstehen und sofort in die Atmosphäre abgegeben werden. So sind es die Materialien und die damit zusammenhängenden Prozesse, die vor allem beim Neubau die größten Emissionen verursachen. Gleichzeitig können wir mit Hilfe einer Ökobilanz auch nachvollziehen, wie viele graue Emissionen beim Bestandserhalt weiterhin gebunden bleiben und im Vergleich zum Abriss und Neubau eben nicht neu emittiert werden. Die Ökobilanzierung erlaubt es also schon im Planungsprozess unterschiedliche Gebäudevarianten digital zu vergleichen und ihren Ressourcenverbrauch sowie Emissionsausstoß über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu betrachten.

Doch selbst diese schon sehr umfangreiche Betrachtung greift noch zu kurz. Es muss einmal mehr das große Ganze betrachtet werden. Ökobilanzen sind nur bedingt geeignet, Aspekte der Zirkularität zu bewerten, da sie Einbau-, Montage- und Verbundsituationen, die bei der Errichtung umgesetzt werden, nicht erfasst oder berücksichtigt. Diese sind jedoch entscheidend für die Rückbaubarkeit und der Zuordnung eines korrekten, möglichen End of Life (EoL) Szenarios für eine Immobilie. Sowohl für den Neubau als auch für die Sanierung gilt deshalb: bitte zirkulär. Denn in der Kreislaufwirtschaft liegt ein großer Hebel, um die Nachhaltigkeit in der Immobilienbranche massiv voranzutreiben. Dafür brauchen wir mehrere Dinge: Materialien mit hohen Recyclingquoten, den Erhalt von Bausubstanz oder die Wiederverwendung verbauter Materialien, Informationen über die Einbau-, Montage- bzw. Verbundsituation und eine Methode, die auch Zirkularität mit einbezieht. Es ist an der Zeit, Gebäuderessourcenpässen neben der Ökobilanz zu etablieren und zur Pflicht zu machen.

 

Der Autor
Sebastian Theißen
Geschäftsführender Gesellschafter
List Eco