08.02.2024
Fabian Gierl

Nur eine ganzheitliche Betrachtung bringt tragfähige Ergebnisse

Vielseitige Mobilität für eine hoch individualisierte Zukunft

Die Lösungen, um das Verkehrssystem energieärmer und klimafreundlicher zu gestalten, liegen auf der Hand. Tonnenschwere Elektro-SUVs sind nicht deren Hauptbestandteil. Ein vielversprechender Ansatz ist zum Beispiel das bewährte Avoid-Shift-Improve-Modell.

Der Ansatz umfasst drei Handlungsschritte, um den ökologischen Fuß- bzw. Reifenabdruck des Verkehrssektors zu reduzieren: den Verkehr zu vermeiden durch intelligente Nutzungsmischungen und kurze Wege (eine Reduzierung der Mobilitätsbedürfnisse), den Verkehr zu verlagern auf umweltschonende Verkehrsträger und schließlich (und erst an dritter Stelle!) den Verkehr zu verbessern durch Einsatz effizienter Antriebstechnologien.

Die gemeinhin einfachste und wirtschaftlichste Maßnahme ist, Verkehr bzw. Mobilität zu reduzieren. Wer sich weniger automobil bewegt, benötigt auch weniger fossile Energie. So gilt es, Mobilität von ihren Anlässen her zu denken und Verkehr gar nicht erst entstehen zu lassen. Das ist zum einen mit Städten der kurzen Wege möglich. Dafür braucht es gemischt genutzte Quartiere, die ihren Einwohnern Wohn-, Arbeits- und Freizeitmöglichkeiten vor Ort bieten. Gleichzeitig müssen Arbeitgeber auch nach der Corona-Pandemie die Vorteile des mobilen Arbeitens nutzen und die digitalen Kommunikations- und Kollaborationssysteme dort einsetzen, wo sie unnötige Dienstreisen vermeiden. Allerdings ist dieser Ansatz begrenzt: Denn völliger Stillstand ist selbst in der Stadt der kurzen Wege weder eine realistische noch eine lebenswerte Option. Und persönliche Kontakte in Büros und auf Messen können auf Dauer nicht gleichwertig im virtuellen Raum stattfinden.

Straßenbahn und Stadtbus statt SUV

Daher gilt es im zweiten Schritt den Verkehr auf alternative Verkehrsträger zu verlagern. Im besten Fall steigt also, wer heute den Pkw nutzt, morgen auf die Straßenbahn um. Weithin bekannt ist aber auch, dass dieser Schritt für viele kein leichter ist. Es braucht umso attraktivere Alternativen. Für diejenigen, die auf ein Auto nicht verzichten können oder wollen, bietet sich Carsharing als umweltschonendere Alternative an. Der Flächenverbrauch eines Pkw beträgt das Fünf- bis Zehnfache gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln. Das sind Flächen, die sich bei einer guten Planung für viel sinnvollere Zwecke nutzen und die Innenstädte für Besucher und Bewohner attraktiver gestalten lassen – etwa in Form von Grünanlagen, Brunnen oder öffentlichen Treffpunkten. Das alles zeigt: Eine Mobilitätswende ist nicht nur eine Herausforderung im Hinblick auf die dafür notwendigen alternativen Energiesysteme – sie bringt auch einen Change bei der Nutzung von Flächen und damit verbunden unserer Lebensqualität mit sich.

Und es gibt Luft nach oben: Um die Energie- und Verkehrswende wirklich voranzubringen, sind klimafreundliche Technologien unabdingbar. Und so sollten drittens in Zukunft alle Verkehrsmittel mit regenerativen Energien angetrieben werden. Wasserstoffbetriebene Busse und Elektroautos sind dafür schon heute gute Beispiele. Vor allem bei Letzteren zeichnet sich eine positive Entwicklung ab: In den vergangenen Jahren ist die Elektrifizierung der Fahrzeugantriebe zu einem deutlichen Trend geworden, der den Markt zunehmend prägt. Auch die Ladeinfrastruktur wächst und wird zum Teil beim Bau von neuen Gebäuden und Quartieren schon mitgedacht. Derzeit nehmen elektrisch aufladbare Fahrzeuge, Hybridfahrzeuge und reine Elektroautos in Deutschland noch einen Anteil von rund 15 Prozent bei Neuzulassungen ein, Tendenz steigend. Förderprogramme des Bundes und EU-Richtlinien zum Erreichen der Klimaschutzziele wie die EU-Taxonomie wirken beschleunigend auf diesen Trend ein: Bis Ende des Jahrzehnts wird mit über zehn Millionen E-Fahrzeugen auf deutschen Straßen gerechnet. Aktuell sind über eine Million E-Fahrzeuge zugelassen.

Das Elektroauto ist aber nur dann ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch der Strom aus der Ladesäule und die Energie für die Produktionsstätte klimafreundlich erzeugt werden. Leider bleibt derzeit der Anteil an erneuerbaren Energien im Energienetz mangels Speicherkapazitäten begrenzt. Energie aus regenerativen Quellen muss oftmals bei Spannungsspitzen vom Netz genommen werden – fossile Energien bleiben hingegen angebunden. Dabei wäre bilanziell gesehen bereits heute ein deutlich grünerer Energiemix möglich. Die parkenden Vehikel müssen zukünftig als dezentrale Energiespeicher einen Beitrag leisten und könnten durch die intelligente Netzanbindung über Smart Grids sogar zur Netzstabilität beitragen.

Wasserstoff schließt Lücken im System

Um die doppelte Transformation zu schaffen, braucht es also die Kopplung der beiden Sektoren Mobilität und Energie. Für einen reibungslosen und damit energieeffizienten Übergang müssen hier verschiedene Technologiepfade eingeschlagen werden. So gilt neben batterieelektrischen Antrieben der klimafreundlich hergestellte Wasserstoff als Energieträger der Zukunft. Spätestens seit der Mitte 2020 veröffentlichten „Nationalen Wasserstoffstrategie“ der Bundesregierung verspricht dieser innovative Energieträger spannende Entwicklungen auch im Mobilitätssektor. Im Kontext urbaner Mobilität sollte Wasserstoff daher neben der Batterietechnologie als weiterer Baustein in die Systembetrachtung miteinbezogen werden. Sicherlich ist der Hebel zur CO2-Reduzierung des wertvollen grünen Wasserstoffs in der Schwer- und verarbeitenden Industrie noch größer. Doch auch in der Mobilität wird Wasserstoff Lücken im System schließen können – nämlich dort, wo die Batteriespeicher an ihre Grenzen stoßen.

Der mittels Elektrolyse aus Wasser erzeugte gasförmige oder flüssige Energieträger hat den großen Vorteil, dass während des Herstellprozesses keine CO2-Emissionen anfallen. Zudem kann die Energie aus regenerativen Quellen wie Sonne, Wind und Biomasse durch die Erzeugung von Wasserstoff gespeichert und zum Verbraucher transportiert werden. Das sind beispielsweise Tankstellen, wo vor allem Lkw, also der Schwertransport, damit betankt werden sollen. Erste deutsche Städte wie zum Beispiel Frankfurt am Main arbeiten bereits an Konzepten einer regionalen Wasserstoff-Wertschöpfungskette. Ein Nachteil dieser Technologie sei allerdings nicht verschwiegen: die Effizienz des regenerativ produzierten Wasserstoffs ist äußerst bescheiden.

Auch führende Technologieunternehmen sind ganz vorne dabei: So baut zum Beispiel Siemens an seinem Standort in Görlitz ein Wasserstoff-Forschungszentrum, in dem die Erzeugung, Speicherung und Nutzung des innovativen Energieträgers untersucht werden.

Folglich liegt die Chance darin, ein geschlossenes und lokales Energie-Ökosystem zu schaffen, das Energie flexibel zur Verfügung stellt – und zwar dort, wo sie gerade benötigt wird. Bei einer echten Mobilitätswende kommt es auf den richtigen Mix an. Denn der Fokus auf einen Energieträger führt genauso zum Kurzschluss wie die Bevorzugung eines Mobilitätsträgers mehr Stillstand als Fortschritt erwirkt. Sinnvoll ist deswegen: Das Auto für die kurze Strecke fährt elektrisch, der Bus für den täglichen Weg zur Arbeit nutzt Wasserstoff und die Straßenbahn wird aus 100 Prozent regenerativem Strom angetrieben. Wer doch noch seinen geschätzten „Verbrenner“ im Stadtverkehr zirkulieren lassen möchte, greift auf synthetische Kraftstoffe, sogenannte eFuels, zurück.

Vernetzt und nachhaltig mobil in der Smart City

Was die Zukunft der urbanen Mobilität auszeichnen muss: Sie ist vielfältig, multimodal, bedarfsgerecht und nutzerfreundlich. Morgens aus dem Haus über den Kindergarten zur Arbeit, danach zum Supermarkt, ins Fitnessstudio oder Kino und wieder nach Hause – in einer clever geplanten Smart City stehen den Menschen verschiedene nachhaltige Mobilitätslösungen zur Verfügung. Über Mobilitäts-Hubs, also gut erreichbare Zugangs- und Umsteigepunkte, sind diese miteinander verknüpft. Die meisten Strecken bestreiten sie in der Stadt der kurzen Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Das Quartier, in dem sie wohnen, erzeugt selbst Energie, die von Wohnungen genauso wie von Elektroautos genutzt wird. Eine Seilbahn bringt Pendler schnell und emissionsfrei von A nach B. Und smarte Technologien und Apps erlauben es, alle Verkehrsmittel effizient miteinander zu kombinieren und den Energieverbrauch optimal zu steuern.

All das mag nach einem Idealbild klingen, doch es gibt schon Städte wie Kopenhagen und Singapur, die diese Ideen verwirklichen. Hierzulande sind es vor allem Quartiersentwicklungen wie das Quartier Heidestraße in Berlin, die solche innovativen Lösungen umsetzen.

Der Autor
Fabian Gierl
Mobilitätsexperte und Leading Consultant
Drees & Sommer