16.02.2024
Angela Rüter
Jens Thormeyer

Interview mit Jens Thormeyer, Senior Assoziierter Partner, RKW Architektur+

Flächenreduzierung täte der Innenstadt nicht weh!

Jens Thormeyer spricht mit Angela Rüter über mittel- und langfristige Perspektiven sowie erste Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen im urbanen Einzelhandel.

Quelle: Shutterstock

Heuer Dialog: Herr Thormeyer, wie sehen Sie die derzeitige Entwicklung der Innenstädte?

Jens Thormeyer: Vielleicht erst einmal eine nüchterne historische Sichtweise: Seit dem Jahr 1960 hat sich die Einzelhandelsfläche in Deutschland von rund 40 Mio. m2 auf rund 120 Mio. m2 vergrößert – eine Entwicklung die ungefähr 2010 zum Stehen gekommen ist. Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass die Menschen damals weder verhungert sind, noch nichts anzuziehen hatten, so dass die Deutung eher sein kann: Die Flächenentwicklung ist bis heute wahrscheinlich über das Ziel hinausgeschossen – eine Bereinigung scheint nur folgerichtig.

HD: Sie würden also Flächen reduzieren. Aber welche?

JT: Aus Architektensicht interessiert uns für eine lebendige Stadt nur das Erdgeschoss mit Straßenlage – und da ist es auch egal, ob da ein Kaffee getrunken oder eine Krawatte gekauft wird. So entsteht jedenfalls Leben. Das bedeutet, wenn wir Handelsflächen reduzieren, können wir das in den weiteren Geschossen tun. Oder in den Immobilien, die künstliche und als Wege unnötige Stichstraßen bilden, teilweise sogar als Sackgassen. Das ist eine weitere Eskalationsstufe, die wir erlebt haben. Und wenn diese Flächen wegfielen, wäre das für die einzelnen Händler natürlich schlimm, der Innenstadt täte das aber nicht weh.

HD: Wie kommen wir denn zurück zur lebendigen Innenstadt?

JT: Es ist wichtig, die nicht benötigten Flächen nicht leerstehen zu lassen, sondern tatsächlich in andere Nutzungen zu überführen – mit Ausnahme der Erdgeschosse. Hier sollten weiterhin Handel und Gastronomie stattfinden. Die Obergeschosse brauchen andere Inhalte, und dafür gibt es leider keine Musterlösung. Die Frage Nummer Eins ist immer: Wofür gibt es eine Nachfrage? Wenn am Ort die Stadtbibliothek marode ist, bietet sich natürlich ein leerstehendes Warenhaus aufgrund seiner Traglasten und der großen Spannweiten an. An anderen Orten und in manchen Immobilien sind Bildungsangebote denkbar, aber das wird schnell schwierig, wenn es etwa um Belichtung geht. Und wir müssen immer pragmatisch bleiben: Wo kein Bedarf, da keine Umnutzung möglich. Das kann – auch wenn ich um jedes Kilo gespeichertes CO2 kämpfen würde – auch mal Abriss bedeuten.

HD: Welchen Beitrag können Sie als Architekt zur Revitalisierung leisten?

JT: Nun, es gibt ja bereits architektonische und kaufmännische Konzepte, die mit Erfolg angewandt werden. Sie sind kleinteiliger und individueller und sind das Gegenteil der uniformen, großflächigen Handelsangebote, die eine lange Zeit dafür gesorgt haben, dass alle Innenstädte Deutschlands gleich aussahen. Das heißt, wir müssen sehr genau auf die lokalen Gegebenheiten eingehen, wir müssen flexiblere Angebote ermöglichen – und wir sollten auch selbst flexibel bleiben. Beharrungskräfte sind nie gut.

HD: Wie schätzen Sie die Zukunft in puncto Preisentwicklung ein?

JT: Ich halte die Signa-Insolvenz bei allem Bedauern für die leidtragenden Mitarbeiter für einen Segen. Sie wird dafür sorgen, dass alles was in der Insolvenzmasse enthalten ist, zum tatsächlichen Wert auf den Markt kommt – und eben nicht zu einem durch ständige Weiter- und Wiederverkäufe aufgeblähten Preis. Dadurch können sich Optionen auftun, die wir vorher nicht hatten. Vielleicht sogar für die Kommunen, um aktiv zu werden? Ich bin gespannt.

HD: Herr Thormeyer, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Angela Rüter, Projektleiterin, Heuer Dialog GmbH

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Die Autoren
Angela Rüter
Projektleiterin
Heuer Dialog
Jens Thormeyer
Senior Assoziierter Partner
RKW Architektur+