30.08.2023
Steffen Mönch

Quartiersinfrastruktur

Vier Vorurteile zu Nachhaltigen Quartieren – und warum sie nicht stimmen

Klimafreundliche und energieautarke Quartiere ermöglichen eine Unabhängigkeit vom großen Energiemarkt – eine wichtige Voraussetzung für eine zukunftsgerechte Energieversorgung.

Dennoch ist die Sorge vor Komplexität und Kosten bei vielen Projektentwickler*innen, Investor*innen und Kommunen hoch. Als Quartiersentwickler kennen wir die häufigsten Vorurteile. Zeit, mit ihnen aufzuräumen.

Vorurteil #1: Nachhaltige Quartiere – das ist nur Greenwashing.
Nachhaltigkeit beruht auf dem Gleichgewicht der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Verantwortung. Es sind genau diese drei Dimensionen, die wir auch bei EnBW Nachhaltige Quartiere in den Mittelpunkt stellen, wenn wir Infrastruktur für Lebens- und Arbeitsräume konzipieren. Nicht erst seit dem russischen Angriffskrieg und den daraus folgenden Entwicklungen auf dem Energiemarkt bedeutet Nachhaltigkeit für uns aber auch: Unabhängigkeit. Gelingen kann das durch einen hohen Autarkiegrad. Von einem Nachhaltigen Quartier sprechen wir deshalb nur, wenn die verschiedenen Sektoren Strom, Wärme, Kälte und Mobilität nach einem ganzheitlichen Ansatz miteinander gekoppelt sind. So kann zum Beispiel der lokale PVStrom von den Quartiersdächern verteilt und direkt genutzt werden – in der Steckdose, bei der Wärmeerzeugung oder zum Aufladen des E-Autos.

Vorurteil #2: Quartierslösungen sind finanziell unattraktiv.
Der hohe Autarkiegrad von Nachhaltigen Quartieren spielt auch beim Blick auf denfinanziellen Aspekt eine wichtige Rolle, denn er garantiert den Bewohner*innen Kostenstabilität. Was an dieser Stelle ebenfalls greift, ist der ganzheitliche Ansatz: Quartierslösungen bieten die Möglichkeit, Fördermittel über die gesamte Wertschöpfungskette zu integrieren. Das beginnt bei der Planung, läuft über die Investition und endet beim Betrieb. Im Vergleich zu klassischen Einzellösung entstehen dadurch in den meisten Quartieren entscheidende Skaleneffekte. Beispiele sind unter anderem geringere Kosten für Beschaffung und Montage sowie für Abrechnung, Wartung, Instandhaltung und Versicherung oder auch Kostendegressionen von Wärmepumpen in größeren Leistungen. Darüber hinaus ist ein Mieterstrommodell –also lokal produzierter Strom, der auch lokal verbraucht wird – immer mindestens zehn Prozent günstiger als der jeweils gültige Grundversorgertarif.

Vorurteil #3: Quartiersversorger sorgen für Monopole.
Ziel eines Quartiersinfrastrukturkonzeptes – so wie es EnBW Nachhaltige Quartiere versteht – ist die Steigerung der Erzeugung mit Erneuerbaren Energien vor Ort. Indem wir als Quartiersentwickler eine „One-Stop-Lösung“ anbieten, nehmen wir unseren Projektpartner*innen ein Stück der damit verbundenen Komplexität ab. Weil unser Gesamtkonzept eine maximale Solarisierung vorsieht, sichern wir uns für die Stromerzeugung die Dachflächen für PV-Anlagen. Innerhalb der jeweiligen Vertragsfristen können die Bewohner*innen aber nach wie vor ihre Stromanbieter freiwählen. Beim Thema Wärme ist hingegen der Quartiersversorger immer der Anbieter. Auch hier stehen eine hohe Kostenstabilität und Unabhängigkeit von Fernwärme-, Gas oder Ölpreisen im Fokus. Ob Strom oder Wärme: Für die Menschen im Quartier lohnt sich die Kopplung auch ökonomisch – zum Beispiel, wenn günstiger PV-Strom zur Wärmeerzeugung in Wärmepumpen genutzt wird. Am Ende ist die Formel ganz einfach: je mehr Energieversorgungsflächen, desto höher die Autarkie eines Quartiers – und desto größer die Unabhängigkeit vom Energiemarkt.

Vorurteil #4: Autarke Quartiere haben negative Umweltauswirkungen, zum Beispiel bei Flusswasserwärme oder Geothermie.
Die Wärme aus Flüssen kann den Wärmebedarf eines Quartiers je nach Größevollständig decken. Doch so groß der Effekt, so klein die Umweltauswirkungen. Zum einen wird nur ein verschwindend kleiner Teil des am Quartier vorbeifließenden Wassers verwendet, zum anderen beeinflusst die Wärmegewinnung nicht dieTemperatur des Flusswassers. Unser Vorgehen bei EnBW Nachhaltige Quartiere: Entweder leiten wir das Wasser in die Energiezentrale des Quartiers, übertragen dort die thermische Energie in das Nahwärmenetz und lassen es zurück in den Flussfließen. Oder wir installieren Wärmetauscher direkt im Fluss. Bei der Geothermie sind sowohl die entsprechenden Bohrungen als auch die Errichtung von Erdwärmesondengenehmigungspflichtig und unterliegen strengen Kontroll- und Qualitätsrichtlinien. Bereits bei den Probebohrungen werden unabhängige Sachverständige zur Überwachung hinzugezogen. Schäden an Gebäuden oder der Umwelt sind dadurch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen – bei EnBW Nachhaltige Quartiere vorallem auch deshalb, weil wir in unseren Quartiersprojekten auf oberflächennahe Geothermie mit nur knapp 200 Meter Tiefe setzen.

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Der Autor
Steffen Mönch
Manager Expansion Urbane Infrastruktur & Quartiersentwicklung