20.10.2022
Sebastian Theißen

Ökobilanz, Zirkularitätsbewertung und Klimarisikoanalyse sind viel mehr als nur Buzzwords.

Drei ESG-Lösungen im Praxis-Check.

Wie können wir Immobilien in puncto Nachhaltigkeit so entwickeln, dass diese klimafreundlich und -kompatibel sind? Ein digitaler Methoden-Mix für individuelle Lösungen etabliert sich. Schauen wir auf die drei wichtigsten Methoden innerhalb des „E“.

Ökobilanz – es geht den grauen CO2-Emissionen und der grauen Energie an den Kragen.  

Kurz erklärt: Die Ökobilanz hilft dabei, die aufgewendeten Energiemengen und ausgestoßenen CO2-Emissionen einer Immobilie über den gesamten Lebenszyklus abzubilden. Auf dieser Basis können Sie fundierte Entscheidungen treffen: Wie viel CO2 Spart ein Bestandserhalt gegenüber einem Abriss und Neubau? Welche Maßnahmen können den Bestand wieder 1,5 Grad konform machen? Welche Optimierungspotenziale bietet Ihr Entwurf für einen Neubau? Mit der Ökobilanz betrachten wir diese Fragen und liefern datenbasierte Antworten sowie denkbare Alternativen, die wir in intuitiven Grafiken und digitalen Gebäudemodellen sowie Kostenverhältnis veranschaulichen.

Wissenswertes | graue CO2-Emissionen vs. CO2-Emissionen im Betrieb: Je mehr sich Immobilien über einen energieeffizienten Gebäudebetrieb dem Passivhaus-Standard annähern und je grüner unser Strommix wird, desto weniger Bedeutung hat die Betriebsphase noch in der CO2-Bilanz. Die Verhältnisse haben sich daher im Neubaubereich bereits verschoben. Damit sind es die Materialien beziehungsweise die damit zusammenhängenden Prozesse, die vor allem beim Neubau die größten Emissionen verursachen: die sogenannten grauen (= materialgebundenen) Emissionen. Mit der Ökobilanz führen wir für genau dieses Thema Analysen durch und entwickeln darauf aufbauend Lösungen. Und der Hebel ist groß. Denn der Betrieb kann bei besonders energieeffizienten Gebäuden nur noch rund ein Fünftel der entstehenden CO2-Emissionen verursachen.

Wissenswertes | Für jede Projektphase geeignet: Lange mussten die Werte für die Ökobilanz händisch gepflegt werden. Somit wurde die Bilanz nur selten als echtes Planungsinstrument eingesetzt. Mithilfe unserer eigens entwickelten BIM-Analyse-Software nutzen wir die Methode nun aber als frühes Entscheidungsinstrument. Wir setzen die Ökobilanz schon in den Leistungsphasen 0 bis 3 mehrmals ein. Denn hier können wir beispielsweise schon eine Holzhybrid- und eine Massiv-Bauweise vergleichen. Mit zunehmendem Projektverlauf nimmt dann auch die Detailtiefe der planungsbegleitenden Ökobilanz Schritt für Schritt zu. Sofern es produktspezifische Datensätze gibt, setzen wir diese ab Leistungsphase 5 ein. Dabei erhöht jeder Datensatz die Genauigkeit des Ergebnisses und Herstellerprodukte können gezielt verglichen werden, beispielsweise bei Bodenbelägen.

Zirkularitätsbewertung – Gebäude werden zu Rohstoffdepots.

Kurz erklärt: Immobilien als Rohstofflager zu nutzen, birgt ein gewaltiges Potenzial. Sowohl für Neubauten als auch für Bestandsgebäude bewerten wir sowohl die verwendeten Baustoffe als auch die Rückbauqualität des Gebäudes. So wird die Wiederverwendbarkeit und die Recyclingfähigkeit der verbauten Produkte und Materialien geprüft. Damit spart Ihr Gebäude nicht nur Energie, sondern auch Entsorgungskosten.

Wissenswertes | Gebäuderessourcenpass: Noch gibt es unterschiedliche Qualitäten bei Gebäuderessourcenpässen (kurz GRP). Beispielsweise gilt es, eine reine Schätzung für ein Bestandsgebäude von einer detaillierten Bewertung basierend auf einem BIM-Koordinationsmodell (Architektur, Tragwerk und TGA) zu unterscheiden. Wir haben am Entwurf der DGNB mitgewirkt und sortieren den GRP wie folgt ein: Er ist weit mehr als ein Gebäudeinventar als PDF-Datei. Er gibt die wesentlichen Informationen rund um den Ressourcenverbrauch, die Klima- beziehungsweise Umweltwirkung und die Kreislauffähigkeit/Zirkularität transparent wieder – quasi: all in one. Denn diese Themen stehen in engen Wechselwirkungen und dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Beispielsweise CO2-Emissionen, Verbindungsarten und Materialinhaltsstoffe berücksichtigen wir deshalb in jeder Entscheidung gleichzeitig, um die ökologisch sinnvollste Entscheidung zu treffen. Damit sollte der GRP dynamisch gepflegt und digital anpassbar sein.

Wissenswertes | Detachability Index: Zur Bewertung der Zirkularität zählen unter anderem auch die Verbindungen von unterschiedlichen Baustoffen und deren Einbausituation im Bauteil- und Gebäudekontext. Dabei bewerten wir, inwieweit ein Gebäude demontiert beziehungsweise zurückgebaut werden kann. Wir schauen uns unter anderem an, wie Schichten miteinander verbunden werden: geklebt, gesteckt oder ähnliches. Außerdem sind auch die Einbausituation oder der Rohstoffrestwert relevant. Zum Einsatz kommt dabei zum Beispiel der sogenannte Detachability Index. Er wird in einer Skala von 0 bis 100 Prozent angegeben und gibt Aufschluss über die Rückbaubarkeit. Er ist damit die logische Ergänzung zum Zirkularitätsindex von Madaster. Beides betrachten wir zusammenhängend.

Klimarisikoanalyse – dem Klimawandel Rechnung tragen.

Kurz erklärt: Starke Hitzewellen, Starkregenereignisse, zunehmende Dürrephasen – die Folgen des Klimawandels sind spürbar und stellen auch unsere Immobilien vor große Herausforderungen. Damit Gebäude fit für die Zukunft sind, gilt es, schon heute den richtigen Weg einzuschlagen. Daher betrachten wir die physischen Klimarisiken, die an einem Standort auftreten können und entwickeln bauliche Anpassungsnahmen beziehungsweise klimaresiliente Gebäudeentwürfe unter Einbeziehung der Quartiersstrukturen. Diese betrachten wir wiederum mit weiteren Aspekten der Nachhaltigkeit, beispielsweise der Biodiversität. Denn eine klimabewusst geplante, blau-grüne Infrastruktur hilft Starkregenereignisse zu managen und somit auch das Mikroklima im Sommer zu verbessern.

Wissenswertes | Teil der Bewertung: Immobilien sind Investitionsobjekte mit einer überdurchschnittlich langen Lebensdauer – in der Regel beträgt diese mehrere Jahrzehnte. In einem derartigen Zeitraum werden sich unser Klima weiter verändern und die Häufigkeit von Extremwetter-Ereignissen zunehmen. Eine zukunftsfähige Immobilie ist schon heute auf diese Entwicklungen vorbereitet. Und die Klimarisikoanalyse kann noch mehr: Es ist davon auszugehen, dass in Zukunft sowohl die Bewertung einer Immobilie als auch die Berechnung von Versicherungsprämien von den Ergebnissen einer Klimarisikoanalyse abhängen.

Wissenswertes | der Weltklimarat stellt die Basis: Eine Klimarisikoanalyse betrachtet die Entwicklungen wesentlicher Klimaindikatoren (z. B. Hitze, Niederschläge, Stürme) in naher und ferner Zukunft. Dabei wird ein Zeitraum von mehreren Jahrzehnten anhand von Klimaprojektionen verfügbarer Zukunftsszenarien auf Basis der Standards des Weltklimarates (IPCC-Szenarien: RCP2.6, RCP4.5, RCP6.0, RCP8.5) betrachtet.

Der Autor
Sebastian Theißen
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