06.07.2022
Yvonne Traxel
Annabelle von Reutern

Interview mit Annabelle von Reutern, Head of Business Development, Concular GmbH

Zirkuläre Wertschöpfung ist sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich von hoher Relevanz

Yvonne Traxel hat mit Annabelle von Reutern über die Herausforderungen der Bauwende gesprochen.

Yvonne Traxel: Das Thema Nachhaltigkeit ist omnipräsent: Wie weit ist die Immobilienwirtschaft noch von der (echten) Bauwende entfernt?

Annabelle von Reutern: Klima- und Umweltschutz brauchen die Ressourcenwende in der Bau- und auch in der Immobilienwirtschaft. Ein schonender Umgang mit Rohstoffen, Materialien und Energie ist unabdingbar. Echte zirkuläre Wertschöpfung ist sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich von hoher Relevanz. Zwar gelangt die Notwendigkeit einer Ressourcenwende immer mehr in das Bewusstsein der Akteur:innen, bis zur praktischen Umsetzung ist es allerdings noch ein weiter Weg. Zumal klare Rahmenbedingungen dafür weiterhin fehlen, auch wenn Ressourcenschonung mittlerweile eine zentrale Forderung in Positionspapieren der Parteien, in EU- Fahrplänen und im Green Deal der europäischen Kommission ist. Sicher ist, dass sich das wiederverwenden von Bauteilen in der Bauindustrie in Zukunft etablieren muss. Die dafür gegründete Plattform Concular ist der erste Marktplatz für zirkuläres Bauen. Wir decken die gesamte Wertschöpfungskette von der Bestandserfassung, über die Erstellung von Materialpässen von Bestand und Neubau, bis zum Wiedereinbau ab. Wiedereinbringung von Baumaterial wird durch Ökobilanzierungen messbar. Angebot und Nachfrage von allen professionellen Akteur:innen finden auf der Plattform zusammen.

Yvonne Traxel: Haben es innovative technologiegetriebene Unternehmen wie Concular in Zeiten von Dauerkrisen einfacher oder schwerer, den Umdenkprozess zu beschleunigen?

Annabelle von Reutern: Krisen sind Innovationsbeschleuniger. Wir merken, dass unsere bisherige Art zu wirtschaften nicht mehr funktioniert. Wir befinden uns in einer Postwachstumsgesellschaft. In Zeiten von Corona ist die Nachfrage bei Concular geradezu explodiert. Hier finden Planende Baustoffe, die neu durch die aktuellen Lieferengpässe nicht verfügbar sind. Beim Holz und bei den Baustoffen meldeten 74,4 Prozent der Händler:innen Engpässe. Bei Metall- und Kunststoffwaren für Bauzwecke sogar 91,6 Prozent, so eine aktuelle Umfrage des ifo-Institutes. Der andere Punkt ist, dass wir mit unserer Arbeit auch dafür sorgen, dass dem Material wieder die Wertschätzung entgegengebracht wird, die ihm gebührt. Weiterhin feiern die Themen Achtsamkeit und Identität von Material, Baukultur und Handwerkskunst, die ja in dem „Höher-Schneller-Weiter“ etwas untergegangen sind, gerade ein Revival. Das versuchen wir mit unserer Arbeit, z. B. durch das Herausstellen von spannenden Materialien, die es heute am Markt gar nicht mehr gibt, zu zeigen. Wir spüren hier großes Interesse, gerade weil das Material schon eine Geschichte hatte.

Yvonne Traxel: Welchen Impact haben Architekten auf die Kreislaufwirtschaft und Bestandsentwicklung?

Annabelle von Reutern: Um das zirkuläre Bauen zu fördern, sollten Architekt:innen nicht nur wiederverwendete Materialien in ihre Projekte integrieren, sondern auch für die Demontage entwerfen. Die bewusste Wahl der Materialien und deren Verbindung ist entscheidend. Das heißt es muss auseinanderbaubar, sortenrein trennbar und wiederverwendbar sein. Dabei möchte ich betonen, dass Wiederverwendung nicht Wiederverwertung ist! Wiederverwendung ist wirklich der 1:1-Wiedereinsatz der Baustoffe. Verwertung heißt grob ausgedrückt: schreddern und in den Straßenbau kippen. Das ist Downcycling und nicht das, was das Material noch an Qualität liefern kann.

Ein ressourceneffizienter Fokus wird zukünftige Dekonstruktionen und die weitere Wiederverwendung erleichtern und die Materialien und die eingebettete Energie in einem zirkulären System halten. Bei der Wiederverwendung von Gebäudekomponenten geht es nicht nur um die Erhaltung von Ressourcen, sondern auch um das Gebäude. Ein Stück Geschichte findet ein zweites Leben und es ergeben sich völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten. Basierend auf dem Prinzip "form follows availability" kann eine neue Architektursprache geschaffen werden. Materialien, gefertigt und zusammengefügt, zeigen räumlich-zeitliche sowie soziokulturelle Positionen, die dann Realitäten prägen und Gesellschaften zurückformen.

Yvonne Traxel: Wie können Stadtplaner, Immobilienbranche und Baubehörde an einem Strang ziehen?

Annabelle von Reutern: Die Klimakrise ist die größte Herausforderung der Menschheit und die Baubranche ist der Sektor mit dem größten Potenzial der CO2-Reduktion. Ich würde behaupten, dass diese Fakten ausreichen sollten, um alle zu motivieren an einem Strang zu ziehen. Alleine wird kein Pokal gewonnen. Doch Ego, Trägheit und nicht vorhandene Prozesse lassen viele Menschen zurückschrecken. Bisher ging es ja auch ohne Mehraufwand. Es reicht jedoch nicht aus, neu und besser zu bauen, wir müssen mit dem Bestand arbeiten und dabei auch mit dem, was in den letzten Jahren nicht gut gebaut wurde.

Bisher ist es günstiger, gebrauchte Baustoffe zu entsorgen, statt sie aufzubereiten und wieder einzusetzen. Man kennt diesen Prozess allenfalls aus denkmalgeschützten Gebäuden, in denen es zur Auflage gemacht wird, vorhandene Bauteile zu erhalten. Diesen Prozess für alle Baustoffe zu etablieren, ist essentiell, um die Kreislaufwirtschaft am Bau Realität werden zu lassen. Dies ist neben dem Matching aus Angebot und Nachfrage, das Hauptanliegen von Concular. Wir vernetzen vorhandene Aufbereitungsbetriebe, Hersteller:innen und Recycler, um für jedes Produkt eine neue Marktgängigkeit herzustellen.

Der größte Hebel liegt aber beim Gesetzgeber, wie die politischen Rahmenbedingung, die von Landes-, Bundes- und EU Ebene kommen müssen. Die Bauverordnungen müssen entsprechend abgeändert werden. Neben dem Energieeffizienzgesetz muss es auch ein Ressourceneffizienzgesetz geben. Denkbar ist beispielsweise eine Mehrwertsteuersenkung für wiedergewonnene Baustoffe, Reuse-Quoten und, verpflichtende Audits für den Rückbau. Mit Freiwilligkeit sind wir bisher leider nicht sehr weit gekommen. Es passiert auch langsam etwas, aber noch viel zu langsam, um der Klimakrise realistisch entgegen zu wirken. Am Ende muss es aber auch praktisch umsetzbar sein - hier möchten wir mit Concular die passende Lösung schaffen.

 

Das Event zum Thema



Düsseldorf
01.09.2022
Die Autoren
Yvonne Traxel
Head of Operations
Heuer Dialog GmbH
Annabelle von Reutern
Head of Business Development
Concular GmbH