09.06.2022
Carsten Müller

Das Mainzer Potential als neuer Biotechnologie-Hub macht nicht an der Stadtgrenze halt. Gefragt sind flexible Flächen- und Nutzungskonzepte.

Mit Pragmatismus und Umsetzungskompetenz klar im Vorteil.

Mainz soll an dem mittlerweile auch in Deutschland angekommen Life-Science-Boom teilhaben. Das zumindest wünschen sich Akteure der Stadt und der WiFö. Bis es so weit ist, ist jedoch noch einiges zu tun. Was die Beteiligten jetzt leisten müssen.

Es mag an dem Erfolg von Biontech liegen, dass mittlerweile auch in Deutschland das Thema Biotechnologie in der Immobilienbranche angekommen ist. Doch bereits vor der beispiellosen Erfolgsgeschichte des Mainzer Vorzeigeunternehmens hat sich ein zunehmendes Interesse an der Assetklasse abgezeichnet. Für uns als Projektentwickler setzte eine Steigerung der Nachfrage bereits im Jahr 2016 ein, als wir in Karlsruhe unsere ersten Laborgebäude errichteten. Mainz als möglicher Standort spielte zu diesem Zeitpunkt noch keine herausragende Rolle. Die Impulse gingen von Regionen wie Basel oder Heidelberg aus.

Möglicherweise wäre es so geblieben, wenn nicht durch die Corona-Pandemie die Stadt Mainz und ihr BioTech-Potential gefühlt von einem Tag auf den anderen in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt wäre. Auch die Politik hat erkannt, welche Möglichkeiten vor der eigenen Haustür vorhanden sind. So befinden wir uns im Juni 2022 in einer Situation, die vor zwei Jahren niemand für möglich gehalten hätte: Wir debattieren darüber, wie sich Mainz als neuer Biotech Hub neben den bereits bestehenden Clustern erfolgreich etablieren mag.

Als Projektentwickler, die bereits seit Jahren für die Life Science-Branche tätig sind, finden wir das natürlich großartig. Und wir stimmen allem zu, was seitens der Verantwortlichen an „Facts and Figures“ zusammengetragen wurde, die FÜR Mainz als Standort sprechen – dass geeignete Grundstücke vorhanden sind zum Beispiel, oder dass durch die Nähe zur Hochschule kompetente Partner im Bereich Forschung zur Verfügung stehen. Innerhalb kürzester Zeit hat die Stadt Mainz in Kooperation mit Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen ein sehr attraktives Angebot geschaffen, das Unternehmen aus dem Biotech-Sektor viele Anreize bietet.

Aus unserer Sicht genauso wichtig ist jedoch auch der Blick über die Stadtgrenze hinaus. Die IHK Koblenz hat völlig zu Recht auf das Potenzial hingewiesen, das auch jenseits der Landeshauptstadt in Rheinland-Pfalz vorhanden ist. Boehringer Ingelheim ist zu nennen, Abb Vie Deutschland und BASF (beide Ludwigshafen), das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) Kaiserslautern… Es ist gut, dass die Landesregierung die Zeichen der Zeit erkannt hat, und die Ansiedlung von Unternehmen und Forschungsvorhaben aus dem Life Science Sektor auch über Mainz hinaus vorantreiben will.

Ausgehend von unserem Erfahrungsspektrum ist das nur folgerichtig – der Life Science Sektor setzt sich aus Unternehmen zusammen, die sehr unterschiedliche Bedürfnisse an den Tag legen, wenn es die Themen Platz, Funktionalität und Logistik geht. Regionen, die sich ernsthaft für Ansiedlungen aus dem Bereich Biotechnologie interessieren, müssen sich intensiv mit dem Beschaffungsmodell der jeweiligen Interessenten auseinandersetzen und halten im Idealfall ein möglichst breites Angebotsspektrum vor, um der Vielfalt an Bedürfnissen gerecht zu werden – Bedarf an Wohnraum inklusive. Für das Unternehmen GANZIMMUN DIAGNOSTICS zum Beispiel, für das wir aktuell einen neuen Stammsitz mit Labor- und Bürokapazitäten auf dem Mainzer Lerchenberg errichten, war in der Standortwahl entscheidend, im Vergleich zur jetzigen Adresse über sehr viel mehr Parkplätzen zu verfügen und auch weiterhin schnell auf der Autobahn zu sein. Hinzu kam, dass das Unternehmen ein Mietobjekt suchte und nicht als Bauherr auftreten wollte. Mit unserem Core & Shell - Angebot konnten wir hier auf der Fläche eines 8.000m² Grundstücks ein maßgeschneidertes Objekt anbieten, für das ein langjähriger Mietvertrag über 7.000 m² Mietfläche abgeschlossen wurde.

Das Beispiel zeigt, worauf es bei der Ansiedlung von Playern aus dem Life Science Sektor ankommt: Die individuellen Koordinaten müssen stimmen. Dazu gehören über die richtigen politischen Rahmenbedingungen hinaus ein vielfältiges Raum- und Flächenangebot, das den unterschiedlichen Bedürfnissen Rechnung trägt. Ein Denken über die unmittelbare Stadtgrenze hinaus ist hierfür unbedingt erforderlich ebenso wie eine tatkräftige Umsetzungskompetenz. Für Projektentwickler existieren hier sehr vielversprechende Möglichkeiten.

Der Autor
Carsten Müller
Geschäftsführer
Karrié Projektentwicklung GmbH & Co. KG