14.03.2022
Babak Kharabi
Karin Hanten

Interview mit Babak Kharabi, Geschäftsführer, KODi Diskontläden GmbH

Wenn die Pandemie uns eins gelehrt hat, dann ist es, wie wichtig uns Menschen Kommunikation und persönlicher Austausch sind

Karin Hanten hat mit dem Geschäftsführer von KODi Diskontläden GmbH u.a. über die Transformation deutscher Innenstädte, geändertes Nutzerverhalten und Digitalisierung gesprochen.

Quelle: Heuer Dialog GmbH

Heuer Dialog: Deutsche Innenstädte schreien nach Transformationsprozessen, teilweise sind sie schon erfolgreich im Gange. Wie verfolgt KODi konkret das Ziel, die Innenstädte wieder zu beleben, wieder zu Erlebnisorten zu machen, zu denen die Menschen gern hinkommen?

Babak Kharabi: Als expandierendes Einzelhandelsunternehmen mit einer mehr als vierzigjährigen Unternehmensgeschichte, hat KODi großes Interesse daran, dass sich die Innenstädte wieder zu Erlebnisorten entwickeln. Meiner Ansicht nach ist es jedoch die Aufgabe der Politik und nicht die, eines mittelständischen Handelsunternehmens, die dafür notwendigen Weichen zu stellen. Für eine nachhaltige Wiederbelebung unserer Innenstädte bedarfs es eines ganzheitlichen Konzepts, unter Einbeziehung von Experten aus Handel, Gastronomie und Dienstleistungssektor, um ein attraktives Rahmenangebot für Jung und Alt zu schaffen. Durch die Pandemie hat sich die seit Jahren zunehmende Leerstandsquote dramatisch erhöht: Unzählige Händler, Gastronomen und Dienstleister waren gezwungen sich aus unseren Innenstädten zurückzuziehen. Dies kann bedauerlicherweise am Beispiel der Stadt Marl (NRW) nachvollzogen werden.

Neben der Expansion hat die Investition in den Erhalt und die Modernisierung des bestehenden Filialnetzes für KODi höchste Priorität. Ziel ist es, den Kundinnen und Kunden das bestmögliche Einkaufserlebnis zu bieten. Die ansprechende Einkaufsatmosphäre in den Filialen, digitale Kommunikationsmaßnahmen sowie die rund 2,5 Millionen Prospekte, die wöchentlich in die Haushalte verteilt werden, schaffen Frequenz und beleben das Handelsumfeld.

HD: Stimmen Sie Ihr Konzept auf die jeweilige Stadt ab oder ist KODi immer und überall gleich?

Kharabi: Als Nahversorger, mit dem Schwerpunkt Haushalts- und Drogerieartikel, ist das Grundkonzept von KODi bundesweit einheitlich. Wir sehen es als unsere Aufgabe, unseren Kundinnen und Kunden das zu bieten, was sie benötigen, dort zu sein, wo uns unsere Kunden benötigen, und sie zu Preisen zu versorgen, die man sich leisten kann. Die Filialen sind für viele Kundinnen und Kunden sehr gut und fußläufig erreichbar. Sie befinden sich überwiegend in Stadtteillagen von Großstädten sowie in mittleren und kleineren Innenstädten und bieten die Möglichkeit, auf dem Weg durch die Stadt schnell etwas einzukaufen. Sowohl Personen, die innerhalb ihres Quartiers einkaufen möchten, als auch Personen mit eingeschränkter Mobilität, kommen wir damit entgegen.Das Sortiment enthält dauerhaft mehr als 3.500 Artikel, u.a. aus den Bereichen Haushalt, Drogerie, Reinigen, Lebensmittel, Elektro, Schreibwaren, Heimwerken und Deko. Unsere Kunden wissen es zu schätzen, dass sie bei uns beispielsweise auch einen Hammer erwerben können und sich der Besuch eines Baumarktes damit erübrigt.

Die Filialen sind so konzipiert, dass die Kunden auf kleiner Fläche eine große Auswahl an Artikeln des täglichen Bedarfs finden. Die übersichtliche Warenpräsentation und die Anordnung der Hersteller- und Eigenmarken sorgen dafür, dass die gewünschten Artikel schneller gefunden werden können.

HD: Bundesbauministerin Klara Geywitz hat jetzt den Vorsitz im Beirat Innenstadt übernommen, der sich mit allen Stakeholdern um die Zukunft der Innenstädte nach Corona kümmert. Wird KODi auch mit dabei sein, sich aktiv einbringen?

Kharabi: Als erfolgreich expandierendes Unternehmen kann KODi sicherlich einen wertvollen Beitrag in diesem Bereich leisten. Sofern unsere Beteiligung gewünscht ist, bringen wir uns selbstverständlich gerne ein.

HD: Welche konkreten Forderungen stellen Sie an die Politik?

Kharabi: Aus meiner Sicht ist es unerlässlich, dass alle Entscheidungsträger, von der Kommune bis zum Bund, einen Masterplan für ganz Deutschland entwickeln, wie unsere Innenstädte nachhaltig wiederbelebt werden können. Insbesondere die Schaffung einer passenden Infrastruktur in Bezug auf Mobilität und Sicherheit ist vielerorts notwendig, um die Städte wieder zu Orten zu machen, an denen sich die Menschen gerne und sorgenfrei bewegen können.Großer Nachholbedarf besteht beispielsweise an bezahlbaren Parkplätzen, Aufladestationen für Autos und eBikes, ausgebauten Radwegen und einem attraktiven ÖPNV, um den Besuch der Innenstadt wieder erstrebenswert zu machen. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Schaffung eines besseren Sicherheitsgefühls der Menschen während des Besuchs der Innenstadt. Nur wenn sich die Menschen sicher fühlen, halten sie sich auch gern in den Innenstädten auf. Eine hohe Leerstandsquote kann sich unter Umständen negativ auf das individuelle Empfinden auswirken. Dem gilt es beispielsweise durch eine stabile Internetverbindung, ausreichende Beleuchtung oder dem Hinweis auf spezielle Notrufnummern (z.B. Heimwegtelefon) vorzubeugen.

Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, bedarf es eines guten Mix aus attraktiven Händlern, Gastronomen, Serviceangeboten, touristischen Attraktionen sowie Ruhezonen, um die Städte wieder zu Erlebnisorten zu machen.

HD: Bitte schauen Sie 10 Jahre in die Zukunft: Welche weiteren Auswirkungen erwarten Sie durch das geänderte Nutzerverhalten, neue Lieferdienste und fortschreitende Digitalisierung für Handel und Innenstädte? Und wie sollten wir damit umgehen?

Kharabi: Zehn Jahre sind in diesem Zusammenhang ein langer Zeitraum. Wer hätte vor zehn Jahren damit gerechnet, dass eingesessene Händler, wie Quelle, Neckermann, Schlecker, Kaiser Tengelmann, Hertie oder Max Bahr heute nicht mehr existieren? Realistisch betrachtet, müssen wir damit rechnen, dass es nicht möglich sein wird, alle Innenstädte zu erhalten. Gerade bei uns im Westen gibt es viele Städte, die aufgrund ihrer Nähe in direkter Konkurrenz zueinanderstehen. Wir sollten uns daher vielleicht die Frage stellen, ob es erstrebenswert ist, alle Innenstädte zu erhalten.Aufgrund des dynamischen Nutzerverhaltens und der fortschreitenden Digitalisierung wird es im Jahre 2032 neue Ansätze geben, die wir noch nicht vorhersehen können. Wenn die Pandemie uns eins gelehrt hat, dann ist es, wie wichtig uns Menschen Kommunikation und persönlicher Austausch sind - das gilt es nicht zu unterschätzen. Grundsätzlich bin ich daher optimistisch, was den stationären Einzelhandel in den Innenstädten betrifft. Für uns Händler besteht sowohl die Herausforderung als auch die Chance darin, uns schnell und flexibel den Gegebenheiten anzupassen. Es gilt Online und Offline-Angebote stärker miteinander zu verbinden, um den Kunden durch gezielte Ansprache, Anlässe zu geben, die Innenstädte wieder aktiv aufzusuchen. Research online, purchase offline ist hier das Stichwort.

Letztlich muss sich jedes Unternehmen die Frage stellen, welchen Mehrwert es seinen Kunden bietet. Neue Ideen und individuelle Konzepte sind notwendig, um langfristig erfolgreich zu sein.

HD: Herr Kharabi, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Karin Hanten.

Die Autoren
Babak Kharabi
Geschäftsführer
KODi Diskontläden GmbH
Karin Hanten
Projektleiterin
Heuer Dialog GmbH