04.02.2022
Angela Rüter
Andreas Hofer

Interview mit Andreas Hofer, Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart GmbH

Wie die hässlichen Entlein in der Innenstadt zu Schwänen werden

Die Innenstadt leidet aktuell, wird sich aber aufrappeln. Die spannenden Fragen, mit Blick auf die Zukunft der Innenstädte, stellen sich an den Rändern. Angela Rüter hat mit Andreas Hofer, Intendant der Internationalen Bauausstellung 2027, gesprochen.

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Heuer Dialog: Welche Forderungen/Erwartungen haben Sie an die neue Bundesbauministerin?

Andreas Hofer: Ich lebe jetzt seit vier Jahren in Deutschland und habe jeden Tag mit dem deutschen Planungssystem zu tun, bin aber gleichwohl Gast – Forderungen stellt man in dieser Rolle nicht. Hoffnungen darf man aber haben und vielleicht hilft die Perspektive von «Aussen» ja auch gewisse Mechanismen zu erkennen. Ich nehme in der ganzen Immobilienbranche ein unglaubliches Leiden an den Prozessen war. Wenn ich dann nachfrage, welches Gesetz jetzt wirklich störend ist, wo etwas geändert werden müsste, kommt aber erstaunlich wenig. Das nährt das Gefühl, dass wir uns in einem komplizierten System von Förderungen und Regularien eingerichtet haben, von denen viele profitieren, dass aber in seiner Gesamtheit gute Lösungen eher behindert. Es ist sehr einfach gegen etwas zu sein und ziemlich schwierig Begeisterung zu entfachen. Ein Regierungswechsel ist da natürlich eine Chance. Ich hoffe sehr, dass die neue Regierung nicht einfach Bestehendes ergänzt, sondern die Gelegenheit nutzt, Überkommenes abzuschaffen. Eigentlich ist die Kombination von sozialer Verantwortung, ökologischem Bewusstsein und wirtschaftlicher Kompetenz eine gute Grundlage für die anstehenden Herausforderungen.

HD: Wie beleben wir unsere Innenstädte? Welche Ideen gibt es?

Hofer: Wir haben die Innenstädte, die immer Orte wilder Mischung von sozialen Schichten und unterschiedlichsten Aktivitäten waren, zu Rennrösslein höchster wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit getrieben und stellen jetzt fest, das dies wirtschaftliche Risiken und Langeweile produziert. Hoffen wir auf eine sanfte Landung. Eigentlich wissen wir alle, wie belebte Innenstädte aussehen würden: Handwerk, gemeinschaftlich genutzte Erdgeschosse, viel Wohnen. Das führt direkt zur nächsten Frage.

HD: Hindernis sind hohe Mieten. Wie wollen Sie das Problem lösen?

Hofer: Hier braucht es wohl staatliche Hilfen und Interventionen in einer Übergangsphase. Die Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen PWG in Zürich kauft seit 30 Jahren innerstädtische Liegenschaften und stellt sie dem lokalen Gewerbe zur Verfügung. Dies braucht teilweise Gemeinderatsbeschlüsse für saftige Abschreibungen. In Paris kauft eine städtische Gesellschaft Erdgeschossräume auf und vermietet sie gemäss den lokalen Bedürfnissen oder befristet an Startups. Die Gesellschaft muss eine schwarze Null schreiben, ist also eine Unternehmung, gewinnt aber in einem Umfeld stark steigender Mieten zunehmend an wirtschaftlicher Kraft. Ich hoffe auch auf private Investoren, die feststellen, dass attraktive Mischungen langfristig zu stabileren Erträgen führen. Im Moment kann Wohnnutzung Gewerbe stützen, vielleicht dreht sich das wieder.

HD: Sie sagten einmal: „Die Städte sind vor 60 Jahren einfach komplett falsch gebaut worden. Warum?

Hofer: Weil der Schock der Industrialisierung mit ihren Zumutungen dazu geführt hat, Funktionen zu isolieren. Die Stadt wurde sozial und funktional aufgeteilt. Und weil vieles nicht ins klassische Bild der Stadt passte, hiess dies, dass ein riesiger Gürtel nichtstädtischer Nutzungen, Gewerbe- und Wohngebiete die Stadt zur Agglomeration machten, um die sich niemand kümmert. Das Ganze musste dann verkehrlich erschlossen werden, was für die Innenstädte den Todesstoss bedeutete. Ich bin ein Fan der peripheren Gebiete. Die Innenstadt leidet aktuell, wird sich aber aufrappeln. Die spannenden Fragen stellen sich an den Rändern. Kann hier gute Stadt – vielleicht brauchen wir ein neues Wort – entstehen?

HD: Der Klimawandel wartet nicht: Wie sieht IHRE Innenstadt der Zukunft aus?

Hofer: In der Innenstadt werden wir weder die Herausforderungen des Klimawandels noch seiner Gründe lösen, aber im Verbund mit den angrenzenden Gebieten entstehen die Konzepte der Zukunft. Der Gedanke gefällt mir, dass wir neue Stadtgemeinschaften gründen, die Leistungen der Innenstadt im kulturellen Bereich schätzen aber auch die hässlichen Entlein in der Agglomeration zu Schwänen machen.

HD: Herr Hofer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Angela Rüter.

Die Autoren
Angela Rüter
Geschäftsführerin
Heuer Dialog
Andreas Hofer
Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart GmbH