04.10.2021
Yvonne Traxel
Elisabeth Broermann

Interview mit Elisabeth Broermann, Koordinatorin Öffentlichkeitsarbeit und Politik, Architects for Future e.V.

Es braucht die nachhaltige Bauwende! Düsseldorf macht sich auf den Weg.

Yvonne Traxel von Heuer Dialog hat mit der Koordinatorin Öffentlichkeitsarbeit von Architects for Futute, Elisabeth Broermann, im Interview u.a. darüber gesprochen, worauf es ankommt, um die Kreislaufwirtschaft in den Städten zu beschleunigen.

Yvonne Traxel: Ihre Organisation setzt sich für einen nachhaltigen Wandel in der Baubranche ein. Wie gehen Sie vor, um die Branche zum Umdenken zu bewegen?

Elisabeth Broermann: In den ca. 35 Orts- und zahlreichen Themengruppen von Architects for Future sind inzwischen mehr als 900 Architekt:innen, Ingenieure:innen, Handwerker:innen und andere Interessierte vernetzt. Wir setzen dabei auf den Wissenstransfer durch den Austausch untereinander und mit den Menschen vor Ort, in unserer täglichen Arbeit, bei Vorträgen, auf Demonstrationen oder an den Hoch- und Berufsschulen. Wir wollen die Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten des nachhaltigen Bauens raus aus der Öko-Nische holen und zum neuen Normal machen. Darüber hinaus setzen wir uns dafür ein, auch die übergeordneten Rahmenbedingungen zu verändern und gehen daher auf die Politik und den Gesetzgeber zu, wie z.B. mit unserer Bundestagspetition Anfang 2021 oder unseren proaktiven Änderungsvorschlägen für eine Muster-UMbauordnung, die wir Anfang Juli an die Bauminister:innenkonferenz geschickt haben. Die Klimakrise kann nicht allein auf der individuellen Ebene gelöst werden. Auch wenn jeder individuelle Schritt wichtig ist, die großen Hebel müssen strukturell angegangen werden.

 

Yvonne Traxel: Wer gilt aus Ihrer Sicht als Vorreiter:in in der Bau- /Immobilienbranche, der:die mit positivem Beispiel voran geht?

Elisabeth Broermann: Es ist mehr ein Puzzle aus einzelnen Aspekten, als der oder die eine Vorreiter:in. Die Niederlande sind bspw. sehr weit in Sachen Kreislaufwirtschaft und haben das national politisch beschlossene Ziel bis 2050 zirkulär zu werden. Auch in der Schweiz wird im Gegensatz zu Deutschland der Einbau von gebrauchten Materialien bereits erlaubt. Wien hat ein Abrissverbot für Gründerzeithäuser, viele Fassadenbegrünungen und bereits Urban Mining Daten der ganzen Stadt erfasst. Berlin verfolgt das Prinzip der Schwammstadt und hat die Rahmenbedingungen für Holzbau erleichtert. Auch in Österreich ist das Bauen mit nachwachsenden, natürlichen Baustoffen schon viel einfacher umzusetzen. In Düsseldorf wird mit "The Cradle" aktuell ein Pilotprojekt nach dem Cradle to Cradle Prinzip gebaut. Dennoch sind alle Beteiligten noch weit davon entfernt von dem, was möglich wäre und nötig ist, um die nachhaltige Bauwende umzusetzen.

 

Yvonne Traxel: Wie können Städte bzw. Stadtverwaltungen die Kreislaufwirtschaft beschleunigen?

Elisabeth Broermann: Kommunen haben schon jetzt die Möglichkeit Ausschreibungen zu gestalten, die Aspekte der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit als Auswahlkriterium zu berücksichtigen und nicht nur den niedrigsten Preis. Woran es auf dieser Ebene meist fehlt, ist Zeit und Personal, um die zunächst komplexeren Ausschreibungen rechtssicher zu gestalten. Kommunen könnten sich beispielsweise dahingehend zusammenschließen und gemeinsame Konzepte für entsprechende Ausschreibungen entwickeln. Dadurch sinkt die Belastung und gewinnt auch die Expertise. Die Stadt Ludwigsburg zum Beispiel hat ihre Beschaffungskriterien nach dem Cradle to Cradle Prinzip gestaltet und plant auch ein gebautes Pilotprojekt. Die Stadt München hat bei der “ökologischen Musterbausiedlung” die Grundstücke gezielt an Projekte mit vorgegebenen ökologischen und sozialen Standards vergeben und so zukunftsfähigen Projekten, statt höchsten Einnahmen den Vorrang gegeben.  

 

Yvonne Traxel: A4F ist offizieller Partner bei #NewEuropeanBauhaus. Welches Ziel verfolgen Sie hier?

Elisabeth Broermann: Die Klimakrise ist eine globale Herausforderung. Auch die nachhaltige Bauwende werden wir nur gemeinsam schaffen. Die vom NEB angestrebte internationale und interdisziplinäre Vernetzung sehen wir dabei als Schlüssel für das Gelingen der notwendigen Veränderungen. Idealerweise setzen wir uns zusammen mit dem NEB für ein umfassendes Umdenken in Sachen zukunftsfähiges Bauen sowie lebenswerter Stadt- und Regionalplanung in Europa ein und nehmen gemeinsam Einfluss auf die entsprechende europäische Gesetzgebung. Gemeinsame Fahrpläne für die serielle Sanierung oder ein gemeinsames Abkommen für den Nachweis von Lieferketten und gegen Rohstoff-Raubbau wären dabei erste Ansätze.

Wir wünschen uns darüber hinaus skalierbare, übertragbare Lösungen und Pilotprojekte in Architektur und Städtebau, die neben den ökologischen auch die sozialen Aspekte des nachhaltigen Bauens einbeziehen.

Ganz im Sinne des ursprünglichen Bauhauses geht es hier weniger um spezialisierte Insellösungen mit Star-Architektur, sondern darum gute Gestaltung, Konstruktion, Digitalisierung und Nachhaltigkeit gemeinsam zu denken. Nachhaltigkeit darf dabei nicht das nette Add-On sein, sondern muss von der Stadt- und Quartiersebene über die Gebäude- und Technik- bis hin zur Mikroebene, bspw. bei Materialien und Möbeln, als grundlegender Maßstab integriert werden. Wir begrüßen daher das Werben des NEB für ein neues Ästhetikempfinden, das ökologische und soziale Nachhaltigkeit mit Schönheit, Funktion und Zukunftsfähigkeit verbindet und nicht mit “öko” und “teuer”.

Gemeinsam mit dem NEB wollen wir diese positiven Visionen von klimaresilienten Städten oder Gebäuden aus wiederverwendeten Materialien stärken und Lust darauf machen, aktiver Teil der Veränderung zu sein.

 

Yvonne Traxel: Mit welchen weiteren Partnern:innen arbeitet A4F zusammen?

Elisabeth Broermann: Architects for Future steht solidarisch mit der gesamten Klima- und for-Future-Bewegung, seien es die Fridays, Entrepreneurs, Scientists oder (Grand)Parents for Future, German Zero oder die Cradle to Cradle NGO. Diese Vielfalt ist eine starke Bereicherung und gegenseitige Motivation. Wir stimmen uns ab, unterstützen uns gegenseitig und arbeiten sektorenübergreifenden an Projekten, Studien, Stellungnahmen oder Aktionen.

In der Baubranche stehen wir in engem Kontakt mit der Bundesarchitekten:innenkammer, sowie den Architekt:innenkammern der Länder. In Berlin sind A4F-Vertreter:innen dieses Jahr bei der Kammerwahl angetreten und direkt in den Vorstand gewählt worden. Darüber hinaus arbeiten wir inhaltlich mit den Berufsverbänden wie dem BDA und dem BDB zusammen, sind im stetigen Austausch mit der DGNB und DUH, mit verschiedenen Architekturbüros, vielen Hochschulen und auch mit Nachwuchsorganisationen wie nextureplus. Wir sind offen für Austausch und wollen unser Netzwerk möglichst weit und offen entwickeln. Sofern mit unserer Produkt- und Herstellerneutralität vereinbar, freuen wir uns mehr und mehr auch mit der Bauwirtschaft und Immobilienbranche ins Gespräch darüber zu kommen, wie wir den gesamten Bau- und Gebäudesektor möglichst bald klimaneutral, kreislauffähig, ressourcensuffizient und sozialgerecht verändern können. Für die Zukunftsfähigkeit der Branche brauchen wir ein breites Bündnis aller Beteiligten.

Das Event zum Thema



Düsseldorf
24.11.2021
Die Autoren
Yvonne Traxel
Senior Projektleiterin
Heuer Dialog GmbH
Elisabeth Broermann
Korrdinatorin Öffentlichkeitsarbeit und Politik
Architects for Future