22.09.2021
Thomas Großnann

Mit der Wohnungswirtschaft, der Kommune und einem Carsharing-Anbieter sind mindestens drei Player im Spiel.

Carsharing im Wohnungsbau, eine komplexe Aufgabe.

Sehr viele Kommunen forcieren die Verknüpfung von Wohnen mit Sharing-Konzepten für die Mobilität von Zuhause aus. Was dabei von allen Beteiligten noch gelernt werden muss.

Sei es die Reduktionsmöglichkeit beim Bau von Stellplätzen oder sogar die Vorlage eines Mobilitätskonzeptes als Voraussetzung für die Baugenehmigung: Die meisten größeren Kommunen sind mittlerweile beim Thema Sharing, insbesondere Carsharing, im Wohnungsbau aktiv. Adressat des städtischen Handelns sind Wohnungsunternehmen, deren Fachgebiet das Entwickeln von Immobilien ist und nicht unbedingt das Carsharing in seinen Feinheiten. Daher wird in der Regel ein Carsharing-Anbieter mit ins Boot genommen, um die Vorgaben zur Bereitstellung eines entsprechenden Angebotes zu erfüllen.

Drei Parteien – Kommune, Wohnungsunternehmen und Carsharing-Anbieter – stehen somit vor der Aufgabe, eine komplexe Gestaltung gemeinsam zum Erfolg für diese Beteiligten und in erster Linie natürlich für die Bewohner*innen zu machen.

Das kann nicht aus der theoretischen Planung heraus sofort gelingen, sondern ein iterativer Prozess aus Planung, Umsetzung, Monitoring, Analyse, Plananpassung u. s. w. ist erforderlich. Dies geschieht natürlich nicht bei jedem Projekt von neuem, denn viele Erkenntnisse sind durchaus transferfähig.

Bei der Betrachtung aktueller Projekte zeigt sich: Ein für alle Seiten zufriedenstellendes Vorankommen ist selten. Missverständnisse und Unsicherheit sind zu beobachten und die Erkenntnis, dass es nicht ausreicht, einige Stellplätze zur Verfügung zu stellen und der Rest regelt sich von selbst. Drei wichtige Ursachen dafür möchte ich kurz vorstellen:

Problem 1: Kommunalpolitische Verkehrsplanung trifft faktische Mobilitätsbedürfnisse und -gewohnheiten
Kommunalpolitik soll und will steuern. Ein Beispiel: Vergleichbare Infrastruktur-Versorgung in den verschiedenen Stadtteilen ist ein legitimes Politik-Ziel. Die Bevölkerungsstruktur unterscheidet sich jedoch in unterschiedlichen Stadtteilen oft signifikant, dementsprechend ist auch die Nachfrage nach Carsharing überhaupt nicht gleichmäßig über die Fläche einer Stadt verteilt. So kann es kommen, dass politisch gewünschte Carsharing-Angebote gar nicht unmittelbar auf hinreichende Nachfrage stoßen.

Problem 2: Dynamik trifft auf Statik
Das Carsharing wächst bundesweit 15-20% jährlich. Der Bedarf an Stellflächen im stationsbasierten Carsharing steigt natürlich entsprechend. Wer dies auch nur einige Jahre in die Zukunft denkt, sieht eine stark progressiv ansteigende Kurve der Anzahl benötigter Stellplätze. Demgegenüber steht die Tatsache, dass eine Tiefgarage mit einer definierten Größe gebaut wird und nach Fertigstellung nicht mehr erweiterbar ist.

Problem 3: Divergenz der Interessen
Ein Carsharing-Anbieter möchte natürlich grundsätzlich sein Angebot erweitern. Aber örtlich nur da, wo er sich einen wirtschaftlichen Geschäftsverlauf verspricht. Bei der Immobilienwirtschaft stehen sich womöglich hier und da der Zwang zur Kosteneffizienz und der Aufwand neuer Mobilitätslösungen entgegen. Und nicht jede Stadt hat die Kostenfolgen ihrer Mobilitätskonzepte für die Privatwirtschaft vollständig im Blick. Und auch das Monitoring der privatwirtschaftlich geführten Projekte ist oft nicht leistbar.

Wie kann Carsharing im Wohnungsbau angesichts dieser Konstellationen gelingen? Es leuchtet ein, dass die Hoffnung auf Selbstregulierung enttäuscht werden wird. Vielmehr kann Carsharing in der Wohnungswirtschaft nur Erfolg haben, wenn die Seite, die den Willen zur Einführung hat, auch das Projekt führt. Dies kann tatsächlich im Einzelfall das Wohnungsunternehmen sein, häufig wird sich jedoch die Kommune selbst in dieser Rolle sehen. Meiner Meinung nach sind die Kommunen, die einen Beitrag zur Verkehrswende leisten wollen, gehalten, weit über ihre bisherige Arbeitstiefe beim Thema Carsharing im Wohnungsbau hinauszugehen. Sie sollten der Immobilienwirtschaft in den Bauprojekten mit klaren und erfüllbaren Vorgaben, aber auch mit einer konsequenten Projektbegleitung zur Seite zu stehen. Die Kommunen würden sich für ihren Mehraufwand mit der erfolgreichen Realisierung ihrer Verkehrsplanung belohnen. Die Carsharing-Anbieter fänden ein Feld vor, das bestellbar ist und das Thema Carsharing wäre für Bauträger fassbar, wirtschaftlich berechenbar und erfolgreich umsetzbar.

Der Autor
Thomas Großnann
Geschäftsführung, scouter Carsharing