27.08.2021
Henning Jünke

Wie der Gebäudesektor sein Potenzial nutzen muss, um bis 2050 klimaneutral zu werden

Bauen, als ob es ein Morgen gäbe

Der emissions- und ressourcenintensive Bausektor kann einen großen Beitrag zur Erreichung von globalen Klimazielen leisten. Henning Jünke, Head of Sustainability von Schüco, erklärt, was zu tun ist, damit die Branche bis 2050 klimaneutral wird.

Heuer Dialog: Welche Aspekte sind besonders wichtig, damit die Immobilienwirtschaft in Zukunft nachhaltiger wird? Welches Potenzial steckt in der Baubranche?
Henning Jünke: Die Baubranche hat großen Einfluss auf eine notwendige, nachhaltige Transformation der Wirtschaft. Gebäude verursachen heute fast 40 Prozent der gesamten globalen CO2-Emissionen und allein in Deutschland einen Großteil des Abfallaufkommens. In der Branche steckt aber auch viel ungenutztes Potenzial für den Klima- und Ressourcenschutz, etwa durch energiesparende Bauteile oder durch den Erhalt und die verstärkte Renovierung von Gebäuden.
Ein wesentlicher Punkt mit Blick auf die nachhaltige Transformation der Baubranche ist sicherlich der notwendige Wechsel von der heutigen Linear- oder auch Wegwerfwirtschaft zur einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. So können gleichzeitig Ressourcen geschont und Emissionen eingespart werden, indem weniger Primärmaterial genutzt werden muss.
Wir bei Schüco sind überzeugt, dass Gebäude die Rohstoffdepots der Zukunft sind. Schon heute ist die verbaute Materialmenge im weltweiten Gebäudebestand enorm. Um der fortschreitenden Verknappung von Ressourcen zu begegnen, braucht es neue Konzepte, um dieses Material auch nach dem Rückbau problemlos weiter zu nutzen. Dazu gehört zum Beispiel, dass das Prinzip der Zirkularität direkt bei der Entwicklung neuer Produkte mitgedacht werden muss und in Zukunft transparent dokumentiert wird, welche Bauteile und Materialien in einem Gebäude verbaut sind – am besten digital.

HD: Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl: Was kann die Politik tun, damit die Baubranche ihren Einfluss auch wirksam nutzen und ihren Beitrag zu einer nachhaltigeren Wirtschaft leisten kann?
Jünke: Die Politik ist in der Verantwortung, die notwendigen Voraussetzungen für mehr Nachhaltigkeit in der Baubranche zu schaffen. Darunter fällt zum Beispiel, dass die Renovierung von alten, energieineffizienten Gebäude in Zukunft deutlich attraktiver sein muss. Dasselbe gilt für die Weiter- und Wiederverwendung von Bauteilen oder Baustoffen. Damit nicht nur die Emissionen der Baubranche sondern auch ihr Ressourcenverbrauch reduziert werden kann, sollte die Politik das Prinzip der Kreislaufwirtschaft weiter fördern und Anreize dafür schaffen, dass die optimale Rückführung in den Materialkreislauf direkt im Entwicklungsprozess von Bauprodukten sowie bei der Planung eines Gebäudes bedacht wird. Zudem braucht es die Unterstützung der Politik, um künftig CO2-ärmere oder klimaneutrale Produkte zu entwickeln. Aktuell fehlt es noch an den passenden Rahmenbedingungen, um energieintensives Baumaterial, wie Beton oder Aluminium, CO2-neutral herzustellen. Das muss sich dringend ändern, denn nur so kann in Zukunft klimaverträglicher gebaut und die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden.

HD: Und wo sind Unternehmen gefragt, selbst die Initiative zu ergreifen? Zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle?
Jünke: Es gibt bereits viele spannende, innovative Geschäftsmodelle, die den aktuellen Status Quo hinterfragen. Zukünftig könnte es zum Beispiel der Fall sein, dass Bauteile nicht einfach gekauft, sondern nur vom Nutzer geleast werden. Damit wäre der Hersteller den gesamten Lebenszyklus für sein Produkt verantwortlich und müsste sich selbstverständlich auch um eine mögliche Reparatur und das spätere Recycling kümmern. Das wäre Anreiz genug, damit Hersteller ihre Produkte von Beginn an kreislauffähig und langlebig entwickeln. Auch mit Blick auf die Digitalisierung gibt es sicherlich noch viele neue Möglichkeiten, um zum Beispiel den Bauprozess oder die Gebäudenutzung künftig energieeffizienter zu gestalten. Aber auch bereits bestehende Konzepte geben Unternehmen im Gebäudesektor die Chance, einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit in der Baubranche zu leisten. Beispiele hierfür sind etwa nachhaltige Produktzertifizierungen wie der Cradle to Cradle Product Standard. Ein Cradle-to-Cradle-Zertifikat bescheinigt Produkten nicht nur eine problemlose Rückführung in den Wertstoffkreislauf, sondern auch die Einhaltung sozialer Standards und den sorgfältigen Umgang mit Wasser und Energie während der Herstellung. Auch mit der Unterstützung von ausgewählten Brancheninitiative, die sich zum Beispiel für besseres Recycling im Bausektor einsetzen, können Unternehmen selbst aktiv werden. Fest steht in jedem Fall, dass kein Unternehmen allein für eine ganzheitliche, nachhaltige Transformation sorgen kann. Es bedarf der Zusammenarbeit und der Anstrengungen der gesamten Branche, ebenso wie der Lieferanten, der Partner und der Politik, damit der Bausektor sein Potenzial wirklich nutzen kann und bis 2050 klimaneutral ist.

HD: Herr Jünke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Der Autor
Henning Jünke
Head of Sustainability
Schüco International KG