30.07.2021
Lewin Fricke

Ein ganzheitlich nachhaltiges Mehrfamilienhaus, mit Vorbildcharakter für ganze Quartiere

Grünes Wohnen in Stuttgart-Feuerbach

Im Gespräch mit dem Heuer Dialog erläutert Lewin Fricke, Head of Public Affairs & Public Relations der TRIQ GmbH, inwieweit nachhaltige Pilotprojekte Vorbilder für ganze Quartiere sein können und welche Rolle der Holzbau dabei spielt.

Heuer Dialog: Welche Dynamiken sehen Sie aktuell in der Quartiersentwicklung? Was wird noch kommen?
Lewin Fricke: Wie in vielen anderen Lebensbereichen, bemerkt man auch in der Quartiersentwicklung eine immer stärker werdende Ausrichtung hin zu mehr Nachhaltigkeit. Ein wirklich spannendes Beispiel ist das geplante Schuhmacher Quartier, auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin Tegel. Mit über 5.000 Wohnungen entsteht hier eines der größten Holzbau-Quartiere der Welt. Alle beteiligten Partner haben sich in einer Charta auf sieben Leitlinien geeinigt, die ein wirklich nachhaltiges und sozial gerechtes Stadtviertel garantieren sollen. Viele dieser Leitlinien finden sich auch in unserem Bauprojekt in Stuttgart-Feuerbach wieder, zum Beispiel die Vision einer klimagerechten und wassersensiblen Stadtentwicklung. Solche nachhaltigen Leitlinien müssen, meiner Meinung nach, ein grundlegender Bestandteil aller neu entstehenden Quartiere werden. Hier können sich Quartiersplaner einiges von kleinen Pilotprojekten abgucken. Die Herausforderungen durch den Klimawandel, aber auch die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt, machen das zwangsläufig nötig.

HD: Wie vielversprechend ist das Material Holz? Wie kann sichergestellt werden, dass diese Holzbau-Systeme tatsächlich nachhaltig sind?
Fricke: Der eben von mir skizzierte Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit, bei gleichzeitiger sozialer Gerechtigkeit, steht mit Blick auf den Preis natürlich immer in einem Spannungsverhältnis. Hier ist Holzbau wegen seines Innovationspotentials enorm wichtig. Wir werden in den kommenden Jahren erleben, dass Baustoffe mit hohen externen Kosten – z.B. Zement oder Ziegelsteine – auch in der Produktion deutlich teurer werden. Gleichzeitig wird es immer mehr Innovationen auf dem Holzmarkt geben, die ein kosteneffizientes und klimaneutrales Bauen ermöglichen werden. Hier muss man wissen, dass Deutschland das holzreichste Land Europas ist. Ca. 1/3 unserer jährlichen Holzernte würde reichen, um 100% unserer Neubauquote abzudecken. Wenn wir unsere Wälder also weiterhin nachhaltig bewirtschaften, dann ist das Material Holz meiner Meinung nach nicht nur vielversprechend, sondern es wird die Zukunft der Baubranche darstellen.

HD: Wie setzt sich die C2C-Philosopie im Immobiliensektor durch? Wo sehen Sie wichtige Anwendungsbereiche?
Fricke: C2C setzt auf eine konsequente und wirklich durchgängige Kreislaufwirtschaft. Persönlich bin ich der Überzeugung, dass wir vor allem beim Rohbau von Gebäuden lineare Rohstoffketten sprengen müssen. Die Baubranche verursacht knapp 60% des deutschen Müllaufkommens. Das ist ein riesen Ressourcenverbrauch und auch mit Blick auf die „Graue Energie“ eine Katastrophe. Daher haben wir gemeinsam mit dem Architekten Werner Grosse, der schon seit knapp 20 Jahren an nachhaltigen Holzbau-Systemen arbeitet, unser eigenes kreislauffähiges Holz-Rohbausystem entwickelt. Dank der dreiaxialen Dübelverbindung des Systems, können die einzelnen Module nach ihrer Nutzung sortenrein zurückgebaut und in neuen Projekten wiederverwendet werden. Wir verbinden also den Kreislauf der nachhaltigen Holzproduktion mit einem Materialkreislauf rund um das Thema Gebäudehülle. Dieser doppelte Effekt macht den Rohbau meiner Meinung nach zu einem der wichtigsten Anwendungsbereiche, um den C2C-Gedanken konsequent in den Immobiliensektor zu bringen.

HD: Wir haben eine eklatante Wohnungsnot in Deutschland. Welche Lösungen kann die Immobilienbranche bieten? Sind das Wohnquartiere mit ca. 10% Gewerbenutzung?
Fricke: Klar ist, dass insbesondere in den urbanen Ballungsgebieten mehr gebaut werden muss – nachhaltig natürlich und am besten mit Holz. Hier spielt vor allem das Thema Nachverdichtung eine große Rolle. Wir müssen aber auch über die Erschließung neuer Areale und der damit einhergehenden Neuentstehung ganzer Quartiere eine Entlastung für den Wohnungsmarkt schaffen. Hier finde ich den Ansatz der „15-Minuten-Stadt“ sehr spannend. Die Idee ist, dass man alle Stationen, die man für das alltägliche Leben benötigt, ohne Auto in 15 Minuten erreichen kann. Hierfür ist es zwingend erforderlich, dass die benötigte Fläche für Ärzte, Kitas, Einzelhandel, usw. in der Quartiersplanung von Anfang an berücksichtigt wird. Ob 10% dann die kritische Menge dafür ist, müssen wir gemeinsam herausfinden.

HD: Ist Ihr Projekt skalierbar? Können große Quartiere auf diese Art und Weise gebaut werden?
Fricke: Mit unserem Mehrfamilienhaus in Stuttgart-Feuerbach versuchen wir ein Leuchtturm-Projekt für ganze Quartiere zu sein. Wir setzen auf nachhaltige Baustoffe, ein klimafreundliches Energiekonzept und eine Wohngemeinschaft, die durch das Gebäude selbst dabei unterstützt wird, umweltbewusster und ressourcenschonender zu leben. In der bisherigen Planung erleben wir Zuspruch von allen Seiten. Es gibt jede Menge potentielle Käufer, die von unserem ganzheitlich nachhaltigen Ansatz begeistert sind. Gleichzeitig kommen wir mit immer mehr Firmen in Kontakt, die schon jetzt eine Vielzahl von nachhaltigen Bauprodukten anbieten. Insbesondere durch unser eigens entwickeltes und sehr einfach skalierbares Holzbau-System, bin ich der Überzeugung, dass unser Ansatz für ganze Quartiere funktioniert. Ich möchte sogar sagen, dass einige unserer Ansätze in Zukunft skaliert werden müssen. Anders werden wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen.

HD: Herr Fricke, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Der Autor
Lewin Fricke
Head of Public Affairs & Public Relations
TRIQ