12.03.2021
Tanja Severin

Geht nicht, gibt es gerade nicht: Warum die Immobilienbranche jetzt handeln sollte

Chancen für Entschlossene

Die Bedeutung der Immobilienwirtschaft im gesellschaftspolitischen Kontext steigt rasant. Eine neue Verantwortung, die mit vielen neuen Chancen einhergeht – wenn wir nur schnell und entschlossen handeln.

Zugegeben: Immobilien- oder gar Corporate Real Estate-Unternehmen stehen in der allgemeinen Wahrnehmung nicht gerade oben auf der Liste, wenn es um die Frage geht, wer gestaltet die Neue Normalität. Zu Unrecht wie ich finde, denn gerade jetzt können wir viel beitragen.

Die Corona-Pandemie ist inzwischen untrennbar mit der Notwendigkeit eines tiefgreifenden Wandels – ökologisch, ökonomisch und sozial – verknüpft. Komplett neu, oder gar aus dem Nichts heraus, kommt diese Notwendigkeit zur Veränderung natürlich nicht. „Strukturwandel“ ist hier das Stichwort, unter dem die Immobilienbrache die verschiedenen Facetten des bereits seit einigen Jahren laufenden Umbruchs zusammengefasst hatte.

Wenn auch das Thema grundsätzlich nicht neu ist, so hat es aktuell doch eine neue Dringlichkeit gewonnen. Eine Dringlichkeit, die uns nicht nur vor Herausforderungen stellt, sondern die auch ein Momentum mit sich bringt, das wir zur Realisierung der mit dem Wandel einhergehenden Chancen unbedingt nutzen sollten. Denn: geht nicht, gibt es gerade nicht. Die Chance als Immobilienunternehmen, neue Werte zu schaffen – für unsere Kunden und die gesamte Gesellschaft – war selten so groß wie jetzt. Digitalisierung, Arbeitswelten und Nachhaltigkeit sind nur drei der großen Themen, auf die wir Einfluss nehmen können und die weitreichende Auswirkungen in alle Bereiche der Gesellschaft hinein haben.

Wir müssen Antworten geben – und Lösungen. Jetzt.

Wie sehen die Arbeitswelten von morgen aus? Wie sieht unser Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit aus? Wie können wir mit innovativen Immobilienkonzepten gesellschaftlichen Mehrwert stiften? Welche Vorteile können wir durch digitale Lösungen greifbar machen?

Fragen wie diese bestimmen derzeit die Agenda vieler Real Estate-Unternehmen. So auch unsere. Gemeinsam mit unserem Innovations- und Technologiepartner Siemens Smart Infrastructure arbeiten wir intensiv an Antworten.

Thema Digitalisierung: Als Teil der „Digital Company“ Siemens hat Digitalisierung für uns einen besonderen Stellenwert und zieht sich durch alle Bereiche unseres Geschäfts. Big und Smart Data, smarte Gebäudetechnik, digitale Zwillinge – bei Neubauprojekten ebenso wie im Bestand – digitale Services für unsere Gebäudenutzer, beispielsweise im Bereich Workplace Experience, die Digitalisierung unserer internen Prozesse und der Portfoliosteuerung: Nur eine Auswahl der unterschiedlichen Aspekte, die wir im Rahmen der Digitalisierung unseres Immobiliengeschäfts verfolgen und mit der wir uns seit vielen Jahren intensiv beschäftigen.

Bild 1: Beim Siemens Campus in Zug (Schweiz), Global Headquarters von Siemens Smart Infrastructure, kam Building Information Modeling (BIM) in der Planung und Realisierung zum Einsatz kam. Der Digitale Zwilling, ein 3D-Modell des Gebäudes, angereichert mit technischen Informationen, die für den späteren Betrieb relevant sind, ist Grundlage für eine effiziente, kostenoptimierte und vorausschauende Bewirtschaftung von Gebäuden. Der Campuskomplex ist mit Gebäudeautomation, Sicherheits- und Brandschutztechnik von Siemens Smart Infrastructure ausgestattet. Besonderer Wert wurde auf Nachhaltigkeit und Energieeffizienz der Gebäude gelegt. Das Bürogebäude erfüllt höchste Ansprüche nach dem LEED-Standard und erhielt eine Platin-Zertifizierung, das Produktionsgebäude erfüllt die Kriterien für LEED Gold.

Vorteile liegen auf der Hand: Eine hohe (Daten-)Transparenz, gesteigerter Nutzerkomfort und eine bessere Performance hinsichtlich Nachhaltigkeit, Planungssicherheit beim Neubau, Zeit- und Kostenersparnis bei der Instandhaltung, eine Wertsteigerung der jeweiligen Immobilie und des gesamten Portfolios. Vorteile, die sich nicht nur positiv auf unsere eigene Wertschöpfung auswirken, sondern die zugleich den Geschäftserfolg unserer Stakeholder unterstützen.

Nochmals verstärken können wir diese Wertschöpfung, indem wir Synergieeffekte bei unseren Digitalisierungsaktivitäten nutzen. Für uns bei Siemens Real Estate zunächst durch den direkten Zugang zum Technologie-Knowhow innerhalb Siemens aber auch die Zusammenarbeit über die gesamte Real Estate-Branche hinweg ist uns ein wichtiges Anliegen. Wir sind überzeugt, dass die digitale Transformation nur miteinander gelingen kann. Vernetzen, voneinander lernen und gesamtgesellschaftliche Werte schaffen. Die Chancen, die mit der Digitalisierung der Immobilienbranche in Summe einhergehen, sind vielfältig – wir müssen sie nur endlich ergreifen. Wenn wir das gemeinsam tun, umso besser.

Thema Arbeitswelten: In der Schaffung innovativer Arbeitswelten liegt eine weitere große Chance für uns. Jetzt ist es an der Zeit, zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln. Denn ein bequemes Zurück in die alte Arbeitswelt sollte keine Option sein. Arbeiten außerhalb des Büros, wenn auch derzeit überwiegend auf Arbeiten von zu Hause aus beschränkt, erfährt seit der Corona-Pandemie eine breite Akzeptanz. Damit stehen wir für die Einführung innovativer und ortsunabhängiger Arbeitskonzepte vor einer völlig anderen Ausgangsbasis als noch vor zwei Jahren. Warum also nicht die Gunst der Stunde nutzen und das Büro als den einen Arbeitsort dauerhaft im New Normal, d.h. in der Zeit nach der Pandemie, um weitere Möglichkeiten zum mobilen Arbeiten ergänzen? Sicherlich, die richtige Mischung macht’s; die richtige Balance zu finden zwischen 100 Prozent mobil und 100 Prozent Büro. Auch bei Siemens, wo mobiles Arbeiten bereits seit über zehn Jahren fester Bestandteil unserer Arbeitswelt ist, wurde ein neues Verhältnis für mobiles Arbeiten und Arbeiten im Büro definiert: mobil an zwei bis drei Tagen pro Woche, wo immer sinnvoll und machbar, ist unser Weg. Schon jetzt zeichnet sich ab: Arbeiten im New Normal ist von Vielfalt geprägt. Wir sprechen von einem Ökosystem verschiedener Arbeitsorte – zu Hause, im Büro, im Internetcafé um die Ecke oder im Coworking-Büro. Mitarbeiter wählen selbst den Arbeitsort, an dem sie die beste Leistung erbringen können. Dabei bleibt das Büro ein unverzichtbares Element der neuen Arbeitswelt, allerdings wird es ein stückweit neu erfunden. Bei Siemens Real Estate setzen unsere Arbeitsplatzexperten auf aktivitätsbasierte Flächen. So wird das Büro zum Ort unterschiedlicher Aktivitäten und Treffpunkt mit Kollegen.

Bild 2: Das Siemens-Büro im „New Normal“ hat keinesfalls ausgedient. Es wird vielfältig und bereichernd und steht für eine neue Qualität des Arbeitens. Zusammenarbeit, Fokus und Rückzug sind die drei Grundpfeiler des Bürokonzepts. Offen gestaltet für alle Mitarbeiter, um so den Wechsel zwischen den Arbeitsmöglichkeiten und den abteilungsübergreifenden Austausch zu fördern. 

Bild 3: Ein Raum mit vielen Möglichkeiten: Zusammenarbeit virtuell, „agile“ oder ganz analog. Die flexible Ausstattung schafft Freiräume.

Natürlich spielt auch beim Thema Arbeitswelten die Digitalisierung eine große Rolle. Ohne innovative Technik, die die Flexibilität der Mitarbeiter und der Fläche unterstützt, geht es nicht. Smart Office und Workplace Experience sind hier die Stichworte.

Bild 4: Mitarbeiter müssen planen können, wann sie ins Büro kommen, um vor Ort die passenden Kollegen zur Zusammenarbeit zu treffen. Flächenbetreiber brauchen Informationen zur Auslastung der Fläche. Auch der Wohlfühlfaktor im Büro wird immer wichtiger: Nutzer sollten den Komfort der Fläche direkt beeinflussen können. Die App „Comfy“ von Siemens Smart Infrastructure ermöglicht eine individuell anpassbare Arbeitsumgebung, indem sie eine interaktive Verbindung zwischen Menschen und Gebäuden schafft.

Unsere Formel für Arbeiten im New Normal: Mobil, flexibel, selbstbestimmt – und digital. In vielen Unternehmen ein echter Paradigmenwechsel, der von Mitarbeitern und Führungskräften viel verlangt. Doch gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt für einen großen Schritt in Richtung Vielfalt, Flexibilität und Selbstbestimmtheit. Tschüss „One size fits all“!

Thema Nachhaltigkeit: Wichtiger und drängender denn je. Auch am Kapitalmarkt ist das Thema in den Fokus gerückt: ESG (Environmental, Social and Governance) ist in aller Munde. Eine ganzheitliche Wahrnehmung von Nachhaltigkeit, verbunden mit sehr konkreten Anforderungen an Transparenz, Mess- und Vergleichbarkeit setzt sich bei Anlegern durch, so dass ESG-bezogene Ratings auch für den Real Estate-Bereich derzeit mehr und mehr Akzeptanz erfahren. Es lohnt sich, schnellstens Position zu beziehen und die Chance zu nutzen, nachhaltige Werte schaffen.

Immobilien sind ein zentrales Element auf dem Weg in eine nachhaltigere Welt. Allein der Beitrag, den die Immobilienbranche zur Dekarbonisierung leisten kann, ist immens. Energieeffizienzmaßnahmen durch moderne Gebäudetechnik, die Nutzung erneuerbarer Energiequellen statt fossiler Energieträger, Microgrids als eigene flexible Stromversorgungssysteme, die dezentrale erneuerbare Energiequellen einbeziehen, und Grid Edge-Lösungen, um das Zusammenspiel zwischen dezentraler Stromproduktion, Netz und Verbrauchern zu optimieren, neue Mobilitätskonzepte, beispielsweise e-Mobilität und die entsprechende Ladeinfrastruktur, Circular Economy und die sorgfältige Auswahl von Baustoffen – uns stehen starke Hebel zur Verfügung.

Bild 5: Besonders die Umstellung auf erneuerbare Energie stellt die Stromversorgung vor große Herausforderungen. Wir brauchen mehr Flexibilität im Energiesystem. Vielversprechende Ansätze, sieht Siemens Smart Infrastructure aktuell am Grid Edge – der Schnittstelle zwischen Netz und Verbrauchern: Die Digitalisierung ermöglicht hier ein neues Zusammenspiel von dezentraler Stromproduktion, Speicherung und Verbrauch, von dem alle Seiten profitieren.

Denken wir noch einen Schritt weiter, abseits von Dekarbonisierung und entlang des gesamten Immobilienlebenszyklus: Sozial verantwortlich durchgeführte Immobilienentwicklungs- und Revitalisierungsprojekte, die die lokalen Besonderheiten berücksichtigen und Anwohner, Öffentlichkeit und Arbeitnehmer einbeziehen. Oder zum Thema Biodiversität: Eine verantwortungsvolle Standortauswahl und der Schutz beziehungsweise die Förderung der biologischen Vielfalt an unseren Standorten. Die Liste könnte noch lange fortgeschrieben werden. Doch eines ist bereits jetzt klar: Nicht zu handeln, ist keine Alternative.

Bild 6: Am indischen Siemens-Standort in Kalwa wird kontinuierlich in Nachhaltigkeit investiert. Beispiele für bereits umgesetzte Maßnahmen sind ein ausgeklügeltes Abfallrecycling-System, eine zentrale Trinkwasseraufbereitungsanlage, ein Bewässerungssystem, das auf der Nutzung von aufbereitetem Brauchwasser basiert, und die größte Aufdach-Solaranlage an einem Siemens-Standort. Rund 6.820 Paneele, die eine Dachfläche von 13.640 Quadratmetern bedecken, haben eine Leistung von 2,2 Megawatt und reduzieren den CO2-Ausstoß um 2.400 Tonnen jährlich. Auch in puncto Biodiversität erweist sich Kalwa als grüner Standort: Der reiche und alte Baumbestand (rund 1.200 Bäume) umfasst 86 Arten, darunter auch gefährdete Arten.

Zeit für ein neues Selbstverständnis

Noch nie konnten wir so viel Einfluss nehmen. Die Möglichkeiten zum Geschäftserfolg unserer Stakeholder beizutragen sind ebenso vielfältig, wie die Möglichkeiten, unsere eigene Zukunft zu gestalten und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um neue Wege zu gehen und Visionen in die Realität umzusetzen! 

Die Autorin
Tanja Severin
Geschäftsführerin, Siemens Real Estate Consulting GmbH & Co. KG