12.03.2021
Bernd Fels

Wie (Work)CommunityHubs der Start für Stadtentwicklungen sein können

Neuordnung der Arbeits- und Lebenswelt - Gedankengänge zu New Brunswick

Die neue Normalität hat und wird auch nachhaltig die Art wie wir Arbeiten und Leben vermutlich und hoffentlich verändern. Wie stark die Änderungen sein werden, hängt von vielen Faktoren ab. Der Vortrag zeigt am Beispiel von Braunschweig Möglichkeiten auf.

Vorbemerkung: als Volkswirt mit immobilienwirtschaftlichen Zusatzausbildungen und 20 jähriger Erfahrung in Punkto Neuer Arbeitswelten, insbesondere auf Nutzerseite, fließen viele Erfahrungen und Erkenntnisse in die nachfolgenden Gedankengänge ein. Da das Thema Stadtentwicklung, insbesondere in herausfordernden Zeiten, komplex und damit schwer antizierbar ist, bedarf es weiterer Expertise von Fachleuten, der Einbeziehung der Eigentümer, den verantwortlichen Stellen der Stadt Braunschweig sowie einer breiten Meinungsbildung der Öffentlichkeit, um somit ein möglichst konsensfähiges und tragfähiges Konzept entwickeln zu können. Ich möchte mit den Gedankengängen ein Zukunftsbild für Braunschweig anregen und hoffentlich einen wertvollen Beitrag leisten, der die Basis für weitere Planungsschritte bildet. Hierbei werden bewusst Szenarien gedacht, die vielleicht überzogen sind, in Teilen apokalyptisch anmuten, um so die Notwendigkeit des Handelns zu untermauern. Auch wenn wir heute und zukünftig vermehrt in „VUKA-Zeiten“ leben (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität), so sollten wir die Weichenstellungen für die Zukunft angehen, denn: Stillstand ist keine Option. Zeit zum Handeln, in einer Region, die den strukturellen Wandel vom Automobilmarkt zum nachhaltigen Mobilitätsmarkt ein Stück weit verschlafen hat und nun mit neuen Ideen die Zukunft selber gestalten kann - vielleicht auch mit Ideen der nachfolgenden Gedankengänge.

Die großvolumigen Projektierungen Braunschweigs, des Bahnhofsvorplatzes sowie der Bahnstadt laufen Gefahr - in Zeiten wie diesen - möglicherweise überdimensioniert zu sein. „Peak-City“, also die Spitze der Stadtentwicklung, könnte ein Thema sein, wie manche Kommentare es bereits beschwören. Vergangene Stadtentwicklungsprojekte, mit einer Vielzahl an Neubauten, die investoren- und wachstumsgetrieben, stadtplanerische Visionen auf dem Reißbrett entwarfen, könnten in Teilen der Vergangenheit angehören. Dennoch können die Überlegungen zum Bahnhofsvorplatz und der Bahnstadt – die vor der neuen Zeitrechnung richtigerweise angedacht wurden, einen wertvollen, integrativen Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung Braunschweigs mit Vorbildcharakter auch für andere Kommunen haben.

So hat „New Brunswick“ die Chance, zum „Bilbao der 2030er Jahre“ zu werden, wenn aus der Mitte, mit spektakulärer Architektur, der Unterstützung der Politik, neuen Formen des Sharings von Co-Working, Co-Learning, Co-Living, Co-Retail, Co-Knowledge, Mobilitätskonzepten konsequent und nutzerzentriert – mit dem Fokus von TTT (Technologie, Talents und Toleranz) – gedacht wird.

Hintergrund: 100 Mio. m2 könnten in den nächsten Jahren / Dekaden alleine in Deutschland zur Disposition stehen, wenn ca. 20% in den Assetklassen Büro, Handel, Gastronomie, Beherbergung, wobei es Niemand mit Gewissheit sagen kann, webrechen würden. „Deutschland ist gebaut“ – noch nicht komplett, aber Bestandsoptimierungen rücken mehr denn je in den Fokus. Neubauten oder gar neue Stadtentwicklungen, müssen im Sinne der Nachhaltigkeit (wirtschaftlich, sozial, ökologisch) neu bewertet werden.

All das wird neben dem noch vermutlich viel größerem, anwachsendem Problem des KIimawandels, eine Herausforderung sein, die wir nur gemeinsam und mit einem neuen Verständnis wirtschaftlichen Handelns meistern können. Wir kennen noch nicht die kompletten und konkreten Ausmaße der Herausforderung, aber sie sind da und werden mehr.

Die fortschreitende Verödung der Innenstädte, die bereits auch vor Corona durch zunehmenden Internethandel und neuem Verbraucherverhalten spürbar war, die anhaltende Wohnungsnot, die Überhitzung der Städte in den Sommermonaten als Folge der stärker werdenden Klimakatastrophe, die zunehmend verstopften Straßen und die damit einhergehende Luftverschmutzung, der aufkommende fragile Welthandel und die daraus resultierende Abhängigkeit an Gütern sind Herausforderungen, die es zukünftig insbesondere auch vor der eigenen Haustür zu meistern gilt. Also auch in Braunschweig.

Wollen wir das Zentrum Braunschweigs – die Innenstadt – stärken, dann sollten wir die mögliche Errichtung von Hunderttausenden Quadratmetern am Bahnhofsvorplatz und der Bahnstadt an neuen Büros, Handel, Hotels, Kulturstätten überdenken und Wohnen, Lehre / Lernen und Produktion, vermehrt in den Fokus der Betrachtung lenken.

Im Folgenden werden „Was-wäre-wenn-Szenarien“ insbesondere für den Bahnhofsvorplatz sowie für die Bahnstadt aufgezeigt. Zudem werden bereits bestehende Stadtentwicklungsprojekte in die Szenarien integrativ verwoben, ohne genaue Kenntnis hierüber zu haben. Folgende Vision für Braunschweig 2030 welche dem Prinzip der reparaturzentrierten Stadtentwicklung folgt und konsequent aus der Mitte gedacht wird, ist das Ergebnis.

Was wäre (Teil 1), wenn der Bahnhofsvorplatz sich auf eine lebendige Wissensstadt fokussiert (TU, Institute, private Fortbildungseinrichtungen) und auch den Viewegsgarten und das Stadthallenareal mit einbezieht? Ein Umzug der Uni aus dem Univiertel wäre eine mögliche Folge. Eine Nachnutzung zu einem kreativ-produktiven Wohnviertel ist vorstellbar – die Verödung eines ganzen Stadtteils somit ausgeschlossen. Es wird eine resiliente Wissens-Stadt, die auch in herausfordernden Zeiten, hybrid und multifunktional (diverse Nutzungen auf gleichem Raum: z. B. Lehre und Schule) funktioniert. Auch deshalb, da annahmegemäß der Park „Viewegsgarten“ eine Freiluft-Uni mit Pavillions, Baumhäusern und sonstigen ökologisch-orientierten Erlebnis- und Aufenthaltsorten beherbergt, die in Randzeiten auch für den Bürger nutzbar sind. Die derzeitigen Probleme maroder Uni-Gebäude und die Zersplitterung der Fakultäten über die Stadt zu einem Wissenszentrum – mit perfekter Bahnanbindung – werden gelöst. Weitere Forschungseinrichtungen der wissensintensivsten Region Europas und die forschungswillige Industrie kommen dazu. Die Folge: mehr Innovation „made in Braunschweig, was die Stadtattraktivität erhöht.

Was wäre (Teil 2), wenn die Bahnstadt ein Mix aus Büro / Wissensstadt in der Nähe des Bahnhofs und produktiv-kreativem Wohnen und Arbeiten wird. Das Eisenbahnausbesserungswerk (EAW) wird ein kreativ-produktiv-ökologisches Gewerbeviertel. In Teilen wie beispielsweise Godsbanen in Aarhus (DK) oder der LocHal in Tilburg (NL). In Kooperation mit den Eigentümern und Mietern könnte der Charme der alten Industriehallen eine neue Verwendung finden, wenn eine Umsiedelung der jetzigen Nutzung möglich wäre. Wie wäre es, wenn das Gebäude zu einer privat-öffentlichen Bücherhalle, zu einem „Maker-Space / Fab-Lab / Produktions4.0“-Standort und zu einem (Work)CommunityHub mit beispielsweise Schwerpunkt Mobilität, Schwerpunkt Schieneninfrastruktur – passend zur Bahnstadt - wird? So könnte die „Hochtechnologie-Stadt Braunschweig“, die bereits 2002 hier angedacht wurde, Wirklichkeit werden. Organic Garden, ein deutscher Vorreiter der Lebensmittelproduktion und -kreisläufe, besiedelt annahmegemäß einem Großteil der Brachfläche hinter dem EAW. Die Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL), mit Sitz in Braunschweig, sollte Interesse haben, derartige neuen Ansätze direkt vor der Haustür zu haben. Organic Garden versorgt zehntausende lokale Verbraucher, um Transportwege zu minimieren. Ein Logistikhub für die letzte Meile mit Schienen- (Straßenbahn und Bahn), Straßen- (neue Autobahnabfahrt A39) und Luftanschluß (Drohnenflugplatz) entsteht ebenfalls auf der Brachfläche des EAW.

Wir reden bei anderer Nutzung der Bahnstadt auch zum Beispiel von Tiny-Houses mit Gartenanteil auf der Gleisharfe, welches sich bis zum Kennelbad – also über das bisher gedachte Entwicklungsgebiet hinaus - erstrecken könnte. Somit wäre auch theoretisch ein Brückenschlag zum Wolters-Viertel, mit Sprung über die Bahn, möglich. Die derzeitige Suche der Stadt nach einem Grundstück für ein Tiny-House-Modellprojekt könnte hier Wirklichkeit werden. Auch Konzepte wie Vallastaden in Linköping sind denkbar. Eine lebenswertere Stadt im Grünen entsteht.

Wie wäre es, wenn sich Braunschweig für die Internationale Bauausstellung (IBA) 2030 – Motto resiliente Stadt - bewerben würde? Die folgende Darstellung zeigt das enorme Potential, welches sich hinter dem Bahnhof, dem Wolters-Viertel und dem Kennelbad erstreckt. Die „Ponte Brunswick I-III“ - auf der nachhaltig-grün-bebauten Gleisharfe - stellen besondere Orte dar, die als Symbol für New Brunswick dienen und Funktionen wie die Ponte Vecchio aus Florenz übernehmen könnten.

Die Bahnstadt wird annahmegemäß mittels einer grünen Achse, auf der Prototypen-Schienenfahrzeuge fahren, an die Innenstadt angebunden. Waren Erlkönige auf der Straße für Braunschweig in der Vergangenheit markant, so werden diese nun um Erlkönige auf der Schiene ergänzt. Hier fahren nicht nur Passagiere an spielenden Kindern und erholungssuchenden Bürgern vorbei, die den Schutz der Bäume in immer wärmeren Sommern suchen, sondern auch der Warentransport aus den Gärten der Tiny-Houses bis hin zu Waren des täglichen Bedarfs, die im New-Work-Center des EAW entstehen, wird hier organisiert und transportiert. Das Ziel: einer der Marktplätze, die an der neuen Verbindungsachse liegen. Zum Beispiel am Viewegsgarten oder am Schlossplatz, der als zentraler Wochenmarkt eine neue, weitere Funktion übernommen hat und die Stadt wieder lebendig macht.

Aber auch umgekehrt fungiert die neue Verbindungsachse vom Bahnhof zur Innenstadt, da in der produktiv-kreativen Innenstadt (-> (Teil-)Umnutzung von Handels- zu Büro-/ Produktionsflächen (Manufakturen 2.0) sowie Wohn- und Lernflächen) in den hinteren Flächen der Erdgeschosse oder der Obergeschosse, die sich als Folge des Einzelhandelssterben hier angesiedelt haben Waren produziert und dann zur Bahnstadt gebracht werden, um (über)regionale Ziele zu erreichen. Ein Güterbahnhof 2.0 (Teil der Bahnstadt), der auch für kleinere Mengen statt nur für Massenware ausgelegt ist, übernimmt die logistische Aufgabe. Für die Verteilung in der Stadt werden autonome Paketfahrzeuge eingesetzt, die zum Beispiel das Ringgleis abfahren und die dortigen Paketstationen zur Selbstabholung beliefern. Wer direkt und schneller beliefert werden will nutzt Drohnendienste, die im Rahmen eines Forschungsprojekts zusammen mit den Akteuren am Forschungsflughafen (dem Luftfahrtbundesamt, der Industrie und Dienstleistern) getestet wurden und 2025 selbstverständlich zum Stadtbild Braunschweigs gehören. Die Vorreiterrolle Braunschweigs hat dazu geführt, dass sich rund um den Forschungsflughafen Firmen aus der Drohnenindustrie niederließen. Denken wir noch einen Schritt weiter, so sollte auch der Tube in den Überlegungen eine Rolle spielen. Größenwahnsinnig? Vielleicht, aber in den 80er Jahren wurde im Emsland der Transrapid gebaut. Warum also nicht eine Teströhre über oder unter der Erde, die Braunschweig mit Wolfsburg verbindet denken, die in der Bahnstadt erforscht, entwickelt und produziert wird? Die Region, eine Modellregion – ein Innovationscluster - für Smart City mit Fokus Mobilität und Logistik.

Wie und vor allem wo konnten die beschriebenen Szenarien reifen, gedacht, diskutiert und projektiert werden? Im (Work)CommunityHub, der in einem der leerstehenden Gebäude der Innenstadt errichtet wird und passgenaue Flächenangebote bietet (siehe Darstellung 3). „New Brunswick“ erwächst genau hier, Mitten aus der Innenstadt.

Warum (Work)CommunityHubs? Wir müssen anders und smarter leben, handeln, arbeiten, lernen, mobilisieren und produzieren. All das kann im (W)CH einen Anfang finden. Hier wird die Kultur entwickelt, die Fähigkeiten gelernt, erprobt, getestet, um ein neues Zeitalter - auch mit Hilfe der Digitalisierung - zu beschreiten. Denn: der (W)CH funktioniert real, virtuell und hybrid. Wir- statt Meine-Flächen sind ein wesentliches Merkmal des (W)CH.

Wir reden nicht von einem „Luftschloß“. Wir reden von einem nachhaltigen (wirtschaftlich, sozial, ökologisch) Projekt, welches jetzt angegangen und greifbar, sprich umgesetzt werden kann. Wir reden von einem Projekt, welches in einer ersten Schätzung ein Potential von weit mehr als 3.000 Mitgliedern (Bürger im Umkreis von 5 km zum Objekt mit unterschiedlichen Bedarfen) nur für die sogenannten Multifunktionsflächen, dem Kern des (W)CH, besitzt. Weitere additive Flächen für beispielsweise Handel, Dienstleistung, Service, Gastronomie, Logistik, Mobilität und Event kommen dazu. Erste Wirtschaftlichkeitsberechnungen sind positiv und dies ohne Berücksichtigung positiver externer Effekte, die in herausfordernden Zeiten eine Investition in die Zukunft Braunschweigs darstellen und somit gesondert betrachtet werden müssten. Einem Projekt, welches beliebige Neubauarchitektur weit hinter sich lässt und nicht erst in 4-5 Jahren, sondern in 2-3 Jahren Wirklichkeit werden kann.

Der Bürger (= Hauptnutzer) wird mitgenommen. Er kann bei der Finanzierung („Crowdfunding mit Gegenleistung“ in Form von Nutzungskontingenten) als Kleinanleger seine Präferenzen, seine Nutzungsvorlieben auswählen. Die Nutzerbedarfe werden in der Flächenkonzeptplanung, dem Flächenmix somit Berücksichtigung finden. Es bietet sich an, das leerstehende Gebäude übergangsweise als „Pop-Up-Reallabor“ für die Ideen des (W)CH zu nutzen, um somit den Bürgern, die Vision Braunschweigs 2030 (New Brunswick), die Idee und Funktionen des (W)CH vorzustellen und gemeinsam an der Zukunft zu arbeiten, denn: eine nachhaltige Lösung für die Stadtentwicklung Braunschweigs, fußt auf einer möglichst breiten Zustimmung aller Beteiligten an einem zentralen Ort in der Innenstadt. Legen wir los!

 

 

Der Autor
Bernd Fels
Volkswirt, Mitgründer von if5 anders arbeiten, if5 design und Initiator der Initiative space4future
if5 anders arbeiten GmbH & Co. KG