01.10.2020
Uli Hellweg

CO₂-Reduktion in der Bauwirtschaft

Wie kann kluge Stadtplanung den ökologischen Fußabdruck unserer Städte verringern?

Städte sind für 70% des weltweiten Energiebedarfs und für 50% der CO2-Emissionen verantwortlich. Und der Urbanisierungsprozess nimmt weltweit zu.Die zentrale Frage ist also: Ist der Urbanisierungsprozess Teil des Problems oder Teil der Lösung?

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Kennen Sie den 22. August 2020? Preisfrage: Was ist an diesem Tag passiert? Sicher sind Sie sofort darauf gekommen. Der 22. August ist der Tag des Jahres 2020, an dem alle ökologische Ressourcen, die in diesem Jahr (re)produziert werden können, bereits aufgebraucht sind. Der 22. August ist also der sogn. World Overshoot Day. Seitdem leben wir von der Substanz, d.h. die wir verbrauchen mehr Energie, mehr Biosubstanz, mehr natürliche Ressourcen als unser Planet indiesem Jahr regenerieren kann. Corona hat diesen Tag übrigens leicht nach hinten verschoben –ohne die Epidemie wäre der Overshoot Day schon am 29. Juli gewesen. 1970 war es übrigens der 29.12. – das heißt, damals kamen wir noch mit einem Planeten hin. Heute brauchen wir fast 2, 5.

Dass wir so über unsere Verhältnisse leben, liegt auch daran, wie wir unsere Städte planen und bauen. Immerhin sind sie für 70% des weltweiten Energiebedarfs und für 50% der CO2-Emissionenverantwortlich. Und der Urbanisierungsprozess nimmt weltweit zu. Die zentrale Frage ist also: Ist der Urbanisierungsprozess Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Der amerikanische Stadtforscher Edward Glaeser hat in einem viel beachten Buch „Triumph derStadt: Wie unsere größte Erfindung uns reicher, intelligenter, grüner, gesünder und glücklicher macht“ aufgezeigt, dass die Bewohner suburbaner und ländlicher Regionen in den USA pro Kopfdurchschnittlich 20% mehr CO2 im Jahr produzieren als Bewohner in den Metropolen und den eher „europäisch“ gebauten Mittelstädten. Ursächlich hierfür sind die höheren Energiebedarfe für größere und freistehende Häuser sowie vor allem die längeren Wege, die auf dem Land und in Suburbia zur Arbeit oder zu den Einkaufszentren grundsätzlich mit dem PKW zurückgelegt werden.

Europäische Untersuchungen bestätigen die Diagnose Glaesers, auch wenn hier die Zersiedlung noch nicht ganz so ausgeprägt ist wie in den Vereinigten Staaten. Der finnische StadtforscherJukka Heinonen von der Aalto University School of Engineering kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis, wenn man den Lebensstil der Städter mit in die Kalkulation einbezieht. Städter mögen zwar mehr Fahrrad fahren, aber – so wies Heinonen nach – Städter fliegen auch gerne mal übers Wochende nach Venedig oder Paris oder fahren in ihr „Häuschen auf dem Land“.

Den Lebensstil der Städter kann Stadtplanung nur begrenzt beeinflussen, sehr wohl aber die Lebensqualität in den Städten. Stadtplanung kann bewirken, dass nicht das suburbane Einfamilienhaus das Lebensglück junger Familien verkörpert, sondern das lebendige Quartier mit funktionierender Nachbarschaft. Stadtplanung kann dazu beitragen, dass nicht immer längere Pendlerwege zur Arbeit bewältigt werden müssen, dass die Nahversorgung zu Fuß oder mit Fahrrad erledigt werden kann, dass ein oder kein Auto statt zwei oder drei gebraucht werden, dass Gärtnern und Spielen im Grünen kein Privileg von Einfamilienhausgebieten bleibt, dass der „Mobilitäts-Hub“ vor der Tür mindestens ebenso bequem zu erreichen ist wie der Carport im Vorgarten...

Aber die Frage bleibt: Wie kann Stadtplanung dies erreichen? Und warum findet heute in vielen Regionen wieder eher das Gegenteil statt, d.h. die Menschen verlassen die Städte und ziehen in suburbanen oder ländlichen Regionen.

Die Antwort auf diese Frage ist weniger schwierig als man es vielleicht erwarten würde. Genaugenommen gibt es drei Ansatzpunkte der Stadt- und Regionalplanung, die ich auf dem Heuer-Dialog am 6. November Berlin genauer darstellen werde:

  1. Die Raum- und Regionalplanung muss endlich mit dem grundgesetzlichen Anspruch auf „gleichwertige Lebensverhältnisse“ Ernst machen, um den Überlastungsdruck aus den Zentren zu nehmen und die Verödung der Peripherien zu stoppen.
  2. Durch eine stringente Anwendung des Baugesetzbuches können die Kommunen eine ressourcenschonende Flächennutzung steuern (z.B. hinsichtlich Dichte, Nutzungsmischung).
  3. Durch eine konsequente Ausrichtung der Stadtplanung und der Stadterneuerung nach den Prinzipien der Effizienz (z.B. Smart City), der Suffizienz (z.B. Förderung umweltfreundlicher Verkehre) und der Resilienz (z.B. Organisation regionaler Energie- und Stoffkreisläufe) kann Stadtentwicklung nachhaltig werden.

Natürlich gibt es keine Patentrezepte für die Reduktion des ökologischen Fußabdrucks der Städte, aber kluge Stadt- und Raumplanung kann die Weichen dafür stellen, dass die Städte Teil der Lösung – und nicht des Problems - sind.

Die letztendliche Entscheidung darüber, ob die Stadt die nachhaltigere Siedlungsform ist, fällt allerdings der Städter selbst.

 

Der Autor
Uli Hellweg
HELLWEG URBAN CONCEPT, Berlin