24.09.2020
Sabine Rings

neue Arbeitswelten im Büro

Bürowelten nach Corona – Wo geht die Reise hin

Gespräch mit Sabine Rings, Geschäftsführerin von NEU – Gesellschaft für Innovation mbH zum Thema „Bürowelten nach Corona – Wo geht die Reise hin?“

Quelle: NEU

Seit Jahren sind die Themen „New Work“ und „neuen Arbeitswelten im Büro“ in aller Munde, dennoch spielt dies meist nur bei Neubauten oder Neubezug eine Rolle. Ist durch die Corona-Pandemie das Interesse an Umbauten im laufenden Betrieb gestiegen? 

Sabine Rings: „Nachdem vielen bewusst geworden ist, dass die Pandemie uns länger als ein paar Wochen begleitet, prüfen immer mehr Unternehmen ihre vorhandenen Arbeitsstrukturen und -umgebungen. Schließlich sind teilweise bis zu 85 % der Schreibtische seit März verwaist. Einige unserer Kunden haben bis heute nur Notbesetzungen im Büro, Vodafone hat allen Mitarbeitern geraten, dieses Jahr gar nicht mehr auf dem Campus zu arbeiten. Bei der kritischen Prüfung spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Die Gesundheit der Beschäftigten im Sinne von Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln, die Kollaboration durch digitale Vernetzung und natürlich die Auslastung der Schreibtische.

Das momentane Problem ist, dass viele Führungskräfte interessiert auf New-Work-Beispiele schauen, aber zu wenig Wissen diesbezüglich haben, um fundierte Entscheidungen für die eigene Organisation zu treffen. Denn eins ist allen klar: Neue Bürokonzepte sind ein sensibles Thema, das keine groben Fehlversuche erlaubt. Wenn Sie sich einmal für Großraumbüros entscheiden und dann hinterher merken, dass es einen Grund gab, warum diese Büroform vor Jahrzehnten abgelöst wurde, haben Sie keinen zweiten Versuch, es besser zu machen. Das Thema ist dann in der Belegschaft verbrannt und hat vor allem auch viel Geld gekostet, sodass viele Mitarbeiter und auch Sie selber vermutlich die nächsten zehn Jahre in einer unpassenden Arbeitsumgebung verbringen – und mit ‚Optimierungen‘ versuchen das Beste draus zu machen. Damit sowas nicht passiert, haben wir in allen unseren Projekten zwei Grundsätze: Erstens möglichst viel Wissen und Erfahrungen an das Management und die Belegschaft weitergeben. Und zweitens: Soviel Partizipation wie möglich. Sprich, viele Beschäftigte in die Konzeption und Umsetzung einbeziehen. Und zwar nicht nur formell, sondern auf Augenhöhe in Form einer Arbeitsgemeinschaft. Dann kommt am Ende auch kein Großraumbüro raus (lacht).“

Apropos Beschäftigte: Wie ist denn die Stimmung in der Belegschaft – vor allem bei denen, die aktuell überwiegend im Homeoffice sitzen?

Sabine Rings: „Wir laden momentan viele der Heimarbeiter zu uns ins New Work Lab nach Düsseldorf ein und führen Gesprächsrunden zu deren Situation und Empfinden. Dabei stellen wir fest, dass die Stimmung in den ersten Wochen nach dem Lock-Down sehr positiv war, im Sinne von ‚Homeoffice ist super, die digitale Kommunikation mit dem Team funktioniert klasse, endlich weniger Meetings, eigentlich kann das so bleiben‘. Mittlerweile ändert sich das. Viele vermissen den sozialen Kontakt, die Tasse Kaffee mit den Kollegen und vor allem die zufälligen Begegnungen auf dem Flur. Dazu kommt, dass eine Wohnung kein Bürogebäude ersetzen kann, sodass auch durchaus mal Lagerkoller aufkommt. Wobei aktuelle Befragungen zeigen, dass rund 70 % der Beschäftigten weiterhin einen gewissen Grad an Homeoffice behalten wollen. Nur eben nicht 100 %, sondern vielleicht ein bis zwei Tage pro Woche. Hier ist vor allem die Flexibilität ein wichtiger Faktor. Wer immer nur planmäßig montags und freitags Homeoffice macht, wird schnell merken, dass das nicht immer zu den Terminen passt, an denen man konzentrierte Einzelarbeit machen will – oder der Handwerker sich ankündigt. Hier braucht es also Modelle, die die persönlichen Bedürfnisse der Beschäftigten mit den Teamprozessen in Einklang bringen.“

Viele Unternehmen fangen an zu rechnen, wie sich die Betriebsausgaben für Büroflächen durch Mehrfachbelegung reduzieren lassen. Die Allianz beispielsweise hat angekündigt, in Zukunft bis zu 30 % der Bürofläche aufzugeben. Wie sehen Sie das?

Sabine Rings: „Wir sind in solche Überlegungen auch involviert und sehen natürlich den wirtschaftlichen Druck, der sich aus der Pandemie ergibt. Doch Vorsicht mit dem Sparen: Je mehr Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten, um so intensiver und persönlicher müssen die Teamtreffen und das soziale Miteinander im Betrieb werden. Dafür braucht es andere Umgebungen und Zonen – und das erfordert wiederum Bürofläche. Wir gehen davon aus, dass sich die Bürolandschaften nach der Krise zum Teil deutlich verändern werden. Allerdings ist es schwer zu prognostizieren, welchen Weg die Unternehmen gehen. Unsere Vermutung ist es, dass vor allem verkehrstechnisch schlechte Lagen und Gebäude mit veralteten Bürolandschaften es noch schwerer haben werden. Denn eines muss das Bürogebäude in Zukunft leisten: Es muss den Beschäftigten eine Belohnung für den Weg zur Arbeit versprechen. Denn sonst bleiben sie im Homeoffice und stellen sich nicht in die volle S-Bahn oder den Stau. Und eine solche Belohnung besteht aus einer teamfördernden und wohlfühloptimierten Arbeitsumgebung, in der der Schreibtisch nur eine Nebenrolle spielt. Das Dankeschön dafür sind eine gesteigerte Produktivität, loyalere Mitarbeiter und vor allem ein angenehmeres Betriebsklima – mit mehr Teamgeist und Gemeinschaftsgefühl. Die ideale Voraussetzung, um auch kommende Krisen zu meistern.“

Das Event zum Thema
Die Autorin
Sabine Rings
Geschäftsführerin
Gesellschaft für Innovation GmbH