23.03.2020
Frank Weber
Angela Rüter

9. Deutscher Logistikimmobilien-Kongress am 9. + 10. Juni 2020 in Hannover

Ein Interview mit Frank Weber, Head of Industrial Agency Germany, Jones Lang LaSalle SE

Aktuell steigt die Nachfrage nach Mietflächen für Heimlieferdienste stark an. Insbesondere Lebensmittelhändler suchen kurzfristig Grundstücke für neue Verteil- und Versandzentren. Halten die Lieferketten? Mit Corona wird vieles neu bewertet.

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AR: Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Logistikunternehmen?

FW: Nach den Anfragen und Feedbacks, die wir einholen, sind alle Supply Chains = Lieferketten sehr volatil und stark von operativen Herausforderungen geprägt. Für sehr stark nachgefragte Artikel (Lebensmittel, Sanitärartikel) werden im Umfeld der Produktionsstätten oder Verteilzentren zusätzliche Flächen mit kurzer Laufzeit bis zu einem Jahr sehr stark nachgefragt. Heute z.B. haben wir von einem Discounter für eine Region 8 (!) Anfragen bekommen – von 8 verschiedenen Stellen. Zudem fahren Produktionsunternehmen ihre Prozesse langsamer herunter als die Produkte ihren Weg in den Handel finden, das heißt, es kommt hier zu einem Stau des Warenflusses und entsprechend zu einem Flächenbedarf für die Zwischenlagerung. Man kann sich das wie einen großen Herzkreislauf vorstellen, der bislang in die kleinsten Verästelungen weitgehend reibungslos lief – und nun gilt es an vielen Stellen Bypässe zu legen, Verengungen zu beheben und die Stockungen zu glätten sowie Puffer zu schaffen.

AR: Wird der Online-Handel noch stärker wachsen? Im Lebensmittelbereich suchen die Händler gerade stark nach Flächen.

FW: Man sieht in den USA (Amazon mit Whole Food), aber auch hierzulande, dass die Lebensmittel-Online-Bestellungen stark zunehmen. Während also die Logistikketten zu den stationären Flächen nicht mehr voll ausgefüllt sind, werden die Verteilzentren und die Auslieferung für die online-Bestellungen viel stärker beansprucht – ohne darauf vorbereitet zu sein. Wenn nun der Verbraucher merkt, wie einfach diese Art des Lebensmittel-Einkaufens funktioniert, wird er nach der Krise womöglich dabei bleiben. Durch die Schließungen der Geschäfte im Non-Food-Bereich ist zudem die Verlagerung des Umsatzes zu den Plattformen der Online-Händler, aber auch der Retailer festzustellen.

AR: Werfen wir einen Ausblick auf die nächsten Monate: Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf den deutschen Industrie- und Logistikimmobilienmarkt?

FW: Kurzfristig gibt es einen Mehrbedarf, mittel- und langfristig werden sich Handel und Industrie vermutlich intensiver damit befassen, für die nächste Supply Chain-Herausforderung noch besser gewappnet zu sein. Nach derzeitigem Feedback werden Neubau-Projekte noch nicht grundsätzlich in Frage gestellt, ggf länger geprüft. Wenn dann wieder ein einigermaßen Normalzustand eingetreten sein wird, wird es allerdings zu Verzögerungen bei den Genehmigungsverfahren kommen, weil die Verwaltungen derzeit nicht voll einsatzfähig sind.

AR: Verlagern Unternehmen Ihre Logistik-Prozesse nach Europa?

FW: Wie wir schon nach früheren Beeinträchtigungen der Supply Chain (z.B. Tsunami) festgestellt haben, findet in solchen Fällen eine „Coming-Home“ Überlegung statt – damit sind primär Produktionskapazitäten gemeint und in deren Gefolge a gepasste Logistikprozesse, in unserem Fall eine stärkere Rückverlagerung von Asien nach Europa, siehe alleine die Diskussion im Bereich der Pharma-Produktherstellung.

Die Autoren
Frank Weber
Head of Industrial Agency Germany
JLL
Angela Rüter
Geschäftsführerin
Heuer Dialog