24.01.2020
Jan Wetzel

Wie müssten solche Lebensräume eigentlich gestaltetet werden - Ein Soll/Ist Vergleich

Was bewegt die Menschen in urbanen Lebensräumen und ganz besonders in Frankfurt am Main?

Die wenigsten Menschen, denen wir im Alltag begegnen, kennen wir. Die Fremdheitserfahrung des Alltags in der Stadt sorgt für Reibung, und das ist auch gut so: Wer eine dynamische Gesellschaft will, muss für soziale Durchmischung sorgen.

Quelle: Heuer Dialog GmbH

Stadt erfüllt eine Vielzahl von Funktionen. Eine ihrer grundlegendsten Eigenschaften ist die Verdichtung, durch die sich Menschen begegnen, die sich nicht kennen und ganz unterschiedlich sind als sie selbst. Im ländlichen Raum, der bis vor wenigen Jahrhunderten die selbstverständliche Umwelt für den überwiegenden Teil der Menschheit bildete, kennt man seine Mitmenschen – der Grund für die so langsame gesellschaftliche Entwicklung. Fremdheitserfahrungen, die in der Stadt durch die Begegnung von Fremden zu Normalität werden, sind also produktiv für die gesellschaftliche Entwicklung.

Die Durchmischung, die Stadtplanung und Sozialpolitik in den Nachkriegsjahrzehnten erreicht hatten, geht heute zurück. Sie liegen nicht in einem falschen städtebaulichen Ideal, sondern an den sozialen Randbedingungen städtischer Entwicklung. Soziale Ungleichheit ist zurückgekehrt und bedroht den sozialen Zusammenhalt. Marcel Helbig und Stefanie Jähnen haben zuletzt gezeigt, dass es inzwischen in 36 der bundesweit von ihnen untersuchten 74 Städte Quartiere gibt, in denen mehr als die Hälfte aller Kinder von Hartz-IV-Leistungen leben. Quartiere, in denen die Schulen wie auch die Anbindung an den öffentlichen Verkehr schlecht sind. Die Folge ist Vertrauensverlust: Die Menschen ziehen sich in die eigenen vier Wände zurück, statt sich den Raum, in dem sie leben, anzueignen.

Nach den Daten der Vermächtnisstudie befürworten nur die wenigsten diese Entwicklung, sie sprechen sich für ein räumliches und schulisches Miteinander aus. Jeweils über 75 Prozent geben an, dass es ihnen sehr wichtig ist, dass Alt und Jung, arm und reich, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund nebeneinander wohnen und dass Kinder aus unterschiedlichen sozialen Schichten zusammen in die Schule gehen. Und nur sehr wenige, um die 5 Prozent, wehren ab.

Die Bau- und Wohnungspolitik hat somit einen konkreten Ansatzpunkt und könnte entschlossen handeln. Das gilt vor allem für drei Bereiche: den Wohnungsbau, den öffentlichen Raum und den Verkehr. Zunächst zum Wohnungsbau. Bei Flächensanierungen und der Erschließung neuen Wohnraums müssten Städte und Kommunen zwingend Schlüssel festlegen für das Verhältnis hochpreisiger zu niedrigpreisigen Wohnungen. Sozialwohnungen sind auch in Stadtteilen zu bauen, in denen eher einkommensstarke Menschen leben. Und bei großen Projekten meist internationaler Investoren könnte von vornherein zur Auflage gemacht werden, für jede Wohnung im Hochpreissegment auch eine im Niedrigpreissegment zu errichten. Auch an der Grundsteuer wäre anzusetzen. Gestaffelt wäre sie so zu gestalten, dass Menschen, die sich teure Wohnungen kaufen, entsprechend höhere Grundsteuern zu zahlen hätten. Diese Beträge könnten dann zweckgebunden in die Errichtung bezahlbarer Wohnungen fließen. Diese Maßnahmen würden die räumliche Ungleichheit deutlich senken und damit die soziale Segregation. Sie würden maßgeblich auch dazu beitragen, dass unterschiedliche Menschen sich wieder leichter treffen und mehr voneinander erfahren – und sei es nur durch einen Blick.

Die Unterschiede zwischen unterschiedlichen Kommunen sind hier riesig. In Städten mit hohen Steuereinnahmen und damit größeren Gestaltungsmöglichkeiten werden beispielsweise Geflüchtete gleichmäßiger im Stadtgebiet angesiedelt als in Städten mit leeren Kassen. In Letzteren finden sie ihre Bleibe oft in Vierteln mit chronisch hohem Leerstand, die es in prosperierenden Städten insgesamt weniger gibt. Der Zusammenhang zwischen der Entwicklung von Ausländeranteilen und der sozialen Lage der Stadtteile ist in „reichen“ Städten dadurch deutlich schwächer ausgeprägt. Wohnungsbaupolitische Maßnahmen muss man sich leisten wollen und können.

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Der Autor
Jan Wetzel
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH