25.10.2019
Jasmin Busse-Schlaudecker
Jil N. Blumenauer

Interview mit Jil N. Blumenauer, Spezialmaklerin für Läden und Verkaufsflächen Quartier- und Gebäudekonzeption, Blumenauer GmbH

Läden sind wie Gesichter unserer Stadt!

Jil N. Blumenauer, Gesellschafterin der familiengeführten Blumenauer GmbH und Spezialmaklerin für Läden in der Münchner City berät den Handel in deren Marktpräsenz und Außenwirkung auf den Kunden und ist zugleich Mediatorin zwischen Mieter und Vermieter.

Bild: shutterstock.com

Warum ist es so wichtig, Mieter in Einkaufsstraßen bzw. der Innenstadt „richtig“ und mit Bedacht auszuwählen?

Läden sind die Schaufenster unserer Städte. Sie sind ihr Gesicht. Aktuell befinden wir uns in einem Strukturwandel. Insbesondere in Stadtteillagen sind sich Eigentümer ihrer Verantwortung zur Erhaltung eines wertigen Quartiers oft wenig bewusst. Ein Quartier ist ein in sich stimmiges System, was sich dynamisch verändert. Durch die Auswahl „falscher“ Mieter, tritt ein Dominoeffekt ein, der Quartiere für Zeitperioden von 5-10 Jahren in einen Zustand minderwertiger Nachvermietung bringen kann.

Was kennzeichnet das Wort „Marke“ und inwieweit sind „Marken“ wichtig für Quartiere und eine nachhaltige Stadtentwicklung?

Im englischen „Brand“ also „Brandzeichen“ zeigt im Grunde gut, das den Begriff in Kern ausmacht. Es ist ein klares Profil, ein bestimmtes Image oder Lebensgefühl, das transportiert wird. Bei der Arbeit mit Marken, geht es mir weniger um die klassische Assoziation damit, also zum Beispiel der Vermietung an bekannte Marken als Anker, sondern eher darum, wie ein Gebäude oder gar ein ganzes Quartier die Strategien eines guten Brandings nutzen kann um sich im Markt zu positionieren und damit Sog, also Anziehungskraft zu erzeugen. Städte werden aktuell und zukünftig an dem Maß an Lebensqualität bemessen. Quartiere sind Städte in der Stadt. Nachhaltige Anziehungskraft ist Lebensqualität und anders herum.

Weshalb sind Besucherfrequenzen in manchen Innenstädten oder bestimmten Einkaufsstraßen rückläufig? Das kann doch nicht nur am Online-Handel liegen.

Unsere Städte raunen uns oft zu „bleib zuhause“. Die Stadtentwicklung der Nachkriegszeit hatte mehr mit Verkehrsplanung zu tun, als mit der Schaffung von Lebensraum. Es braucht Gründe, um sich draußen aufzuhalten. Viertel müssen Sog erzeugen. Bisher war der Einzelhandel nicht in der Situation, über Herausstellungsmerkmale und nachhaltige Positionierung nachzudenken. Der Online Handel bringt nur einen lange vorhandenen Mangel im Einzelhandel zum Vorschein.

Sie sprechen vom „falschen Mieter“. Was meinen Sie damit? Welchen Aufgaben/Herausforderung müssen sich künftig auch immer mehr Vermieter stellen?

Der Begriff „falsch“ ist natürlich provokant gewählt. Es geht mehr um passende Mieter. Wer nachhaltig, also langfristig gut vermieten will, muss heute mehr beachten. Bestimmte Unternehmen, können durchaus gute Mieter sein (guter Mietzins, zahlen pünktlich etc.), ziehen jedoch mit der Art ihrer Ausrichtung eine problematische Zielgruppe in ein Quartier und verändern damit die Umgebung negativ. Das kann z.B. dazu führen, dass Menschen sich in bestimmten Vierteln ungern aufhalten. Weitsichtige Vermieter begreifen, dass sie mit der Nachvermietung ihrer Flächen einen Beitrag zur Lebendigkeit eines Stadtteils leisten und so langfristig für die Werterhaltung und Wertsteigerung ihrer Immobilien sorgen. Denn ein Viertel, in dem sich die Menschen gerne bewegen, brauchen sich Immobilieneigentümer wenig Sorgen um gute Mieten machen und Betreiber der Läden weniger um gute Umsätze. Ein klassisches win-win also.

Wie können Vermieter untereinander, aber auch Mieter und Vermieter Synergien nutzen?

Vermieter in einem Quartier können direkt voneinander profitieren, in dem sie miteinander eine klare Linie im Viertel verfolgen. Städte versuchen dies gerne mit Stadtteilbüros, die allerdings die Interessen der Eigentümer oft hintenanstellen oder schlichtweg nicht zuhören. Mit der Zusammenarbeit von Eigentümern untereinander, kann schlagartigen Viertelveränderungen entgegengewirkt werden und eine nachhaltige Stabilität im Viertel entstehen. Mieter und Vermieter profitieren voneinander. Sind Mieter erfolgreich, wirkt sich das ganz direkt auf die Immobilie und das Viertel aus. Durchdachte Gebäudekonzeptionen, in denen sich die Mieter untereinander ergänzen, machen deutlich rentablere Mietpreiskalkulationen möglich und bleiben dennoch auch für die Mieter realistisch.

 

Damit der Einzelhandel zukunftsfähig und innovativ bleibt, ist die richtige Mischung entscheidend! Wie das realisiert werden kann, erfahren Sie in einem Vortag von Frau Blumenauer auf dem Handels-Dialog Bayern am 15. Januar 2020!

 

Die Autoren
Jasmin Busse-Schlaudecker
Projektleiterin
Heuer Dialog GmbH
Jil N. Blumenauer
Spezialmaklerin für Läden und Verkaufsflächen Quartier- und Gebäudekonzeption
Blumenauer GmbH