23.08.2019
Markus Wotruba

Lebensmittelhändler prägen zunehmend die Qualität von Wohnquartieren

Nicht ohne meinen Nahversorger

Deutschland wird immer urbaner und der Lebensmittelhandel urbanisiert sich mit. Immer tiefer dringen Supermärkte und Discounter in die Wohngegenden der Städte – und können sie deutlich aufwerten. Vorausgesetzt, man lässt sie.

Mit viel Schwung drängen die Händler derzeit in Innenstädte vor, um dem neuen Bedürfnis ihrer Kunden nach mehr Nähe gerecht zu werden. In den hochverdichteten Lagen ist das allerdings leichter gesagt, als getan. Die Expansionsmanager stehen vor der Herausforderung, ihre gewohnten Nahversorgungsangebote auf die speziellen Gegebenheiten der Innenstädte zu übertragen. Neben den Händlern sind aber auch die Kommunen selbst gefragt, wissen sie doch, dass zu einer lebenswerten Stadt auch ein attraktives Nahversorgungsangebot gehört. Angesichts knapper Flächen sind beide Seiten verstärkt aufeinander angewiesen, um Antworten auf die neuen Rahmenbedingungen zu finden.

Der Zuzugstrend in die urbanen Räume wird so schnell nicht enden. Die meisten deutschen Großstädte werden daher absehbar weiterwachsen, ob sie mit dem Wohnungsbau hinterherkommen, oder nicht. Besonders in den Wachstumsstädten wäre es sinnvoll, den Lebensmitteleinzelhandel von Anfang an und mit größerem Gewicht als bisher in die Entwicklung neuer Quartiere einzubeziehen und verschiedene Nutzungen miteinander zu verknüpfen. Vor allem der Mix aus Wohnungen und Einzelhandel hat zuletzt deutlich an Akzeptanz zugenommen, da die unmittelbare Nähe und kurze Wege zu Versorgungseinrichtungen als städtebauliches Qualitätsmerkmal wahrgenommen werden. Hinzu kommt, dass die Kundennähe oft zu weniger Einkaufsverkehr führt, da gerade in deutschen Städten der Lebensmitteleinkauf zunehmend zu Fuß oder mit dem Rad vorgenommen wird. Nahversorgung in Wohngebieten bedarfsgerecht zu ermöglichen und gleichzeitig den Druck auf den Wohnungsmarkt zu verringern sind daher keine Gegensätze, sondern sollten Hand in Hand gehen.

Zwar hat sich das Baugesetz den wandelnden Umständen angepasst und ermöglicht seit 2017 sogenannte Urbane Gebiete, in denen eine stärkere Durchmischung der Nutzungen prinzipiell möglich ist. Genauso wichtig ist es jedoch, die rare Bestandsflachen zukünftig effizienter zu nutzen, da es aufgrund der hohen Flächennachfrage immer wichtiger wird, die knappen Freiflächen nicht mehr am Bedarf vorbei zu nutzen. Die frühzeitige Mitsprache der späteren Nutzer sollte daher im Baugesetz festgeschrieben werden.  Die Händler haben bereits auf das wachsende Erfordernis zu mehr Kooperation reagiert und in den vergangenen Jahren sehr flexible neue Filialformate entwickelt, um den besonderen Gegebenheiten in den Städten entgegenzukommen.

Insgesamt ist der Lebensmitteleinzelhandel damit besonders in hochverdichteten Stadtlagen ein geeigneter Partner für neue Projektentwicklung, der an vielen Stellen eine sinnvolle Erdgeschossnutzung darstellt und in der Lage ist, flexibel mit verschiedensten Nutzungen zu kooperieren.

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Der Autor
Markus Wotruba
Leiter Standortforschung
BBE Handelsberatung GmbH