23.08.2019
Reinhold Knodel

Hochhäuser sind eine Frage von Mut und Identität

Hochhäuser als Chance für Prosperität und Identität

Hochhäuser sind die Landmarks einer Stadt und prägen sie in besonderem Maße. Mit dem Megatrend der Urbanität gewinnen sie in den Metropolen an Akzeptanz und Bedeutung. Dennoch wagen sich nur wenige Städte an die vertikalen Bauten.

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Hochhäuser sind eine Frage von Mut und Identität

„Mainhattan“ – dieser Begriff ringt New Yorkern allenfalls ein müdes Lächeln ab. 1931 eröffnete am Hudson River das 381 Meter hohe Empire State Building. Es blieb bis 1972 das höchste Gebäude der Welt. Knapp 90 Jahre nach seinem Bau ist dieses Maß rund um die Welt längst überschritten. Der „Jeddah Tower“ in Saudi-Arabien etwa schickt sich an, die magische Grenze von 1.000 Metern zu durchbrechen. Und in Deutschland? Hier wäre das Empire State Building noch immer das Nonplusultra. Bis heute erreicht kein Frankfurter Gebäude die fast 400 Meter des früheren Rekordhalters. Mit Mühe und Not streckt sich der Commerzbank-Turm auf 300. Wohlgemerkt mit Antenne. Das Label „Mainhattan“ ist im globalen Vergleich eigentlich eine Anmaßung.

Die Menschen wollen hoch hinaus

Und doch steht Frankfurt hierzulande sinnbildlich für eine zukunftsgewandte Stadtplanung. Die zehn höchsten Hochhäuser Deutschlands ragen allesamt am Main in den Himmel. Und neue kommen hinzu: Mehrere im Bau oder in Planung befindliche Wohntürme werden in den kommenden Jahren der 200-Meter-Grenze nahekommen. Damit festigt die Stadt ihren Status als Wolkenkratzer-Hotspot. Kaum eine Handvoll weiterer Städte plant ähnlich ambitioniert in die Höhe. Doch woran liegt das? Und welche Städte eignen sich hierzulande überhaupt für den Bau von Hochhäusern?

Zunächst lohnt es sich festzustellen, dass die Menschen längst weiterdenken als viele Behörden. Während etwa in der Bundeshauptstadt Berlin jedes entsprechende Projekt zunächst viele Skeptiker überzeugen muss, begrüßen junge Leute Hochhäuser. Jeder zweite sprach sich in einer Umfrage für deren Bau aus. Denn die Vorteile liegen auf der Hand: Bei geringem Flächenverbrauch gestatten Hochhäuser eine Kombination aus anspruchsvoller, innovativer Architektur und einer hohen Effizienz. Sie tragen dazu bei, sowohl die Flächenknappheit als auch die Folgen wachsender Verdichtung zu lösen. Immer mehr Menschen haben das begriffen – während viele Stadtplaner in schattigen Altbauhinterhöfen im Dunkeln tappen.

Hochhäuser sind ein Statussymbol für eine Stadt

Der Grund dafür, dass aktuell unter Deutschlands Städten nur in Frankfurt am Main, Düsseldorf, Hamburg und Berlin Hochhäuser in nennenswerter Zahl geplant werden, ist aber nicht allein im Baurecht zu finden. Vielmehr geht es um (vielerorts fehlenden) Mut in Politik und Verwaltung, der sich in altbackenem Baurecht niederschlägt. Denn Hochhäuser sind ein Ausdruck von Stolz und Zuversicht. Sie zeigen: Uns geht es gut. Sie prägen eine Stadt – und damit, wie Menschen auf die Stadt blicken. Das gilt sowohl nach innen als auch nach außen. Frankfurts Image als Finanzmetropole hätte sich ohne die Wolkenkratzer kaum in den Köpfen festgesetzt. Und nicht umsonst soll ein 200 Meter hoher Turm die Hamburger Hafencity als Ausdruck hanseatischen Selbstbewusstseins abrunden. Er wird für Jahrzehnte der Stadtsilhouette seinen Stempel aufdrücken.

Damit eine Stadt für ambitionierte Hochhausprojekte infrage kommt, muss sie zunächst natürlich eine Klientel anziehen, die ein urbanes Lebensgefühl schätzt. Nicht überall ist diese Voraussetzung erfüllt. Doch Beispiele wie Düsseldorf beweisen, dass es sich nicht nur für Millionenstädte lohnt, nach oben zu streben. Dort entstanden und entstehen immer wieder attraktive Landmark-Gebäude, die wiederum positiv auf das Image und die Anziehungskraft der Stadt wirken. Indem die Stadtplaner dort gezielt ihren Hochhausrahmenplan ins 21. Jahrhundert überführen, schaffen sie Potenzial für stilbildende Architektur.

Dennoch klammert man sich in Deutschland oft an alte Formen und Strukturen. Doch auch abseits von Frankfurt, wo gerade der höchste Wohnturm Deutschlands entsteht, gibt es begrüßenswerte Ausnahmen vom Einheitsbauen. Mit positivem Effekt: Sie strahlen Zuversicht aus und begreifen das Nebeneinander von historischen Baudenkmälern und Hochhäusern als erfolgversprechende Zukunftsvision. Ich bin mir sicher: Es lohnt sich für alle A-Städte, in guten Lagen gezielt auf eine moderne Stadtentwicklung zu setzen und Hochhausneubauten zu erwägen – nicht nur für die bisherigen Bewohner und Unternehmen, sondern auch, um neue anzulocken. Denn gerade im globalen Standortwettbewerb können städtisches Selbstbewusstsein und Mut nicht nur Folgen, sondern auch Grundlage wirtschaftlichen Erfolgs sein. Diese Chance nicht zu ergreifen, wäre fahrlässig.

Der Autor
Reinhold Knodel
Vorstand und Inhaber
PANDION