26.04.2019
Frank Weber
Angela Rüter
Peter Bimmermann

Interview mit Frank Weber und Peter Bimmermann

Die digitale Transformation fordert auch den Logistikflächen ab, „smart“ zu werden

Die Entwicklung in der Logistik und ihre Auswirkung auf die Logistikimmobilie

Quelle: Heuer Dialog GmbH

Interview mit Frank Weber, JLL

Woher rührt die Knappheit von Logistikflächen?

Logistikflächen verändern sich in der heutigen E-Commerce-getriebenen Zeit stark. Das Konzept des Lagerhauses, also eine Immobilie, in die für längere Zeit Waren und Teile eingebracht werden, verschwindet mehr und mehr zugunsten von Distributions- und „schnelldrehenden“ Umschlagsplätzen. Um das zu leisten, ist eine erhebliche Technisierung und Flexibilität in der Fläche notwendig. Die digitale Transformation fordert auch den Logistikflächen ab, „smart“ zu werden: Bestände selbstständig in Echtzeit erfassen und ihrer weiteren Bestimmung zuführen, das sind die Herausforderungen an die Lagerhäuser von morgen. Das geht einher mit umfassender Automatisierung durch Roboter und fahrerlose Transportsysteme.

Welche Zukunftschancen räumen Sie denn mehrstöckigen Objekten in Deutschland ein?

All das trägt dazu bei, die Durchlaufzeiten erheblich zu verkürzen. Wird man in Zukunft also weniger Fläche benötigen? Ganz und gar nicht. Der auffälligste Treiber für die Supply Chain ist nach wie vor der Online-Handel und hier stehen die Zeichen weiter auf Expansion. Der Bedarf an Fullfillmentcentern in immer größeren Dimensionen wächst also. Hinzu kommt ein immer dichteres Netz aus unzähligen Umschlagzentren, damit die Kunden schneller als in der Vergangenheit bis zur letzten Meile bedient werden können. Same Day- und sogar Same Hour-Delivery und damit die Ansprüche an die Supply Chain haben in den vergangenen Jahren ganz erheblich angezogen. Und gefragt ist Logistikfläche nicht zuletzt dort, wo sie am schwierigsten zu bekommen ist: In der Nähe von oder sogar in den urbanen Zentren.

Bauflächenmangel erfordert neue Logistikkonzepte

Wie also regiert man auf den Mangel an verfügbaren Grundstücksflächen? Zum einen versuchen sich auch hierzulande erste Entwickler an vollwertigen mehrgeschossigen Logistikgebäuden. Sie verfügen über äußere Rampen und eine schwerlastfähige Rangierfläche, um alle Ebenen ähnlich einer ebenerdigen Fläche nutzen zu können. Alternativ arbeitet man auch mit leistungsfähigen Aufzugssystemen. Zum anderen werden größere Distanzen zu den „Centern of Gravity“ - den optimal errechneten Standorten – akzeptiert. Das setzt allerdings voraus, dass dort entsprechende Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Und Logistikbeschäftigte Woche für Woche von weither mit dem Shuttle zum Arbeitsort bringen? In Osteuropa beispielsweise zeichnen sich schon die Grenzen dieser Idee ab.

Stichwort letzte Meile: Wie kommen wir hier gemeinsam voran?

Die Paketflut muss künftig also flexibler und über vielfältige parallele Transportsysteme und -strecken verteilt werden. Ein denkbares Szenario: Neben die traditionellen Milkway-Runs der Lieferwagen aus den Zustellbasen oder Last Mile-Hubs treten emissionsarme, die noch nicht kommissionierte Waren außerhalb der Stoßzeiten zu lokalen, urbanen Fulfillmentcentern befördern. Erst dort werden sie zu Sendungen kommissioniert und am Folgetag nachhaltig und stadtpolitisch verträglich per Cargo-Bike ausgefahren. Dazu muss natürlich die elektrische Infrastruktur durch den Netzbetreiber gesichert sein, woran es oft noch mangelt. Und natürlich muss es auch Bestandsflächen geben, die sich als Urban Fulfillment Center nutzen lassen. Sinnvoll ist eine solche Prozesskette vor allem für die rund 30.000 Artikel des regelmäßigen Verbrauchs. Kleinere Mikro-Hubs, also Paketabholstationen mit einer Fläche von 40 bis 200 m², ergänzen dieses Szenario.

 

Interview mit Peter Bimmermann, AutoStore

Sie repräsentieren die Firma Autostore. Was ist Ihr Kerngeschäft?

AutoStore ist der Entwickler und Hersteller der Cube-Storage-Lösung „AutoStore“. In diesem automatischen Lagersystem werden die standardisierten Lagerbehälter in Stapeln direkt übereinander lagert, die dann wiederum in einem  Kubus nebeneinander angeordnet sind, wird so die höchst mögliche Lagerdichte erzielt. Zum System gehören neben dem Behälterlager selbst, verschiedene ergonomische Arbeitsstationen, die einen effizienten Personaleinsatz ermöglichen. Darüber hinaus ist es möglich, mit dem AutoStore System Roboter basiert, Kundenaufträge zusammenzustellen. Das AutoStore System wird weltweit über Integrationspartner vertrieben und installiert. In Deutschland implementieren fünf Partner die AutoStore Systeme bei unseren Kunden: AM Automation, Dematic, Element Logic, Hörmann Logistik und Swisslog.

Da das System eine niedrige Einstiegsschwelle in die Lagerautomation darstellt, eignet es sich sowohl für kleinere und mittlere Unternehmen als auch für große Unternehmen mit hohen Durchsätzen. Aufgrund der mehrdimensionalen Skalierbarkeit kann man mit einer kleinerer Lösung einsteigen und anschließend auf die veränderten Anforderungen anpassen, sei es in der Lagerkapazität (Anzahl Behälter Stellplätze) oder im Durchsatz oder auch beides gleichzeitig. Dadurch ist es möglich, immer auf den Punkt zu investieren.

Aber auch weitere Argumente sprechen für die Lösung: Nutzung von Gebäuden, die nicht für Regalbediengeräte und Shuttles geeignet sind. Skalierbarkeit im laufenden Betrieb, Flexibilität in Form und Leistung. Ergonomische Arbeitsplätze, niedriger Energieverbrauch, Sauberkeit und sehr niedrige Betriebsgeräusche, machen AutoStore zu einer sehr interessanten Lösung für viele Anwendungen. Normale Anwendungsbereiche sind niedrige bis mittelgroße Durchsätze. Das heißt, es gibt sowohl Systeme mit 1000 Behältern und 2 Robotern und einem Durchsatz von ca. 50 Behälter-Präsentationen/h und auch Systeme mit 450.000 Behältern und Leistungen von über 4000 Behälterpräsentationen pro Stunde. Mit der neuen Black-Line sind durchaus Leistungen von über 10.000 Behälterpräsentationen machbar, so dass auch Systeme mit hohen Leistungsanforderungen realisiert werden können. Dann darf man sagen, dass Platz, Skalierbarkeit und Herausforderungen in der Gebäudegeometrie die erste Linie der Argumente sind und dann aber gleich die Leistung und Ergonomie als Nutzenbringer folgen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Robotik und KI in der Logistik ein?

Die Logistik ist heute immer noch durch zahlreiche manuelle Prozesse geprägt, obwohl die Anzahl der automatisierten Projekte bereits beachtlich ist und weiter stetig steigt. Diese - ich möchte sie konventionell automatisierte Systeme nennen – haben bisher nur in geringem Umfang Roboter im Einsatz. Mit der rapiden Entwicklung in der Sensorik und insbesondere die „Vision-Systeme“ in Kombination „Machine Learning“ können mittlerweile Roboter ohne zeitaufwändige Anlernprozesse komplexerer Aufgaben bewältigen. Dies ermöglicht den Einsatz von Robotern in Bereichen, in denen es vor nicht allzu langer Zeit undenkbar war, Roboter wirtschaftlich einzusetzen. Wir werden erleben, dass die Roboterpopulation in der Logistik mit einer e-Funktion anwachsen wird. Dies wird aber nicht ausschließlich durch die technischen Möglichkeiten getrieben sondern auch durch die mangelnde Verfügbarkeit von Arbeitskräften, die zusätzlich durch die hohe körperlichen Anforderungen nur bedingt zur Verfügung stehen. Es muss nicht immer die Königsdisziplin künstliche Intelligenz sein, oftmals reichen selbstlernende Systeme aus, um in der Logistik weiterzukommen. Neue Gebinde selbstständig zu erlernen und diese wiederzuerkennen ist schon ein sehr wichtiger Schritt, um zeitaufwändige menschliche Eingriffe zu minimieren. An dieser Stelle werden bereits sehr gute Ergebnisse erzielt.

Welche Wünsche bzw. Erwartungen haben Sie an die Immobilienbranche?

Die Immobilienbranche hat sich zu einem guten Partner für Logistik-Schaffende entwickelt. Um diese Entwicklung voranzutreiben ist es sinnvoll sich, noch mehr mit den „Innereien“ der Logistikhüllen auseinander zu setzen. Dort liegt ein gewaltiges Potenzial, weil die Intralogistik in letzter Zeit sehr viele Innovationen hervorgebracht hat und weiter hervorbringen wird. D.h. wer mehr von der Intralogistik versteht, kann z.B. eher Bestandsflächen und Immobilien anbieten als bisher. Wer neuartige Lösungen (wie z.B. AutoStore) versteht, liest eine Bestandshalle ganz anders und kann diese Halle z.B. einem E-Commerce Unternehmen anbieten, was beispielsweise in klassischer Automation oder gar mit manuellen Prozessen gar nicht möglich wäre. So öffnet der Immobilien-Anbieter/Entwickler ein neues Kundenpotenzial. Eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den intralogistischen Lösungen wird sicherlich helfen, die besseren Logistikimmobilien zu entwickeln bzw. bestehende Immobilien besser verwerten. Und deshalb bin ich sehr froh, dass wir als Lagerautomatisierer hier Stellung nehmen dürfen. Deshalb mein Appell: Informieren Sie sich über die neuen technischen Möglichkeiten für die Logistikhallen! Vielen Dank für diese Gelegenheit.

 

Wie sind die Herausforderungen an die Lagerhäuser von morgen? Dazu gibt es viele Neuigkeiten und praktische Lösungen beim

8. Deutschen Logistikimmobilien-Kongress 2019 am 25.06.2019 - 26.06.2019

 

Die Autoren
Frank Weber
Head of Industrial Agency Germany
Angela Rüter
Geschäftsführerin
Heuer Dialog
Peter Bimmermann
Geschäftsführer
AutoStore Systems GmbH