22.03.2019
Peter Mösle

Future Real Estate: Cradle to Cradle

Mit Cradle to Cradle® die Zukunft nachhaltig gestalten

Cradle to Cradle: Was manche noch als Modeerscheinung abtun, ist für immer mehr Unternehmen ein fester Bestandteil der Zukunft.

Inzwischen setzen Firmen verschiedenster Branchen das von Wissenschaftlern, Instituten und Wirtschaftsverbänden vorangetriebene Cradle to Cradle-Konzept, kurz C2C, in die Praxis um. Hierzu gehören unter anderem Hersteller von Textilien, Möbeln, Elektronikhersteller sowie Chemie- und Kosmetikunternehmen. Dazu zählen aber auch immer mehr Vertreter der Bau- und Immobilienbranche. Und das ist gut so, denn Cradle to Cradle bringt Gebäude und Städte auf eine neue Qualitätsstufe. Das übergeordnete Ziel des Ansatzes ist es, kreislauffähige Produkte und Immobilien zu realisieren. Untrennbare Materialschichten, gesundheitsschädliche Substanzen und das sogenannte Downcycling von Baustoffen gehören damit der Vergangenheit an. Gebäude werden so gestaltet und die Auswahl der Produkte so getroffen, dass ihr Wert über verschiedene Nutzungs- und Renovierungszyklen hinweg erhalten bleibt. Dadurch lässt sich ein ökologischer und ökonomischer Zusatznutzen erzeugen. Die Gebäude von heute werden so zu Rohstoffen von morgen zu den Preisen von gestern.

Zahl der C2C-zertifizierten Bauprodukte wächst

Dass Cradle to Cradle längst kein Nischenthema mehr ist, zeigt auch die steigende Anzahl der Hersteller, die auf kreislauffähige und gesundheitlich unbedenkliche Materialien setzen und Produkte mit dem Cradle to Cradle®-Zertifikat auszeichnen lassen. Die EPEA GmbH – Part of Drees & Sommer fungiert hierbei als General Assessor, die Zertifizierung erfolgt über das unabhängige C2CPII-Institut. So wurden beispielsweise im Rahmen der Weltleitmesse BAU 2019 über 30 Cradle to Cradle-Zertifikate an Bauproduktehersteller wie die Tarkett Holding GmbH, die Schüco International KG, die Strähle Raum-Systeme GmbH oder die Lindner Group vergeben. Unter den ausgezeichneten Produkten sind System- und Glastrennwände, Bodenbeläge, Isolierungsprofile und Deckensysteme. Während des gesamten Produktoptimierungs- und Zertifizierungsprozesses wurden die Hersteller von C2C-Assessoren der EPEA GmbH beraten. Die Experten kennen die Rezepturen sowie die chemische Zusammensetzung der Stoffe und führen wissenschaftliche Analysen durch. Nur so lassen sich Produkte optimieren und nicht kreislauffähige Substanzen austauschen. Neben der Materialgesundheit und Recyclingfähigkeit spielen bei einer C2C-Zertifizierung auch der Umgang mit Wasser und Energie sowie Sozialstandards eine entscheidende Rolle.

Die Verwendung solcher nachhaltigen und zertifizierten Produkte fördern Datenbanken und Plattformen wie Building Material Scout. Dort werden alle materialbezogenen Informationen zu Produkten und Baustoffen gesammelt und strukturiert. Hersteller können zudem ihre Produkte nach den Gebäude-Zertifizierungssystemen DGNB, LEED und BREEAM bewerten lassen. Und für Bauherren, Architekten, Planer und Baufirmen bietet die Plattform die Möglichkeit, sich über kreislauffähige und gesunde Bauprodukte zu informieren, in Kontakt mit den Herstellern zu treten und das Datenmanagement für Bauprojekte zu organisieren. Am Ende entsteht für jedes Bauprojekt ein Building Material Passport, der dem Bauherrn strukturierte Informationen für sein Gebäude gibt – zum Beispiel wie hoch der Recyclinganteil im Gebäude ist oder wie hoch der verfügbare Rohstoffwert ist.

Vorbilder für C2C-Gebäude  

Auch im Bereich der Bauprojekte gibt es bereits Vorreiter, die dem C2C-Prinzip folgen. So wurde das neue Verwaltungsgebäude der RAG-Stiftung und der RAG Aktiengesellschaft auf dem Welterbe Zollverein in Essen im Sinne von Cradle to Cradle realisiert. Das im Jahr 2017 fertiggestellte Gebäude besteht zu einem hohen Anteil aus einfach trennbaren Konstruktionen. So wurde beispielsweise eine sortenrein trennbare Aluminium-Glas-Fassade verwendet, bei der nichts miteinander verklebt, sondern ausschließlich gesteckt und geschraubt ist. Der spätere Rückbau und die Wiederverwendung der verbauten Materialien wurden hier bereits in der Planungsphase mitbedacht. Neben einer DGNB-Zertifizierung mit Platin hat das Gebäude einen Materialausweis erhalten.

Ein ähnliches Ziel verfolgt auch die kleine schwäbische Gemeinde Straubenhardt. Auf dem rund 6.000 Quadratmeter großem Areal plant sie den Neubau des zentralen Feuerwehrhauses in nachhaltiger Bauweise. Neben Nutzung erneuerbarer Energiequellen, den gebäudeintegrierten Wasserkreisläufen und einem Gründach werden beim Neubau Cradle to Cradle-Baumaterialien eingesetzt. Mithilfe einer Materialflussanalyse untersuchen die Experten die zu verwendenden Produkte auf ihr Nutzungsverhalten, um das Abfallaufkommen in der Betriebsphase zu reduzieren. Ein sogenannter Materialausweis dient dabei als Inventurinstrument. Das nachhaltige Feuerwehrhaus zählt zu den ersten C2C-Projekten der öffentlichen Hand in Deutschland und soll im Oktober 2020 fertig sein. Für die Gemeinde Straubenhardt ist das neue Feuerwehrhaus erst der Anfang, denn auf dem Weg zur C2C-Modellregion möchte die Gemeinde zukünftig noch weitere Gebäude in nachhaltiger Bauweise erstellen.

Diese Beispielprojekte zeigen, dass Cradle to Cradle nicht nur theoretisch funktioniert, sondern sich auch in der Praxis bereits bewährt. Um enkelfähige Gebäude und Städte zu schaffen, bedarf es jedoch eines viel größeren Einsatzes und einer flächendeckenden Anwendung des C2C-Konzepts. Nur dann können wir sicher sein, dass wir unsere Umwelt und die Zukunft langfristig und positiv verändern.

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Der Autor
Dr. Peter Mösle
Partner bei Drees & Sommer, Geschäftsführer der EPEA GmbH – Part of Drees & Sommer