14.03.2019
Vanja Schneider
Gerhard Feldmeyer

Interview mit Vanja Scheider und Gerhard Feldmeyer

„Cradle to Cradle“-Projekte – Living Labs die neue Impulse setzen!

Im gemeinsamen Interview erläutern der Architekt Gerhard Feldmeyer von HPP Architekten und der Projektentwickler Vanja Schneider von Interboden ihre Herausforderungen, Erfahrungen aber auch die Chance Innovationsträger der Zukunft zu entwickeln.

INTERBODEN/HPP

1.       Was war für Sie der Auslöser, erstmalig ein gemeinsames Projekt nach dem Konzept zirkulärer Bauweise (Cradle to Cradle) zu planen?

Vanja Scheider:
Die Bau- und Immobilienwirtschaft ist derzeit für ca. 60 Prozent des weltweiten Abfallaufkommens verantwortlich. Die Branche steht also in der Verantwortung umzudenken und ressourcensparende Bauweisen sowie Nutzungsarten zu implementieren. Wir beurteilen Materialien und Maßnahmen nach dem Nutzen für den Menschen und nach einer ressourcenschonenden Verwendung, nicht anhand von Punkten für eine Nachhaltigkeitszertifizierung.

2.       Wie unterscheiden sich die Planungsherausforderungen bei einem Cradle-to-Cradle-Projekt?

Vanja Scheider:
Der Planungsaufwand ist höher als bei „konventionellen“ Projekten einzustufen, da die verwendeten Materialien bereits in einer sehr frühen Planungsphase auf ihre Demontierbarkeit und Recyclefähigkeit geprüft werden müssen. Außerdem treten wir bereits zu diesem frühen Zeitpunkt mit den Lieferanten und Herstellern der Cradle-to-Cradle-Produkte in Kontakt und integrieren sie frühzeitig in den Planungsprozess. In diesen Aufgaben liegt die besondere Herausforderung, da es unser erstes Projekt dieser Art ist und wir nicht auf bestehende Erkenntnisse zurückgreifen können. Hierfür ist ein erfahrenes und innovatives Planungsteam erforderlich, das ein gemeinsames Ziel verfolgt: Nutzen optimieren und Abfall reduzieren.

Gerhard Feldmeyer:
Die Ziele von C2C sind es, vor allem Gebäude zu schaffen, die während der Nutzungsdauer gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse bieten und am Ende der Nutzungsperiode möglichst wenig Müll zurücklassen. Das führt zu einer Vielzahl neuer Planungsinhalte und damit zu einem neuen Planungsprozess. So beschäftigen wir uns z.B. sehr viel früher und intensiver mit den Inhaltsstoffen von Materialien und Produkten. Wir verstehen Gebäude quasi als Rohstofflager. Die Recyclingfähigkeit und die Trennbarkeit (Design für Demontage) von Materialien und Produkten rückt in den Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir müssen erreichen, dass Gebäude Teil der Kreislaufwirtschaft werden, um das Müllaufkommen signifikant zu reduzieren und die Rohstoffverfügbarkeit langfristig sicherzustellen. Hier leisten wir Entwicklungsarbeit im Sinne eines Zukunftslabors. Wir stellen uns der Herausforderung Projekte zu entwickeln, die das Zeug zum Innovationsträger haben.

3.       Ihr Projekt „The Cradle“ etabliert eine neue Architektursprache. Was meinen Sie damit?

Gerhard Feldmeyer:
Architektur kann sich nicht länger ausschließlich auf die Prinzipien der Moderne stützen. Wir müssen neben der Gestaltung viel stärker inhaltlich arbeiten, um unserer Verantwortung als Architekten gerecht zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass die inhaltliche Auseinandersetzung mit den großen Themen der Menschheit - letztlich den Erhalt des Planeten - zu einem neuen gestalterischen Ausdruck führen wird. „The Cradle“ soll ein zeichenhaftes Stück Architektur werden und ist auf unserem Weg dorthin ein Labor, anhand dessen wir Entwicklungsarbeit leisten, um neue Regelhaftigkeit zu definieren.

4.       Wen wünschen Sie sich als künftige Nutzer des Bürogebäudes?

Vanja Scheider:
Wir wünschen uns Unternehmen mit einer ökologisch-nachhaltiger Ausrichtung, die diese Unternehmensphilosophie leben und nach außen tragen. Für den zukünftigen Nutzer soll „The Cradle“ auch mehr als ein Bürogebäude sein, sondern vielmehr Ausdruck einer Haltung und dabei identitätsstiftend für seine Mitarbeiter.

5.       Wie sensibilisiert man die Immobilienbranche für die zirkuläre Bauweise und erzeugt Verständnis für das Konzept? Sind C2C-Projekte investmentfähig? Wie wird die Zukunft Ihrer Meinung nach aussehen?

Vanja Scheider:
Ich hoffe, dass wir allein schon durch unser Projekt erste Impulse setzen können, die von der Branche adaptiert werden. Aber wir wollen damit auch für uns selbst Richtwerte schaffen, die irgendwann als Standard gelten können. Wir bei INTERBODEN sehen „The Cradle“ selbst als eine Art living lab, ein Forschungsprojekt, dessen Rentabilität wir noch beweisen müssen. Wir sind aber sicher, dass diese Bauweise deutlich nachhaltiger sein wird als die Energieeinsparverordnung. Daher bin ich davon überzeugt, dass sich das Prinzip in unserer Branche durchsetzen wird und irgendwann als selbstverständlich gilt. Dann können wir zurückblicken und sagen, dass wir die Entwicklung maßgeblich vorangetrieben haben und einer der Pioniere der ressourcensparenden Bauweise in Deutschland sind.

 

Das Event zum Thema
Die Autoren
Vanja Schneider
Geschäftsführer
INTERBODEN Innovative Gewerbewelten GmbH & Co. KG
Gerhard Feldmeyer
Geschäftsführer
HPP Architekten GmbH