14.02.2019
Karl Richter

Wohn-Dialog Frankfurt am Main 2019

KOMMENTAR: Kluges Flächenmanagement für Frankfurts Wachstumsprobleme

Frankfurt ist in den letzten zehn Jahren um 100.000 Einwohner gewachsen. Ein ähnliches Wachstum wird für die nächste Dekade prognostiziert. Zeigt die mangelnde Flächenverfügbarkeit nicht Grenzen der Wachstumsmöglichkeiten auf?

Quelle: Karl Richter, Urheber: Karl Richter / Cameraflights

Muss sich ein Sportplatz auf Flächen in einer Siedlung befinden, die sich für Wohnen eignen oder kann er Teil des Grüngürtels sein? Bewegen sich die Planungen für Stadterweiterungen nicht auch immer im Spannungsverhältnis zwischen Vision und Pragmatismus?

Bei meinem Vortrag zum Wohn-Dialog Frankfurt am Main geht es weniger um eine generalisierende politische Vision, etwa von der grünen oder der sozialen Stadt, sondern um konkrete baulich-räumliche Visionen für ausgewählte Flächen in Frankfurt und pragmatische Lösungen für deren Umsetzung. Selbstredend integriere ich dabei ökologische oder soziale Grundsätze der Stadtentwicklung und analysiere die ökonomische Tragfähigkeit und die politische Mehrheitsfähigkeit der Ideen.

Wachstumsvergleiche

Wie kommt es, dass München nur um ein Viertel größer ist als Frankfurt, aber doppelt so viel Einwohner hat? Die Gnade des deutlich stärkeren Wachstums um die vorletzte Jahrhundertwende in München hat dazu geführt, dass der Anteil der urbanen Quartiere mit hoher Dichte wesentlich größer ist.

Für Frankfurt heißt das, mit radikaler Priorität zugunsten der Innenentwicklung kompakte großstädtische Quartiere zu implementieren. Dafür spricht nicht nur der sparsame Umgang mit Flächen und die Wirtschaftlichkeit der Infrastruktur, die Verkehr, Soziales und Einzelhandel gleichermaßen umfasst. Für die Innenentwicklung spricht auch die mangelnde soziale Akzeptanz von Quartieren mit hoher Dichte an der Peripherie, die im politischen Umkehrschluss zu permanenten Ortsrandarrondierungen in aufgelockerter und damit flächenverschwendender Bauweise führt.

Bürgerbeteiligungen vs. Stadterweiterung

Jede Stadt hat heute ihr Stuttgart 21. Sorge um den Wohlstand, Angst vor Veränderung und Belastung münden in eine Not-in-my-backyard-Mentalität. Selten wird der Bevölkerungszuwachs als großartige Chance für die Stadt propagiert: Das reicht von der Belebung des öffentlichen Raums über das Aufblühen kultureller Institutionen und der Diversifizierung des Vereinswesens bis zur höheren Frequenz der Straßenbahn.

Meine Ideen entspringen fast alle dem Ansatz, verschiedene Flächen und Nutzungen miteinander in Beziehung zu setzen. Das funktioniert nur dann, wenn man das Ressortdenken von Wohnen gegen Grün, Gewerbe gegen Grün oder Wohnen gegen Gewerbe aufgibt und jeweils Kompensationen für die eine oder andere Flächennutzung anbietet. Anders gibt es keine politischen Mehrheiten.

Brauchen alte Beschlüsse ein Update?

Für 80% der 20.000 Wohnungen sind die planungspolitischen Beschlüsse vor mehr als 10 Jahren gefasst worden. Das reicht bei weitem nicht aus. Den A5-Stadtteil sehe ich zunächst als weit entfernte Chimäre am Horizont.

Die Restriktionen des Planungs-, Bau-, Umwelt- und Naturschutzrechts haben zunächst ihre Ursache in der Schaffung angenehmer Wohn- und Lebensverhältnisse und in der Einsicht über die Begrenztheit natürlicher Ressourcen, wozu der Landverbrauch gehört.

Steht aber ein Bevölkerungswachstum im beschriebenen Ausmaß an, kann man die Restriktionen als gesetzlich legitimierten Widerstand gegen Veränderung betrachten, der sich in langen Planungszeiträumen widerspiegelt, statt etwa kurze Reaktionszeiten auf die Wohnungsnot zu ermöglichen.

Die Politik muss reagieren

Nicht nur in Frankfurt wird eine Alibi-Politik propagiert, die nur eine marginale Wirkung auf die Bekämpfung des Mangels von bezahlbaren Wohnungen hat. Dazu gehört die Mietpreisbremse für Mieter einiger Wohnungsbaugesellschaften, die Wiedereinführung des Wohnraumzweckentfremdungsverbots und des Fehlbelegungsabgabegesetzes sowie die Ausweitung von lokalen Milieuschutzsatzungen.

Die massive und rasche Ausweisung von neuem Bauland erbringt aber den größten Erfolg in der Preisdämpfung, da sie, dem Urprinzip der Marktwirtschaft folgend, Angebot und Nachfrage neu austarieren.

Alte Muster über Bord werfen! - Lösungsvorschläge

Mit einem klugen Flächenmanagement von Wohnen, Gewerbe und Grün können Frankfurts Wachstumsprobleme gelindert werden.

  • Wenn man etwa das Ziel verfolgt, 30 Prozent mehr Kleingärten in der Stadt zu schaffen, müssen dann alle Kleingärten auf innenstadtnahen Flächen ihren Platz finden oder kann man deren Umzug bezuschussen, um auf ihrem Ursprungsstandort ein Stadtviertel zu errichten?
  • Können Teile des Grüngürtels Sportflächen aufnehmen, um auf deren alten Flächen zeitnah Wohnbauflächen zu initiieren?
  • Können untergenutzte Gewerbegebiete mit einer planungsrechtlichen Aufwertung in Urbane Gebiete dazu beitragen, die Kernstadt auszuweiten statt neue Peripherien auszubilden?
  • Können Autobahnzubringer, Verkehrsbegleitgrün und Restlandwirtschaft in urbane Stadtteile verwandelt werden, wenn parallel dazu ein tragfähiges Verkehrskonzept entwickelt wird?

Diese und weitere Beispiele werden in meinem Vortrag mit Luftbildern und Visualisierungen veranschaulicht. Eine Debatte darüber in Gang zu setzen, ist zumindest eine Alternative zur Alternativlosigkeit, im Korsett planungsrechtlicher Restriktionen und befürchteter Bürgerproteste gefangen zu sein.

Der Autor
Karl Richter
Karl Richter Architekten BDA