07.02.2019
Jasmin Busse-Schlaudecker

Interview mit Prof. Dr. Michael Braungart

Cradle to Cradle als Chance begreifen und nicht als Belastung!

Das Wort „Nachhaltigkeit“ und „Ökoeffizienz“ ist für Sie nicht wirklich zielführend oder attraktiv. Nachhaltigkeit macht den Kunden zum Feind. Wenn nichts gekauft wird, ist es noch besser. Das grünste Haus ist das, was gar nicht gebaut wird.

Prof. Dr. Mi­cha­el Braungart

Ver­mei­den, spa­ren und re­du­zie­ren ist ei­ne Form des Schuld­ma­nage­ments. Sie ha­ben ei­ne viel weit­rei­chen­de­re Vi­si­on als Pio­nier und Ent­wick­ler des Crad­le to Cradle-Designkonzepts.

Was zeich­net die­ses Kon­zept kon­kret aus und wie funk­tio­niert es?

Bei Crad­le to Crad­le (C2C) geht es um Ef­fek­ti­vi­tät und es ist so­mit ein er­wei­ter­ter Qua­li­täts­be­griff. Das Kon­zept zeich­net sich durch drei Grund­be­grif­fe aus: Qua­li­tät, In­no­va­ti­on und Schön­heit. Ein Haus, was Ab­fäl­le ver­ur­sacht und gif­ti­ge Bau­stof­fe ent­hält, hat ein Qualitätsproblem.

C2C heißt, alle Dinge die verschleißen so zu konzipieren, dass sie die Biosphäre aktiv unterstützen. C2C ist nicht ein Konzept, das „ohne Abfall“ denkt, sondern wo sämtliche Bau- und Rohstoffe zu „Nährstoff“ werden. Die Natur kennt keinen Abfall, sie kennt nur Materialien, die in die Biosphäre zurückgehen und damit nützlich sind.

Was be­deu­tet C2C für die Immobilienbranche?

Für die Im­mo­bi­li­en­bran­che be­deu­tet das, dass al­le in Ge­bäu­den ver­ar­bei­te­ten Ma­te­ria­li­en in den Kreis­lauf zu­rück­ge­führt wer­den kön­nen. Nie­mand braucht ei­ne Fas­sa­de oder ein Fens­ter, son­dern nur die Nut­zung. So­mit gibt der Her­stel­ler die Dienst­leis­tung da­zu an uns ab. Da­durch kön­nen bes­se­re Ma­te­ria­li­en ein­ge­setzt wer­den. Das Ge­bäu­de wird zur Materialbank.

So­mit wird al­les wie­der Nähr­stoff. Das setzt na­tür­lich vor­aus, dass kei­ne gif­ti­gen Stof­fe ein­ge­setzt wer­den und dass sich das Ge­bäu­de wie ein Baum ver­hält, das die Luft und das Was­ser rei­nigt und die Luft­qua­li­tät der In­nen­räu­me bes­ser ist als draußen.

Sta­tis­tisch er­wie­sen ist, dass die durch­schnitt­li­che Luft­qua­li­tät in Ge­bäu­den, in de­nen wir Men­schen 80 % un­se­rer Zeit ver­brin­gen, et­wa 3 bis 8-mal schlech­ter ist als die der städ­ti­schen Au­ßen­luft. Wenn wir das be­rück­sich­tig­ten wird er­sicht­lich, wel­cher Hand­lungs­be­darf in der Im­mo­bi­li­en­bran­che nö­tig ist, wenn man ge­sun­des Bau­en und Bau­en für an­de­re Le­be­we­sen vor­an­trei­ben und die Qua­li­tät der Im­mo­bi­lie er­hö­hen will.

Das erfordert neue Geschäftsmodelle, Weiterbildung der Architekten und die Kooperation mit Bauzulieferern.

Wie gilt es die Vor­be­hal­te der Bran­che im Hin­blick auf das künf­ti­ge Bau­en und neue Pro­jekt­ent­wick­lun­gen zu re­du­zie­ren und letzt­end­lich zu beseitigen?

Die meis­ten Men­schen den­ken nach wie vor, das Um­welt­the­ma sei im­mer noch ein Mo­ral­the­ma. Wenn die La­ge schlecht ist, dann bleibt die Mo­ral auf der Stre­cke. Um­ge­kehrt,  wenn die Zei­chen auf Wachs­tum ste­hen, wie in der Im­mo­bi­li­en­bran­che, wird die Mo­ral eben­falls au­ßer Acht ge­las­sen. So­lan­ge ma­ro­de Bau­ten ver­kauft wer­den kön­nen, in­ter­es­siert die Mo­ral nicht, was er­staun­lich ist, da ei­gent­lich der lang­fris­ti­ge Im­mo­bi­li­en­wert da­von ab­hän­gig ist wie ge­sund das Bau­werk ist und wie hoch die Ent­sor­gungs­kos­ten sind.

Es geht dar­um die Ge­bäu­de neu zu den­ken! Der DGNB hat da schon viel Pio­nier­ar­beit ge­leis­tet. C2C ist in kei­ner Kon­kur­renz zu an­de­ren Zer­ti­fi­zie­run­gen zu se­hen, son­dern es er­laubt über die Min­dest­an­for­de­run­gen hin­aus zu ge­hen und da­durch Be­triebs- und Per­so­nal­kos­ten ein­zu­spa­ren. Es geht al­lein um um­fas­sen­de Qua­li­tät der Baustoffe.

Wie „mas­sen­taug­lich“ und in­vest­ment­fä­hig ist die zir­ku­lä­re Bau­wei­se schon?

Ein In­ves­tor wird in Zu­kunft ein Haf­tungs­pro­blem be­kom­men, wenn er kei­ne ge­sun­den Ma­te­ria­li­en ein­setzt. Al­so auch um Ri­si­ken zu mi­ni­mie­ren, ist zum ei­nen na­tür­lich die Zer­ti­fi­zie­rung nach DGNB, aber auch Ver­wen­dung von C2C ein ab­so­lu­tes Muss.

Durch C2C kön­nen die Be­triebs- und Per­so­nal­kos­ten dras­tisch ge­senkt wer­den. Künf­tig wer­den En­er­gie- und Ma­te­ri­al­aus­wei­se aus­ge­stellt und je­des Ge­bäu­de und da­mit je­des dar­in ver­bau­te Ma­te­ri­al di­gi­tal erfasst.

EPEA und Drees & Som­mer ha­ben sich An­fang die­ses Jah­res als Ex­per­ten auf dem Ge­biet der zir­ku­lä­ren Bau­wei­se zu­sam­men­ge­schlos­sen, um die zir­ku­lä­re Bau­wei­se und ei­ne Mas­sen­um­set­zung zu for­cie­ren. 2/3 der Ab­fäl­le kom­men aus dem Bau­be­reich. Es be­steht da­her drin­gen­de Hand­lungs­not­wen­dig­keit. Durch die Ko­ope­ra­ti­on von Drees & Som­mer und EPEA sol­len Bau­trä­ger und In­ves­to­ren in der Pla­nung und Ein­hal­tung der Kos­ten un­ter­stützt werden.

Wie las­sen sich Ge­bäu­de im Be­stand da­hin­ge­hend um­ge­stal­ten, dass zu­min­dest an­tei­lig Bau­tei­le und -stof­fe in den Kreis­lauf zu­rück­ge­führt wer­den können?

Es gibt sehr vie­le Mög­lich­kei­ten, die man ge­ra­de im Be­stand ma­chen kann, man darf nur kei­ne Kom­pro­mis­se ein­ge­hen! 99% der Ge­bäu­de sind Be­stands­ge­bäu­de, bei de­nen bei der Sa­nie­rung eben fi­nan­zi­ell mehr ein­ge­setzt, Gift­stof­fe kom­plett ver­mie­den und nicht nur ge­setz­li­che Vor­ga­ben ein­ge­hal­ten wer­den müssen.

Be­reits jetzt gibt es im Bau­be­reich rund 800 Bau­pro­duk­te die C2C und nicht wirk­lich teu­rer als her­kömm­li­che Pro­duk­te sind. Vie­le Re­cy­cling-Ma­te­ria­li­en ha­ben ein Qua­li­täts­pro­blem, da sie ein­fach nur re­cy­celt sind und den Leu­ten nichts Gu­tes tun. Man muss sich fra­gen - was ist ge­sun­des Ma­te­ri­al und was ist wirk­lich kreislauffähig?

Ihr Fazit?

Uns kommt jetzt die Ge­ne­ra­ti­on von jun­gen Leu­ten zu­gu­te, de­nen An­er­ken­nung und so­zia­les Netz­werk wich­ti­ger ist als Geld. Wer in ei­nem Hau­fen Son­der­müll wohnt, ist ein­fach nur ein Lo­ser. Un­ter­neh­men kön­nen bei den künf­ti­gen Mit­ar­bei­tern mit ei­nem ge­sun­den Ge­bäu­de punkten.

Was sich än­dern muss ist, das Be­wusst­sein un­se­rer Rol­le. Wir glau­ben, wenn wir ein biss­chen we­ni­ger schäd­lich le­ben, wür­den wir Gu­tes tun. Das ist kein Schutz, son­dern nur we­ni­ger Zer­stö­rung. Und für we­ni­ger Zer­stö­rung sind wir zu vie­le Men­schen auf der Welt!

Wir müs­sen den mensch­li­chen Fu­ß­ab­druck fei­ern, statt ihn zu mi­ni­mie­ren. Man muss C2C als Chan­ce be­grei­fen und nicht als Belastung!
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Die Autorin
Bild: Heuer Dialog
Jasmin Busse-Schlaudecker
Projektmanagerin
Heuer Dialog GmbH
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