02.11.2018
Philipp Nothdurft

Handels-Dialog Baden-Württemberg

Stuttgart – Einzelhandel unter dem Brennglas

In Stuttgart kann derzeit der strukturelle Umbruch im Einzelhandel wie unter einem Brennglas beobachtet werden.

Es geht um die Kern­fra­ge: Kann sich sta­tio­nä­rer Han­del in Zei­ten des In­ter­nets be­haup­ten und ei­ne Zu­kunfts­stra­te­gie fin­den, die die In­nen­städ­te wei­ter­hin zum Ma­gne­ten für Kon­su­men­ten macht? Die Ver­suchs­an­ord­nung in Stutt­gart ist nicht ge­ra­de ein­fach. Bin­nen we­ni­ger Jah­re hat sich die jahr­zehn­te­lang sehr mo­de­rat wach­sen­de Zahl der Ge­schäf­te in den Haupt­ein­kaufs­zo­nen mehr als ver­drei­facht – die Shop­ping-Cen­ter Mi­la­neo, Ger­ber und das Do­ro­the­en­Quar­tier ha­ben den Markt mäch­tig auf­ge­wir­belt, die Lauf­we­ge ver­än­dert und die Ver­hand­lungs­po­si­tio­nen von Ei­gen­tü­mern und Nut­zern förm­lich auf den Kopf gestellt.

Lan­ge war Stutt­gart ein klas­si­scher Ver­mie­ter­markt, denn die Flä­chen wa­ren be­grenzt, die Kauf­kraft in Stadt und Um­land ge­hört zu den höchs­ten in Deutsch­land und wer Ver­kaufs­flä­chen an­ge­mie­tet hat­te, der woll­te sie hal­ten. Ent­spre­chend ge­ring war in vie­len Quar­ta­len der Flä­chen­um­satz in der Ver­mie­tung. Mit dem bun­des­weit ein­ma­li­gen Flä­chen­zu­wachs der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit ist der Markt in Stutt­gart in Be­we­gung ge­kom­men. Und dann gibt es da noch ei­nen wei­te­ren Grund: stark ver­än­der­tes Kun­den­ver­hal­ten durch das Internet.

Mitt­ler­wei­le ist spür­bar, dass im­mer mehr Händ­ler und Ket­ten – längst nicht nur gro­ße – Om­ni-Chan­nel-Stra­te­gi­en um­zu­set­zen ver­su­chen, um den Kon­takt zu ih­ren Kun­den nicht zu ver­lie­ren. Kon­kret kann das be­deu­ten, das Gros der Wa­ren wird on­line an­ge­bo­ten, wäh­rend die sta­tio­nä­ren Lä­den stär­ker zu Show­rooms für aus­ge­such­te Pro­duk­te und das be­son­de­re Kauf­erleb­nis wer­den. Vie­le Kun­den zieht es nicht mehr in die Städ­te, um sich die Ein­kaufs­tü­ten voll zu ma­chen, son­dern um Qua­li­tät, Ge­nuss und auch Un­ter­hal­tung beim Ein­kauf zu er­le­ben. Al­so Kri­te­ri­en, die der Ein­kauf im Netz bei al­lem Kom­fort nicht bie­ten kann.

Ver­läss­li­che Kon­stan­te in der Stadt sind noch die Be­rei­che auf der Kö­nig­stra­ße vom Schloss­platz bis Ecke Stift­stra­ße und wei­ter bis zur Spo­rer­stra­ße. Ab­seits da­von er­lebt Stutt­gart die­sen Wan­del in fast al­len La­gen in ver­schie­de­nem Aus­maß. Dort zeigt sich auch der Wech­sel, den der Han­del seit we­ni­gen Jah­ren bun­des­weit er­lebt: Der frü­he­re Pri­mus Tex­til­han­del gibt mit je­dem Quar­tal mehr An­tei­le bei der Neu­an­mie­tung von Flä­chen ab, wäh­rend die Gas­tro­no­mie und auch die Spar­te Ge­sund­heit/Be­au­ty kon­stant ho­he An­teil von je bis zu 20 Pro­zent er­zielt. Das zeigt sich bei­spiels­wei­se am Wan­del in der Cal­wer­stra­ße, von ei­ner Kauf- zu ei­ner Gastrom­ei­le und da­mit zu ei­nem wich­ti­gen Bei­trag für die Auf­ent­halts­qua­li­tät in der Stadt.

Trotz der be­schrie­be­nen Um­brü­che hat der Stutt­gar­ter In­nen­stadt­han­del mit­tel­fris­tig wei­ter­hin ei­ne gu­te Per­spek­ti­ve: In den ab­so­lu­ten Top­la­gen sind nur fünf Pro­zent der Flä­che ver­füg­bar. Das hei­ßt, ih­re Nut­zung über die kom­men­den 18 Mo­na­te hin­aus ist noch nicht fest­ge­legt, weil bei­spiels­wei­se ein Nut­zer ge­sucht oder die Flä­che noch ent­wi­ckelt wird. Das spricht auch im bun­des­wei­ten Ver­gleich für ei­ne sehr gro­ße Nachfrage.

Bei der An­zahl der Ge­schäf­te sind es hin­ge­gen zwölf Pro­zent. Das ist bun­des­weit ein ver­gleichs­wei­se ho­her/schlech­ter Wert, doch hei­ßt das im Um­kehr­schluss auch, dass vor al­lem klei­ne­re Ge­schäf­te ver­füg­bar sind, was für ei­ne Stadt wie Stutt­gart kein grö­ße­res Pro­blem ist. Denn ge­ra­de klei­ne­re Flä­chen, am bes­ten nur im Erd­ge­schoss ge­bün­delt, sind am stärks­ten ge­fragt und er­zeu­gen gu­te Nach­fra­ge. Stutt­gart hat al­so bes­te Vor­aus­set­zun­gen, sich als mo­der­ne und in­no­va­ti­ve Ein­kaufs­stadt auch im Um­bruch zu be­haup­ten, wenn es ge­lingt, mit dem rich­ti­gen An­ge­bots­mix das nach­hal­ti­ge Kauf­erleb­nis zu stärken.

Der Autor
JLL
Philipp Nothdurft
Team Leader Retail Leasing
JLL München/Stuttgart
Deutsch
USD