27.07.2018
Christoph Böhmer

Kann die klassische "WG" bald abgelöst werden?

Mikrowohnen - Der Trend für einen neuen Lebensstil

Mikrowohnen ist in aller Munde. Projektentwickler haben hier ein neues Marktsegment entdeckt, das in vielen Städten bedient wird. Kommunen mit hohem Studentenanteil und oder florierender Industrieansiedlungen brauchen dieses Angebot in ihrer Stadt.

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Es wird ebenso benötigt im Segment der preisgünstigen Arbeiterunterkünfte, wie auch im höheren Preissegment, das im Folgenden besprochen wird.

Zuerst stellt sich die Frage, wie viel Wohneinheiten verträgt eine solche Mikrowohnanlage. Hundert, zweihundert, dreihundert Einheiten? Auch hier gilt, dass eine Massierung einer immer gleichen oder ähnlichen Einheit zu einer Monostruktur führt, die im Endeffekt ein Qualitätsverlust darstellt. Es gilt das verträgliche Maß am jeweiligen Standort zu finden und sich als Teil einer gemischten Stadtstruktur zu verstehen. Darüber hinaus muss man bei einer Massierung bedenken, dass die Folgefunktionen, wie das Parkieren noch vernünftig – vor allem wirtschaftlich - auf dem Grundstück untergebracht werden können.

Eine weitere Frage ist, wo am besten das Mikrowohnen in der Stadt angesiedelt werden soll.

Ich denke, Mikrowohnen ist am besten dort aufgehoben, wo viel städtisches Leben, viele unterschiedliche Angebote einer Stadt sind. Das ist deshalb wichtig, weil dort die Bewohner schnell mal etwas einkaufen, oder ein Café bzw. Restaurant aufsuchen können, um sich mit anderen Menschen zu treffen.

Andere Menschen zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen, ist auch innerhalb einer Wohnanlage selbst wichtig. Hierzu dienen gemeinschaftlich nutzbare Koch-Ess-Bereiche, die zur Verfügung stehen bzw. für ein Entgelt, inklusive Reinigung, zur Verfügung gestellt werden, ebenso wie ein Gemeinschaftsraum z.B. in Form einer Bibliothek, wo ein Buch gelesen werden kann, oder wo einfach miteinander geplauscht wird. Die gesamte Wohnanlage muss Funktionen bieten und übernehmen können, die es in den einzelnen Appartements nicht gibt.

Auch eine gemeinsam nutzbare Dachterrasse, wo gegrillt, gemeinsam Gymnastik oder ähnliches betrieben wird, oder gar ein Fitnessraum, ist gut für die „Hausgemeinschaft“. Diese Hausgemeinschaft entsteht jedoch nicht von selbst – sie muss organisiert werden. Es gibt Betreiber auf dem Markt, die das schon machen – und zwar gut! Für das Mikrowohnen, das Wohnen auf minimaler Fläche, bildet dies ein hohen Mehrwert.

Hinter diesem Modell steht der Sharing-Gedanke, nicht alles besitzen zu müssen, sondern es auch mit anderen teilen zu können und zu wollen. Die Frage ist: Wer organisiert dies? Kommt im studentischen Umfeld die oft günstigere, jedoch sehr oft anstrengende Selbstorganisation zum Tragen, so muss dies in anderen Fällen von einem Betreiber der Immobilie angeboten werden. Dies ist natürlich teurer, für die Bewohner jedoch deutlich einfacher.

Die Mikrowohnung selbst sollte, da sie ja auf das kleinste Maß geschnitten ist, über eine großzügige Verglasung, einen großzügigen Bezug nach Außen verfügen, selbst dann, wenn sich dort eine vielbefahrene Straße befindet.

Sich individuell vom Außenraum abzugrenzen, sollte jedoch immer möglich sein. Die weitere Ausstattung mit Kochplatte, Kühlschrank, Fernseher, Internetzugang etc. gehört ja heute schon zum Standard.

Noch ein Wort zur Gestaltung der Mikrowohnung: Ich denke hier sollten schon im Interesse des Investors nachhaltige und natürliche - und jetzt setze ich noch eins oben drauf - warme Materialien verwendet werden. Wichtig ist vor allem, die Räume so zu gestalten, dass sich der Bewohner zuhause fühlt. Das ist die größte Herausforderung an alle am Bau Beteiligten.

 

Der Autor
Dr.-Ing. Christoph Böhmer
Amtsleiter Stadtplanung, Baurecht und Umweltplanung
Stadt Heilbronn