25.05.2018
Thomas Herr

Die digitale Transformation der Immobilienwirtschaft steckt noch in den Kinderschuhen

"Auch Siemens kann ein PropTech sein"

Dr. Thomas Herr, EMEA Head of Digital Innovation bei CBRE über unterschiedliche Ansätze, Siemens als PropTech und Steve Jobs als Vorbild für die Immobilienwirtschaft.

Quelle: Heuer Dialog

Herr Dr. Herr, die Immobilienwirtschaft durchlebt gerade eine aufregende Zeit. Alte Geschäftsmodelle kommen auf den Prüfstand, die etablierten Player verjüngen sich durch Kooperationen mit PropTechs und Technologieunternehmen. Sind wir schon angekommen oder wo steht die Branche?

Wir sind zumindest einen Schritt weiter, wobei man durchaus unterschiedliche Ansätze bei den verschiedenen Marktteilnehmern erkennt. Die einen starten mit der Entwicklung von Digitalstrategien, die anderen nach dem trial- and-error Prinzip mit dem Ausprobieren verschiedener Proptech Lösungen. Es gibt fast mover und Unternehmen, die den digitalen Wandel eher gemächlich angehen. Insgesamt sind wir jedoch an einem Punkt wo allen klar ist, dass sie sich mit dem Thema beschäftigen müssen. Und damit sind wir heute weiter, als vor ein oder zwei Jahren. Der kulturelle Wandel hin zu mehr Offenheit, Kooperation und Fehlertoleranz, der mit der digitalen Transformation einhergeht, ist jedoch ein Langfristprojekt und noch in den Kinderschuhen.

 

Sie sprechen vom notwendigen Kulturwandel? Meinen Sie den in den Unternehmen oder in der Gesellschaft?

Unternehmen sind hier ein Spiegel der Gesellschaft. Wir müssen uns mit neuen Formen der Zusammenarbeit und des Wissenserwerbs auseinandersetzen, und damit geht es schon in der Schule los. Die Schule wird uns dann ein Leben lang nicht loslassen, da das exponentielle Anwachsen des Wissens lebenslanges Lernen erfordert. Dabei geht es nicht um Faktenwissen und Routinen - darin sind uns die Computer meilenweit überlegen - sondern um Methodenkompetenz, die Beherrschung neuer digitaler Werkzeuge in Zusammenarbeit mit Menschen und Maschinen, soziale Kompetenzen und Kreativität. Die Verlagerung des Tätigkeitsschwerpunktes von Routinen zu anspruchsvollen Arbeiten geht einher mit einem kollaborativeren Arbeitsstil, über die Organisationsgrenzen hinaus. Die erforderliche Offenheit und das Vertrauen müssen wir noch lernen.

 

Welche Rolle spielen Kooperationen mit PropTechs oder auch etablierten Technologieunternehmen?

Ich gehe davon aus, dass mit PropTechs hier junge Start-Ups gemeint sind, was ich für einen falschen Denkansatz halte. Für mich entwickelt ein PropTech eine neue technologische Lösung für ein Problem der Immobilienwirtschaft. Und da können Siemens, SAP oder IBM genauso ein PropTech sein wie die 150+ jungen deutschen Unternehmen, die in den Übersichten von gpti oder Gewerbequadrat gelistet sind.

Die Kooperation von Immobilienunternehmen mit Technologieanbietern ist eine Notwendigkeit und im Kern nichts Neues. Was sich allerdings im Zuge der Digitalisierung drastisch verändert hat ist die Geschwindigkeit der technologischen Erneuerungen und die Komplexität der Lösungen. Diese erfordern ein agiles Zusammenarbeiten der Partner, das gemeinsamen Erarbeiten von Lösungen.

 

Mit Blick auf den Lebenszyklus einer Immobilie: Wo sehen Sie das größte Innovationspotenzial? Bei der Entwicklung, dem Betrieb oder der Transaktion von Immobilien?

In allen drei Bereichen gibt es Innovationspotential, wobei dieses bei der Bewirtschaftung wahrscheinlich das größte Potential hat, weil diese Phase am längsten dauert, die meisten Ressourcen verbraucht und die größten Kosten verursacht. Die Grundlagen für den Betrieb werden allerdings schon mit den Entscheidungen bei der Entwicklung gelegt, weshalb es auch hier einen großen Hebel gibt.

 

Für den 2. REAL INNOVATION, den wir wieder in Zusammenarbeit mit CBRE ausrichten, haben wir neben dem Kulturwandel und den notwendigen Kooperationen auch den Kundennutzen als wichtigen Bestandteil der digitalen Transformation identifiziert. Erreichen Innovationen nur dann das notwendige Momentum, wenn am Ende Kundennutzen und damit neues Geschäft generiert werden kann?

Da kann ich nur mit einem Steve Jobs Zitat antworten: „Man muss mit der Kundenerfahrung und den Ergebnissen beginnen und dann rückwärts die Technologie erarbeiten, nicht umgekehrt.“

 

Der Autor
Dr. Thomas Herr
Managing Director und EMEA Head of Digital Innovation, CBRE GmbH