16.11.2017
Christian Tackenberg

Bremen hat Potenzial – muss es aber auch nutzen

„Auf der Reise zur digitalen Stadt“

Die Teilnehmer des Immobilien-Dialogs Bremen hatten sich morgens gerade erst gesetzt, da mussten sie schon ein neues Wort lernen: E-Geburt.

Mit dieser Wortneuschöpfung illustrierte der Bremer Baustadtrat Ronny Meyer in seinem Grußwort beispielhaft die in Bremen angestrebte digitale Verwaltung. Nach einer Geburt sollen die jungen Eltern in naher Zukunft nämlich sämtliche notwendig werdenden Behördengänge über das Internet erledigen können.

Dass die Stadt auf den digitalen Fortschritt setzen muss und will, betonte auch Hans-Georg Tschupke, der beim Wirtschaftssenator für das Thema Innovation zuständig ist. Mit einer Fachkräftestrategie soll es deshalb gelingen, dass junge Menschen nicht nur wie bisher zum Studieren nach Bremen kommen, sondern anschließend auch zum arbeiten, leben und Steuern zahlen in der Stadt bleiben.

Was das mit Immobilien zu tun hat? Eine ganze Menge, würden Ihnen die Teilnehmer des Immobilien-Dialogs Bremen da versichern. Denn im Bremer Martinsclub herrschte Einigkeit: einem Immobilien-Standort geht es immer nur so gut, wie es die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hergeben. Und da hat Bremen vielleicht noch nicht die besten Zahlen zu bieten, aber auf jeden Fall eine Menge Potenzial. So wird die Stadt bald zum Standort der E-Autoproduktion für Mercedes und der Traditionsmarke Borgward. Sie zählt schon jetzt mehr Hotelübernachtungen als die Messestadt Hannover (erstmals über 2 Millionen in 2016) und auch für die lange im Dornröschenschlaf versunkene Bremer Innenstadt gibt es Hoffnung.

Auch wenn die Dynamik von der Wirtschaft ausgehen muss, geht die Immobilienbranche bereits mächtig in Vorleistung. Bahnhofsvorplatz, Domshof, Neubau der Nord LB, die Kühne + Nagel-Zentrale, die Pläne der Zech Group rund um das Parkhaus Mitte und nicht zuletzt der Jacobs-Hof sind nur einige der neuen Projekte. Und was die Kaffee-Dynastie Jacobs mit ihrem jüngst wiedererworbenen Stammsitz vorhat, das stellte Dr. Christian Jacobs erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vor. Er will Sichtachsen schaffen und die bisher eher verschlafene Ecke durch einen Neubau und mit Gastronomie beleben. Auch „Onkel Johanns alter Laden“, das traditionelle Kaffeegeschäft wird wieder Einzug in den Jacobs-Hof halten.

Aber klar, bei aller Freude über einzelne Leuchttürme: das wichtigste Projekt in der Bremer Innenstadt ist die von der Zech Group geplante Einkaufspassage rund um das abzureißende Parkhaus Mitte. Die Attraktivität der Innenstadt und damit die überregionale Anziehungskraft Bremens steht und fällt mit dieser Entwicklung. Und weil es früher zwischen Politik, Verbänden und Verwaltung nicht immer nur harmonisch zuging, warnte ein Referent die anwesenden Verantwortungsträger ungewohnt deutlich: „Das darf nicht scheitern!“. Doch die Sorgen scheinen unbegründet. Zwischen Senatsbaudirektorin Prof. Reuther, dem baupolitischen Sprecher der Grünen Bücking und den anwesenden Branchenvertretern herrschte eitel Sonnenschein. Die Bremer Verantwortlichen sind offenbar gewillt, alte Gräben zuzuschütten und an einem Strang zu ziehen.

Es sieht also ganz so aus, als ob Bremen sein Potenzial endlich nutzt.

Der Autor
Christian Tackenberg
Projektleiter
Heuer Dialog