26.10.2017
Christian Tackenberg

Die Geschichte der Kölner Schäl Sick wird neu geschrieben

Auf der früher ungeliebten rechten Rheinseite Kölns entstehen eine Reihe hochmoderner Quartiere

Kölns Immobilienmarkt ächzt unter der Flächenknappheit. Die Leerstandsquote lag Ende Juni auf dem niedrigsten Wert seit 15 Jahren, klagen Marktteilnehmer. Das Problem: linksrheinisch gibt es kaum verfügbare Flächen für größere Entwicklungen.

Abhilfe kommt nun „ausgerechnet“ von der lange bespöttelten ‚Schäl Sick‘.

Über Kölns legendären Oberbürgermeister, den späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer, kursiert eine Geschichte, welche das Verhältnis von linker und rechter Rheinseite Kölns vielleicht am besten beschreibt. Wenn „der Alte“ mit dem Zug gefahren ist, soll er, vom Hauptbahnhof kommend noch auf der Deutzer Brücke die Gardinen zu seinem Abteil zugezogen haben. Seine Mitreisenden informierte er jeweils, „Hinter Deutz beginnt Sibirien!“.

Blinde Pferde, einäugige Götter

Warum die traditionell industriell geprägte (und damit rot wählende) Seite im Sprachgebrauch der „richtigen“, also linksseitigen Kölner zur Schäl Sick wurde, ist unklar. Erklärungsversuche gibt es einige, ich beschränke mich hier auf zwei. Die erste dreht sich um sog. Treidelpferde, also Pferde, die früher Schiffe auf der rechten Seite flussaufwärts gezogen haben. Weil sie auf ihrem rechten Auge von der sich im Rhein spiegelnden Sonne geblendet wurden, ging man dazu über, ihnen diese mit Augenklappen zu verdecken. Damit waren sie auf dieser Seite, der rechten also, blind (‚schäl‘). Die zweite Erklärung ist etwas älter. Die katholischen Römer hätten die rechts des Rheins lebenden Germanen verspottet, weil diese in Odin einen einäugigen Gott - einen ‚Schäl‘ - verehrten.

Auch die Industrialisierung brachte da keine Besserung. Weil die Hauptwindrichtung in Europa West ist, siedelte sich auch in Köln wie in nahezu allen europäischen Großstädten die  Industrie vor allem im Osten der Stadt an. Die Stadtteile Deutz, Kalk und auch das erst 1914 eingemeindete Mülheim sind also klassische Arbeiterviertel, große Industrieareale prägten lange das Bild. Im eher kaufmännisch geprägten und besser betuchten linksseitigen Köln sah man deshalb auch noch lange nach den Römern auf die schälen Nachbarn herab.

Moderne Quartiere, flexible Nutzungsszenarien

Aber: Seit einigen Jahren wandelt sich das Bild. Immer mehr Büroarbeitsplätze wandern von der linken auf die rechte Seite der Stadt. Der Umzug von RTL nach Deutz signalisierte vor einigen Jahren nur den Anfang der Entwicklung. Erst jüngst gab der Versicherer Zurich Gruppe seinen Umzug von Bonn in die MesseCity bekannt, die von ECE und STRABAG entwickelt wird. Über die 2.000 Arbeitsplätze freut sich nicht nur die Stadtkämmerin, auch die umliegenden Lagen erfahren eine Aufwertung.

Der Wandel von Industrie hin zu Büros und Dienstleistung, der sich rechtsrheinisch vollzieht, steht dabei exemplarisch für den Wandel des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Raus aus der Fabrik, rein ins Büro. Und die stillgelegten Industrieareale rechts des Rheins können mit einem Pfund wuchern, dass es sonst in Köln kaum gibt: Fläche. Die Liste der Projektentwickler, die sich anschicken, Kölns rechte Rheinseite schick zu machen, liest sich dementsprechend wie ein ‚Who is who‘. So wird die CG Gruppe im Cologneo I auf rund 70.000 m² bis 2020 ein neues Quartier schaffen, dass die vorhandene Kreativszene nicht verdrängt, sondern zum Teil ihres Konzeptes macht. Wohnungen, ein Hostel und moderne Büroflächen sollen ein kreatives Umfeld schaffen, von dem die künftigen Anwohner genauso profitieren wie etablierte Unternehmen.

Etwas weiter nördlich realisiert Art-Invest gemeinsam mit OSMAB das I/D Cologne. Auf 7 ha wagen die Entwickler hier den Schritt in die Zukunft, und die Zukunft heißt ‚flexible Nutzungsszenarien‘. Angeboten werden sowohl Coworking-Spaces und klassische Einzelbüros, genauso wie Open Spaces für etablierte Unternehmen. Für die 7.000 Arbeitsplätze entwickelt man eigens ein eigenes Mobilitätskonzept mit Car- und Bike-Sharing-Stationen. Das neue Quartier soll sich mit dem angrenzenden Schanzenviertel verbinden und zum Nährboden für Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung werden, wie es heißt.

Doch bei diesen Projekten bleibt es nicht, auch die Gerch Group hat sich ein Stück der Deutzer Fläche gesichert und verspricht auf 160.000 m² ebenfalls ein modernes Stadtquartier.

Fazit

Weil keines der angesprochenen Projekte schon realisiert ist, ist es für ein Fazit noch zu früh. Eines steht aber bereits fest: Konrad Adenauer, hinter seinen geschlossenen Gardinen, würde in diesen Tagen viel verpassen.

Haben Sie Fragen zu den rechtsrheinischen Quartiersentwicklungen? Warum fragen Sie die verantwortlichen Projektentwickler nicht gleich selbst, beim Immobilien-Dialog Köln am 24. Januar 2018.

Der Autor
Christian Tackenberg
Projektleiter
Heuer Dialog GmbH