28.08.2017
Jörn Burghardt

Handel ist Wandel

Neue Dynamik im Einzelhandel erfordert hohe Wandlungsfähigkeit

Der Spruch „Handel ist Wandel“ war noch nie so aktuell wie heute. Die Digitalisierung und der gesellschaftliche Wandel sind wichtige Trends, die die Dynamik der Veränderungen zuletzt deutlich erhöht haben.

Der Handel, die Immobilienwirtschaft und auch die Politik müssen darauf mit erhöhter Anpassungs- und Dialogbereitschaft reagieren.

Starke Einzelhandelsbranche

Keine Frage, dem Einzelhandel in Deutschland geht es gut. Die Konsumnachfrage in ist im Aufwärtstrend und die Einzelhandelsunternehmen setzten im letzten Jahr preisbereinigt 1,6 Prozent mehr um als im Vorjahr. Zwar werden inzwischen die größten Zuwächse im Online-Handel erzielt, doch auch stationär läuft es ordentlich, zumal sich die Online-Wachstumsraten zuletzt merklich verlangsamt haben. Die Zukunftserwartungen sind ebenfalls positiv. Darauf deuten die Ergebnisse einer Expertenbefragung bei rund 70 deutschen Expansionsleitern des Einzelhandels, die die Hahn Gruppe im Frühjahr 2017 zusammen mit dem EHI Retail Institute durchgeführt hat. 49 Prozent der Handelsunternehmen rechnen demnach für 2017 mit steigenden Umsätzen im stationären Handel. 41 Prozent erwarten stabile Umsätze und nur 10 Prozent rechnen mit Umsatzrückgängen. Rund 56 Prozent der befragten Handelsunternehmen planen, bis Ende 2017 über mehr Filialen als noch zum Jahresbeginn zu verfügen. Nur 17 Prozent aller befragten Handelsunternehmen beabsichtigen, die Anzahl ihrer Standorte zu reduzieren.

Handel muss auf neue Kundenbedürfnisse reagieren

Doch neben diesen positiven und sehr stabilen Eckdaten stellt der stationäre Einzelhandel einen deutlichen Wandel der Anspruchshaltung bei den Kunden fest. 90 Prozent der Händler äußern die Auffassung, dass die Bedeutung der Einkaufsatmosphäre und der Aufenthaltsqualität in den letzten Jahren gestiegen ist. Zunehmend wichtig für die Kunden werden auch das Gastronomieangebot und eine ansprechende Architektur: Die Händler vermuten zu 83 Prozent bzw. 87 Prozent, dass der Anspruch der Kunden in Bezug auf diese Attribute zugenommen hat. 66 Prozent erwähnen zudem, dass die Kunden vermehrt ein besseres Unterhaltungsangebot vor Ort einfordern. Hinzu kommen die Ausläufer der Digitalisierung: Drive-In-Terminals, Pop-up-Stores, Serviceroboter, automatische Check-Out-Systeme, die Digitalisierung der Handelsflächen ist in vollem Gange. Die Amazon-Akquisition einer großen Biosupermarktkette in den USA hat die letzten Zweifel daran ausgeräumt. Für rund 40 Prozent (Vorjahr: 26 Prozent) der befragten Händler haben deshalb flexible Umbaumöglichkeiten der Handelsimmobilie mittlerweile eine hohe Bedeutung. Weitere rund 33 Prozent (Vorjahr: 49 Prozent) sehen eine zumindest mittlere Bedeutung darin.

Handel, Investoren und Politik brauchen engen Dialog

Die Veränderungen im Einkaufsverhalten und das Angebot an technologischen Lösungen sind für Asset Manager ebenfalls von großer Bedeutung. Denn nicht nur die Handelsunternehmen müssen sich den Herausforderungen der Zukunft stellen, sondern auch die Eigentümer von Einzelhandelsimmobilien. Eine höhere vertragliche und bauliche Flexibilität sowie ein intensiver Dialog mit den Mietern sind wichtige Voraussetzungen, um Platz für neue Kundenservices und innovative Veränderungen zu schaffen. Die Wandlung der Lagerflächen, die Berücksichtigung neuer Anlieferungskonzepte und die flexible Einrichtung von Aktionsflächen sind Zukunftsoptionen, auf die die Investoren beim Erwerb neuer Immobilien zunehmend achten. Damit die starke Stellung einer Handelsimmobilie auch zukünftig gewahrt bleibt, bedarf es fortlaufender Service- und Innovationsoffensiven.

Die Politik bzw. Städte und Gemeinden sind aufgerufen, den Einzelhandel und Handelsimmobilieninvestoren bei diesem Wandel zu begleiten und den Dialog ebenfalls zu intensivieren. Wo im Internet der barrierefreie Einkauf rund um die Uhr zu den liebgewonnen Gewohnheiten des Konsumenten geworden ist, bedarf es im Hinblick auf den stationären Einzelhandel neuer Überlegungen und flexiblerer Sichtweisen um den Einkauf im Laden konkurrenzfähig zu halten, im Hinblick auf Öffnungszeiten, die verkehrliche Erreichbarkeit, sowie auch die Offenheit für baurechtliche Anpassungen bei einem veränderten Nachfrageverhalten der Kunden. Denn eines ist sicher: Der stationäre Einzelhandel hat keine Wahl und wird seine Innovationszyklen nachhaltig verkürzen müssen, getrieben durch die Bedürfnisse der Kunden, die technischen Möglichkeiten und die Konkurrenz des Online-Handels.

Der Autor
Jörn Burghardt
Geschäftsführer
HAHN Fonds und Asset Management GmbH