09.02.2017
Juliane Sakellariou

Ob Scheidung oder Versöhnung bleibt weiter offen

Wahlen über Wahlen – politische Perspektiven im Schlüsseljahr 2017

Chaos droht mehr denn je, denn Populisten, Rassisten und Nationalisten erhalten Zuspruch in einem Ausmaß, das man so in Europa nicht mehr für möglich gehalten hatte. Bau- und Immobilienbranche müssen sich wappnen.

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Spä­tes­tens mit dem bri­ti­schen Re­fe­ren­dum im Ju­ni 2016 war klar, dass ein Ruck durch Eu­ro­pa geht. Wäh­rend das Pfund ei­ne ra­san­te Tal­fahrt hin­leg­te, rie­ben sich in Frank­furt schon al­le die Hän­de. Mitt­ler­wei­le wird deut­lich, dass die Hes­sen Agen­tur schein­bar er­folg­reich um ei­ni­ge Bank­häu­ser ge­wor­ben hat. Die Ci­ti­group, Gold­man Sachs und an­de­re Häu­ser mel­den nun auch öf­fent­lich In­ter­es­se an ei­ner Ver­stär­kung ih­rer Prä­senz in der Main­me­tro­po­le an. Wäh­rend die Bun­des­bank und die EZB dies­be­züg­lich noch schwei­gen, lud die Ba­Fin En­de Ja­nu­ar die wich­tigs­ten Ent­schei­der zum Brex­it-Gip­fel nach Frank­furt ein.Laut Reu­ters tra­fen sich ca. 40 Ma­na­ger, um die Zu­kunft ih­rer Ge­schäf­te am Main zu diskutieren.

Der Bü­ro- und Woh­nungs­markt in Frank­furt ist ge­frag­ter denn je, doch die An­kün­di­gung der bri­ti­schen Pre­mier­mi­nis­te­rin, dass der In­sel­staat die Op­ti­on „Hard-Brex­it“ wählt, könn­te die Nach­fra­ge in Di­men­sio­nen trei­ben, die so auch in Frank­furt und im Rhein-Main-Ge­biet noch kei­ner kennt. Wäh­rend die Ent­schei­der der Bran­che bis jetzt in Frank­furt auf Hoch­häu­ser ge­setzt ha­ben, wer­den sie un­ter die­sen Um­stän­den auch in die Brei­te ge­hen müs­sen. Die Ver­än­de­run­gen durch den Zu­wachs sind in den Städ­ten des Rhein-Main-Ge­biets be­reits be­merk­bar. Von Of­fen­bach über Darm­stadt bis Wies­ba­den und Mainz: Wachs­tum macht sich über­all be­merk­bar. Auch die Mit­tel­städ­te der Re­gi­on müs­sen al­so Schritt hal­ten. Hand­lungs­be­darf be­steht des­halb be­son­ders in Be­zug auf die The­men Nah­ver­kehr und Aus­bau der In­fra­struk­tur. Nur durch ei­nen kon­struk­ti­ven Dia­log zwi­schen Wirt­schaft und Kom­mu­nen kann der stei­gen­den Nach­fra­ge auf dem Im­mo­bi­li­en­markt Rech­nung ge­tra­gen werden.

Und wo­hin will Un­cle Donald?

Wäh­rend­des­sen zieht mit der Wahl Do­nald Trumps ein Schat­ten am Ho­ri­zont auf, der die Wirt­schaft in Deutsch­land even­tu­ell schnel­ler er­rei­chen könn­te, als erwartet.Schon hört man in den Krei­sen der Wirt­schafts­wei­sen die ers­ten Besorgnisbekundungen. Isa­bel Schna­bel äu­ßer­te in die­sem Zu­sam­men­hang ge­gen­über der Welt am Sonn­tag Kri­tik be­züg­lich der De­re­gu­lie­rungs­plä­ne des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten, der durch sei­ne neu­en De­kre­te die Sta­bi­li­tät im Fi­nanz­sek­tor ge­fähr­de. Die Fra­ge, ob ei­ne Bla­se auf dem Im­mo­bi­li­en­markt ent­ste­hen könn­te, scheint wie­der an Bri­sanz zu ge­win­nen. Die welt­wirt­schaft­li­che La­ge ist zehn Jah­re nach der Fi­nanz­kri­se of­fen­sicht­lich wie­der ins Wan­ken ge­ra­ten. Zu­neh­mend kon­sta­tie­ren die Märk­te Eu­ro­pas, dass sie vom Im­mo­bi­li­en­ty­coon auf der an­de­ren Sei­te des „Teichs“ ab­hän­gig sind, und fürch­ten sei­ne Entscheidungswillkür.

2017 ent­schei­den die Wah­len die Zu­kunft Europas

Auch die fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len brin­gen ei­ne fast noch gänz­lich un­er­ör­ter­te Ge­fahr mit ins Spiel: den Zu­sam­men­bruch der Wäh­rungs­uni­on und der Eu­ro­päi­schen Uni­on als Gan­zes.Ver­gan­ge­nen Ok­to­ber sag­te Gre­gor Gy­si bei ei­nem Event der Eu­ro­pa­wis­sen­schaf­ten in Ber­lin fast schon süf­fi­sant und den­noch be­trübt: „Wenn die Fran­zo­sen Le Pen wäh­len, ist die Uni­on mausetot.“

In Deutsch­land ist der Wahl­kampf eben­falls be­reits in vol­lem Gan­ge. Die Par­tei­en er­hof­fen sich ei­nen Auf­stieg in der Wäh­ler­gunst durch kan­ti­ge­re Stel­lung­nah­men bei der Ei­gen­heim­för­de­rung und im Miet­recht. Wie sich die Ver­tre­ter der Im­mo­bi­li­en­bran­che in die­sem rasch fluk­tu­ie­ren­den Um­feld po­si­tio­nie­ren, wird letzt­lich wohl eben­falls ei­nen maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Ent­wick­lun­gen am Markt  ha­ben.

Auch auf der Län­der­ebe­ne hat es zum Be­ginn des Jah­res ei­ni­ge Ver­än­de­run­gen ge­ge­ben. Die Grund­er­werb­steu­er in Thü­rin­gen wur­de auf sat­te 6,5 % an­ge­ho­ben und ist so­mit fast im gan­zen Bun­des­ge­biet bei 5 bis ma­xi­mal 6,5 % an­ge­setzt. Aus­nah­men gibt es nur noch in Bay­ern (3,5 %), Ham­burg (4,5 %) und Sach­sen (3,5 %). Ob­wohl die Grund­er­werb­steu­er Län­der­sa­che ist, zeich­net sich hier schon in Grund­zü­gen ei­ne bun­des­wei­te Norm ab. Da Än­de­run­gen am Grund­er­werb­steu­er­satz nicht ein­fach be­schlos­sen sind und oft auch po­li­ti­sches Kal­kül ei­ne Rol­le spielt, ist ei­ne neue Über­le­gung im Jahr der Bun­des­tags­wahl drin­gend notwendig.In die­sem Zu­sam­men­hang schlägt das In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft Köln in ei­ner Stu­die ver­schie­de­ne Lö­sungs­an­sät­ze vor, da ne­ben der Grund­er­werb­steu­er auch wei­te­re Er­werbs­ne­ben­kos­ten die Wohn­ei­gen­tums­bil­dung be­las­ten. Ein Vor­schlag ist die Ein­füh­rung ei­nes bun­des­wei­ten Frei­be­tra­ges. Bei dem Kauf von Im­mo­bi­li­en, de­ren Preis den Frei­be­trag über­steigt, wür­den die Käu­fer ei­nen ein­heit­li­chen Steu­er­satz zah­len. Die­ser Satz wür­de nach oben hin ge­staf­felt wer­den und sich am Preis des Ob­jekts ori­en­tie­ren. Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit wä­re es, den Län­dern frei­zu­stel­len den Frei­be­trag ein­zu­füh­ren. Der Bund wür­de dann Kom­pen­sa­ti­on für den Aus­fall von Steu­er­gel­dern anbieten.

Choices, choices (oder: Die Qual der Wahl)

Eins scheint si­cher: Die Wah­len und Ent­schei­dun­gen in die­sem Jahr wer­den das Ge­schick Deutsch­lands als wirt­schaft­lich stärks­te Na­ti­on Eu­ro­pas sehr be­ein­flus­sen. Die Bau- und die Im­mo­bi­li­en­bran­che wer­den sich als Zug­pfer­de der deut­schen Wirt­schaft ge­gen die­se Un­ge­wiss­hei­ten wapp­nen müs­sen. Frei nach dem Mot­to „Ru­he am Ball“ kön­nen und müs­sen Ak­teu­re noch über­leg­ter in­ves­tie­ren und dür­fen den­noch nicht zum Still­stand kom­men. Ein Drahtseilakt.

Die Autorin
Juliane Sakellariou
Projektleiter
Heuer Dialog