25.01.2017
Johannes Haas

Drei Ansätze für alternative Wohnmodelle

Wohnraum von morgen – wie wollen und können wir künftig wohnen?

Die Lage an den Wohnungsmärkten ist in manchen Städten katastrophal. Immobilienwirtschaft und Kommunen brauchen Innovationskraft und Mut, um neue Ideen umzusetzen. Drei Projekte, die beispielhaft für die Zukunft sein könnten.

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Es gibt kei­ne Zwei­fel dar­an, dass in Deutsch­lands Gro­ß­städ­ten be­zahl­ba­re­rer Wohn­raum ab­so­lu­te Man­gel­wa­re ist. Schät­zun­gen des Ifo-In­si­tuts zu­fol­ge wur­den ver­gan­ge­nes Jahr bun­des­weit rund 300.000 Woh­nun­gen fer­tig­ge­stellt. In die­sem Jahr er­war­ten Ex­per­ten et­wa 325.000, für 2018 rund 335.000 Fertigstellungen.Das Ziel der Bun­des­re­gie­rung, jähr­lich 400.000 neue Woh­nun­gen zu schaf­fen, wird da­mit in ab­seh­ba­re­rer Zeit deut­lich verfehlt. Be­son­ders an­ge­spannt sind die Woh­nungs­märk­te der gro­ßen deut­schen Zen­tren wie Frank­furt, Ber­lin, Mün­chen oder Ham­burg – aber auch in Städ­ten wie Tü­bin­gen oder Heidelberg.

Drin­gend ge­sucht wer­den neue Wohn­for­men. Denn klar scheint, dass der Be­darf mit den bis­her üb­li­chen Wohn­for­men nicht be­frie­digt wer­den kann.„Kom­pak­tes Woh­nen liegt im Trend“, künf­tig wür­den wir in ur­ba­nen Zel­len le­ben, schrieb kürz­lich DIE WELT. Doch be­wohn­te Schuh­kar­tons kön­nen nicht als All­heils­mit­tel die­nen. Wir brau­chen al­so neue Ide­en und den Mut die­se umzusetzen.


An­satz 1: Möbless


Be­reits 2012 hat Hen­ri­ke Gänß im Selbst­ver­such neue We­ge be­schrit­ten. Die Ar­chi­tek­tin hat je­des Teil aus ih­rem Be­sitz fo­to­gra­fiert, sor­tiert und aus­ge­wer­tet: re­le­vant oder ir­rele­vant? Da­bei kam sie auf rund 2.500 Ge­gen­stän­de, die sie be­sitzt. Klingt sehr viel?! Im Ge­gen­satz zum durch­schnitt­li­chen Eu­ro­pä­er, der et­wa 10.000 Ge­gen­stän­de sein Ei­gen nennt, scheint Hen­ri­ke Gänß eher be­schei­den. Mit dem„Mi­ni-Max“ ent­stand ein Le­bens­raum, der auf 50 Qua­drat­me­ter Woh­nen und Ar­bei­ten op­ti­mal vereint.Dank in­tel­li­gen­ter Aus­nut­zung der Flä­che, dem „Möb­less“-Kon­zept, bei dem aus der Ar­chi­tek­tur her­aus Mö­bel ge­bil­det wer­den, und ver­schie­de­nen Ebe­nen er­scheint die Flä­che nie­mals eng.

In Zei­ten von Shared Eco­no­my und Di­gi­ta­li­se­rung liegt die Idee auf der Hand, dass Men­schen künf­tig mit we­ni­ger Be­sitz aus­kom­men und so mehr Platz fürs We­sent­li­che haben.


An­satz 2: Die WG für Jedermann


Nicht je­der möch­te aber al­lei­ne le­ben, auf das gro­ße Wohn­zim­mer oder die kom­for­ta­ble Wohn­kü­che ver­zich­ten. Durch den de­mo­gra­phi­schen Wan­del wer­den WGs nicht nur po­pu­lä­rer, son­dern auch für Men­schen fern­ab des Stu­den­ten­al­ters im­mer interessanter.

In Ber­lin ist un­ter dem Na­men „Spree­feld“ ein Wohn­pro­jekt ent­stan­den, das gu­tes und güns­ti­ges Woh­nen ver­eint und da­bei ei­ne Ant­wort auf ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen lie­fert. Hier le­ben Fa­mi­li­en, Sin­gles, Rent­ner und Stu­den­ten zu­sam­men in Wohngemeinschaften.Ins­ge­samt rund 100 Er­wach­se­ne und et­wa 50 Kinder. Zur ge­mein­sa­men Nut­zung ste­hen gro­ße Bal­ko­ne, Ge­mein­schafts­ter­ras­sen und -wohn­flä­chen zur Ver­fü­gung. Drum­her­um ver­tei­len sich die pri­va­ten Be­rei­che. Die­se sind eher klein ge­hal­ten und rei­chen von 25 Qua­drat­me­ter für Sin­gles bis 90 Qua­drat­me­ter für Fa­mi­li­en. Nich­te je­de Wohn­ein­heit hat ei­ne ei­ge­ne Kü­che, je­doch sind al­le mit ei­nem ei­ge­nen Bad ausgestattet.

Al­le Flä­chen sind so an­ge­legt, dass sie in­di­vi­du­ell auf ver­än­der­te Le­bens­si­tua­tio­nen an­ge­passt wer­den kön­nen:  Clus­ter­woh­nun­gen. Wich­tig bei der Pla­nung sol­cher Wohn­raum­kon­zep­te ist, dass die­se mit re­la­tiv ge­rin­gem Auf­wand wie­der in Stan­dard­woh­nun­gen um­ge­wan­delt wer­den kön­nen. Durch mo­der­ne, cle­ve­re Ar­chi­tek­tur ist so die WG in al­len Ge­sell­schafts­schich­ten angekommen.


An­satz 3: Von al­lem etwas


Eben­falls in Ber­lin – ge­nau­er ge­sagt auf dem ehe­ma­li­gen Kindl-Are­al in Neu­kölln – ent­ste­hen sind un­ter dem Na­men "VOLL­GUT" zwei Wohn­ex­pe­ri­men­te geplant
. Die Edith Ma­ry­on Stif­tung er­rich­tet hier tem­po­rä­res Woh­nen für Schutz­be­dürf­ti­ge, Tou­ris­ten und Ar­beit­neh­mer. So­zia­le Dienst­lei­tun­gen wer­den an­ge­bo­ten, aber auch Räu­me für so­zia­le Be­geg­nun­gen geschaffen.

Da­ne­ben wird ei­ne al­te La­ger­hal­le sa­niert und auf­ge­stockt. Hier wird ein ge­mischt-ge­nutz­tes Quar­tier aus Woh­nen und Ar­bei­ten ent­ste­hen. Ein Trend, der sich nach und nach in al­le Gro­ß­städ­ten durch­setzt. Ne­ben Wohn­raum ent­ste­hen hier Bü­ros, Co-Working-Spaces und Werk­stät­te. Das Pro­jekt wird vom Se­nat unterstützt.Es soll als Pro­to­typ, an dem neue Wohn­for­men ge­tes­tet wer­den, dienen. Auch ei­ne Kan­ti­ne ist ge­plant. Be­son­ders wich­tig ist den Ma­chern, dass die vor­han­de­nen Werk­stof­fe ge­trennt und mög­lichst wie­der ein­ge­setzt wer­den. Auf der Hal­le wer­den drei Stock­wer­ke Woh­nen mit va­ria­blen Mo­du­len ent­ste­hen. So sol­len fle­xi­ble Wohn­op­tio­nen für Fa­mi­li­en, Sin­gles oder WGs an­ge­bo­ten wer­den. Zu­sätz­lich sol­len auf dem Dach be­find­li­che Ge­wächs­häu­ser die Kan­ti­ne beliefern.


Heu­te muss man an­ders planen!


Trotz oder ge­ra­de auf­grund des Drucks auf Kom­mu­nen, schnell viel Wohn­raum zu schaf­fen, dür­fen In­no­va­tio­nen nicht zu kurz kom­men. Nicht je­de Idee hin­ter den vor­ge­stell­ten Pro­jek­ten ist ganz neu, aber durch die Um­set­zung un­ter­schei­den sich die Ma­cher von de­nen, die nur dar­über reden.

Der Autor
Bild: Heuer Dialog
Johannes Haas
Projektleiter
Heuer Dialog GmbH