08.12.2016
Yvonne Traxel

NRW ja, Frankfurt nein? Wer profitiert, wer verliert?

Brexit, das hat gesessen!

Wenig wurde in der letzten Zeit über den Brexit gesprochen. Donald Trump, Italien und und die österreichische Präsidentenwahl dominierten zuletzt die Schlagzeilen. Doch der Brexit kommt - die wahren Auswirkungen bleiben unklar.

Bild: pixabay.com

Nach der an­fäng­li­chen Über­ra­schung über das Vo­tum der bri­ti­schen Bür­ger zum Brexit, ist wie­der et­was Ru­he ein­ge­kehrt. Man könn­te auch sa­gen, die Wahl von Do­nald Trump zum neu­en Prä­si­den­ten der USA, hat das Er­eig­nis in den Hin­ter­grund tre­ten las­sen. Gleich­wohl bleibt die Fra­ge of­fen, wie schnell oder lang­sam sich Großbri­tan­ni­en aus der EU zu­rück­zie­hen wird. Hin­ter den Ku­lis­sen je­den­falls tut sich was. Seit Kur­zem ist von ei­nem sanf­ten Brexit die Re­de. Der bri­ti­sche No­ten­bank­chef, Mark Car­ney, kämpft für ei­ne Über­gangs­lö­sung, bei der et­wa der Zu­gang zum eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt un­an­ge­tas­tet blei­ben könn­te. Al­so viel Wind um nichts? Nein, denn die Fol­gen des Brexit sind be­reits jetzt spürbar.

Wer hat Angst vor dem Brexit?

Die Deut­schen sind im Aus­land als Be­den­ken­trä­ger be­kannt. Ist die „Ger­man Angst“ viel­leicht gar nicht be­rech­tigt? Im­mer­hin ist Großbri­tan­ni­en das dritt­wich­tigs­te Ex­port­land für die Deut­schen. Und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel sah sich in der EU mit der deut­schen Ver­mitt­ler­rol­le zwi­schen Nord und Süd in ei­ner kom­for­ta­blen Po­si­ti­on. Nun fällt mit dem Aus­tritt der Bri­ten die Sperr­mi­no­ri­tät weg und Deutsch­land muss künf­tig viel schnel­ler Far­be be­ken­nen. Vie­le hat­ten zu­letzt aber das Ge­fühl, dass dies nicht die grö­ß­te Stär­ke der Kanz­le­rin ist. Das IFO-In­sti­tut stellt den­noch die The­se auf, dass Deutsch­land mehr auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs ge­rät und die EU pro­tek­tio­nis­ti­scher wird. Und mit der Prä­si­den­ten­wahl in den USA ist zu­min­dest die Ab­schot­tung Ame­ri­kas von Eu­ro­pa wahr­schein­li­cher geworden.

Die Chan­cen der Immobilienbranche

Nach dem Brexit war Frank­furts Im­mo­bi­li­en­markt schnell als Nutz­nie­ßer aus­ge­macht. Vie­le Bü­ro­flä­chen ste­hen leer und die An­kün­di­gung von Sitz­ver­la­ge­run­gen ein­zel­ner Un­ter­neh­men weg aus Lon­don – al­len vor­an der Ban­ken – ließ die Her­zen der As­set­ma­na­ger hö­her schla­gen. Auch der Düs­sel­dor­fer Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Gei­sel hat of­fen ver­kün­det, dass die Vo­da­fone Group in der Rhein­me­tro­po­le herz­lich will­kom­men sei, soll­te die Ver­la­ge­rung zum Haupt­sitz am Rhein ent­schie­den wer­den. Und in der Tat kön­nen die­se und vie­le wei­te­re Gro­ß­städ­te mit ho­her At­trak­ti­vi­tät und Ur­ba­ni­tät punk­ten. Die Land­flucht und Kon­zen­tra­ti­on auf we­ni­ge Städ­te wird es al­ler­dings auch be­schleu­ni­gen. Zu be­fürch­ten ist au­ßer­dem, dass sich die Preis­schrau­be in den Bal­lungs­zen­tren da­mit mit­tel- bis lang­fris­tig wei­ter nach oben dreht.

NRW ja, Frank­furt nein?

Mit der Ent­schei­dung des Brexit stand fest, dass die Eu­ro­päi­sche Ban­ken­auf­sicht – der­zeit mit Sitz in Lon­don – um­zie­hen wird. In sei­ner Re­de beim Im­mo­bi­li­en-Dia­log „Wirt­schafts­raum Düs­sel­dorf“ sah NRW-Fi­nanz­mi­nis­ter Dr. Wal­ter-Bor­jans die Stadt Frank­furt als An­wär­ter für den neu­en Stand­ort. Er be­ton­te, wenn die EU nicht noch mehr Kon­zen­tra­ti­on in Frank­furt ha­ben wol­le, sei Düs­sel­dorf ei­ne gu­te Op­ti­on. Ins­ge­samt mach­te er NRW nicht als Ver­lie­rer, son­dern mehr als Ge­win­ner des Brexit aus. Der Bal­lungs­raum NRW hat al­lein zwölf Städ­te mit je­weils über ei­ner Vier­tel­mil­li­on Ein­woh­ner, al­le an­de­ren zwölf deut­schen Flä­chen­län­der zu­sam­men nur elf. Auch die Nä­he zu Brüs­sel, Pa­ris und Ber­lin sei ein ent­schei­den­der Stand­ort­vor­teil. Zwar kön­ne man da­von aus­ge­hen, dass es zu kei­nen Ad-hoc-Ver­la­ge­run­gen von Un­ter­neh­men kom­me, aber die Grün­dung von De­pen­dan­cen in Form von Be­triebs­stät­ten sei in Deutsch­land, re­spek­ti­ve NRW, nun wahr­schein­li­cher als in UK ge­wor­den. Die Markt­grö­ße kön­ne hier der ent­schei­den­de Fak­tor sein.

Das sagt NRW-Fi­nanz­mi­nis­ter Dr. Walter-Borjans

„Ob der Brexit uns am En­de zum Ver­lie­rer oder Ge­win­ner macht, wür­de ich schon ein­mal da­hin­ge­hend ein­gren­zen, dass Düs­sel­dorf und Nord­rhein-West­fa­len si­cher nicht Ver­lie­rer sein wer­den. Es gibt kei­nen An­lass zu fürch­ten, dass je­mand nicht kommt oder weg geht, we­gen des Brexits. Die Fra­ge ist, wie stark sich In­ves­to­ren um­ori­en­tie­ren, die bis­lang in Lon­don in­ves­tiert ha­ben: an­ders­wo­hin oder zu uns. Die Fra­ge, wie hoch der Zu­wachs aus­fal­len wird, die ist si­cher of­fen. Das wird man auch nicht oh­ne wei­te­res ab­schät­zen kön­nen. Ich glau­be aber, dass die Tat­sa­che, dass Düs­sel­dorf mit­ten in ei­nem der – nach Lon­don und Pa­ris – grö­ß­ten Mark­t­räu­me liegt, ein po­si­ti­ves Flair und viel Kauf­kraft hat – nicht nur in der Stadt selbst, son­dern in der ge­sam­ten Re­gi­on – die ist schon ein in­ter­es­san­ter Punkt für Investoren.“

Die Autorin
Bild: Heuer Dialog
Yvonne Traxel
Senior Projektleiterin
Heuer Dialog GmbH