12.12.2016
Andreas Gräf

Quartiersentwicklung in Köln

Das „Veedel“: Ein Erfolgsmodell neu gedacht

Der Kölner an sich verreist ungern. Diese Binsenweisheit der Dommetropole hat ihren ganz konkreten Grund in der Identifikation der Kölner mit ihrem Stadtquartier, liebevoll auch „Veedel“ genannt.

Die Fak­to­ren, die die Men­schen in Deutsch­lands viert­größ­ter Stadt so sehr an ih­re Hei­mat bin­den, soll­ten bei je­der neu­en Quar­tier­s­ent­wick­lung be­dacht wer­den. So kann das köl­sche „Vee­dels“-Kon­zept bun­des­weit ei­ne kla­re Ori­en­tie­rung für Stadt­pla­ner und Pro­jekt­ent­wick­ler geben.

Köln er­freut sich wie nur we­ni­ge an­de­re Städ­te in Deutsch­land gro­ßer Be­liebt­heit. Die ge­ne­rell po­si­ti­ven Ur­tei­le über die Dom­stadt kon­tras­tie­ren gleich­wohl oft mit dem Be­fund man­geln­der städ­te­bau­li­cher Schön­heit. In der Sum­me ent­steht der Ein­druck, dass die Köl­ner Stadt­vier­tel nach au­ßen zwar we­nig ar­chi­tek­to­ni­sche At­trak­ti­vi­tät aus­strah­len. Doch wenn man sich län­ge­re Zeit in ei­nem Köl­ner „Vee­del“ auf­hält, er­zeugt die Stadt ei­ne ein­la­den­de und fas­zi­nie­ren­de At­mo­sphä­re. An­ders ge­sagt: Der schnel­le und häu­fig kon­zept­lo­se Wie­der­auf­bau der stark kriegs­zer­stör­ten Stadt wird durch die gast­freund­li­che und of­fe­ne Men­ta­li­tät der Köl­ner kompensiert.

Die­ser Um­stand weist auf ei­nen we­sent­li­chen Punkt ge­lun­ge­ner Quar­tier­s­ent­wick­lung hin: Der Mensch, der je­wei­li­ge Be­woh­ner, muss im Mit­tel­punkt ste­hen. Erst wenn er sich über sei­ne Grund­be­dürf­nis­se hin­aus die Stadt als Le­bens­ort an­eig­net, be­gin­nen die voll­stän­di­ge Iden­ti­fi­ka­ti­on und das frei­wil­li­ge En­ga­ge­ment der Bür­ger. Bei­des ist für ei­ne le­bens­wer­te Stadt un­ab­ding­bar. Ei­ne Ver­wal­tung muss da­zu die nö­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen und sich ei­ner brei­ten in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Ex­per­ti­se be­die­nen, wie es bei­spiel­haft im „Woh­nungs­bau­fo­rum Köln“ ge­schieht. Hier wer­den kom­mu­na­le Woh­nungs­un­ter­neh­men und pri­vat­wirt­schaft­li­che Pro­jekt­ent­wick­ler früh­zei­tig in die Neu- und Um­ge­stal­tung der Köl­ner Stadt­quar­tie­re miteinbezogen.

Bei­spie­le der jün­ge­ren Quar­tier­s­ent­wick­lung zei­gen auf, wel­che Feh­ler ver­mie­den wer­den müs­sen: Neue Quar­tie­re dür­fen nicht los­ge­löst von der städ­ti­schen Ge­sam­ti­den­ti­tät auf der grü­nen Wie­se ent­ste­hen, wie es in den 1970er Jah­ren noch als Er­folgs­re­zept galt. Öf­fent­li­che Plät­ze als Herz des Quar­tiers dür­fen nicht der mo­to­ri­sier­ten Nut­zung die­nen, son­dern müs­sen ge­ra­de in der Stadt be­grün­te und ru­hi­ge Or­te der Be­geg­nung sein. Sin­gu­lä­re Nut­zungs­for­men wie bei­spiels­wei­se rei­ne Wohn­quar­tie­re sind eben­so zu ver­mei­den wie ho­mo­ge­ne Be­völ­ke­rungs­struk­tu­ren. Ge­ra­de die so­zia­le Durch­mi­schung ist ein Köl­ner Er­folgs­mo­dell, das es zu be­wah­ren gilt. Die Rhein­me­tro­po­le ist ak­tu­ell weit ent­fernt von den leb­haft ge­führ­ten Gen­tri­fi­zie­rungs­de­bat­ten in Ham­burg oder Berlin.

Wie das „Vee­del“ des 21. Jahr­hun­derts aus­se­hen kann, zeigt for­mart mit dem Pro­jekt „Hal­le 17“, als Teil ei­ner grö­ße­ren Pro­jekt­ent­wick­lungs­in­itia­ti­ve im 160.000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Clouth-Quar­tier in Köln-Nip­pes. Die ehe­ma­li­gen Pro­duk­ti­ons­stät­ten aus dem Zeit­al­ter der In­dus­tria­li­sie­rung er­lau­ben mit ih­ren fle­xi­blen Grund­ris­sen und ho­hen De­cken viel­fäl­ti­ge Nut­zun­gen als Woh­nung, Bü­ro, Café oder Ate­lier. Die neu­en Ge­bäu­de ori­en­tie­ren sich an der Ar­chi­tek­tur des be­ste­hen­den In­dus­trie­denk­mals, groß­zü­gi­ge In­nen­hö­fe la­den zum Ver­wei­len im Grü­nen ein. Im Sin­ne kur­zer We­ge sieht das Kon­zept Woh­nun­gen un­ter­schied­li­cher Grö­ßen, Ge­wer­be­be­trie­be für die fuß­läu­fi­ge Nah­ver­sor­gung und ei­ne ein­la­den­de Gas­tro­no­mie vor. Da­mit knüpft die Quar­tier­s­ent­wick­lung an den Stadt­teil Nip­pes an, der sich mit Wohn­häu­sern aus der Grün­der­zeit und ei­ner at­trak­ti­ven Kul­tur- und Gas­tro­no­mie­sze­ne wach­sen­den Zu­spruchs vor al­lem un­ter jun­gen Leu­ten erfreut.

Die Mi­schung macht’s: Die­se De­vi­se ge­lun­ge­ner Stadt­ent­wick­lung gilt an we­ni­gen an­de­ren Or­ten so sehr wie in der jahr­tau­sen­de­al­ten Han­dels­stadt Köln mit ih­rer La­ge an zen­tra­len Ver­kehrs­kno­ten­punk­ten Eu­ro­pas und ent­spre­chen­der Fre­quen­tie­rung aus al­len Tei­len des Kon­ti­nents. Das da­von ab­ge­lei­te­te „Vee­dels“-Kon­zept soll­te maß­geb­lich für mo­der­ne Quar­tier­s­ent­wick­lun­gen in ganz Deutsch­land sein.

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Der Autor
Bild: Heuer Dialog GmbH
Andreas Gräf
Geschäftsführer (COO)
formart GmbH & Co. KG