07.10.2016
Markus Vogel

Warum wir in Deutschland eine neue Dichtediskussion brauchen

Stadt, Land, Flucht! Fröhlich hin und her…

Alle paar Jahre hören wir es, das Wort Flucht im Zusammenhang mit der Frage, wo wir wohnen, wo wir leben.

In Ber­lin gab es seit der Wen­de zwei Flucht­wel­len in Rich­tung Land. Die letz­te fand ge­gen An­fang der Jahr­tau­send­wen­de statt, als die Um­land­ge­mein­den ei­nen star­ken Zu­zug zu ver­zeich­nen hat­ten. Der Run auf die­se Ge­mein­den hielt für ei­ne paar Jah­re ei­ne ir­gend­wie spe­zi­el­le Wohn­bau­in­dus­trie le­ben­dig, die - Land auf Land ab - den glei­chen Un­sinn bau­te. Mit der Zeit je­doch er­kann­ten vie­le, die dort leb­ten, dass es in der Stadt so schlecht gar nicht ge­we­sen sein konn­te. Seit 7 oder 8 Jah­ren ist nicht nur von die­ser Grup­pe der Run auf die In­nen­städ­te un­ge­bro­chen, es kom­men auch die, die von ganz wo­an­ders her kom­men, zu­nächst am liebs­ten in die Mit­te der Stadt.

Geht das über­haupt, dass so vie­le Men­schen al­le zum glei­chen Ort wol­len? Ide­ell ja, phy­sisch nein, es sei denn man schafft die Vor­aus­set­zun­gen dafür!

Seit ei­nem Jahr ver­nimmt man näm­lich in Ber­lin tat­säch­lich auch wie­der das Wort der Stadt­flucht, es taucht auf in Feuil­le­tons und in ernst­haf­ten Dis­kus­sio­nen dar­über, wie wir Men­schen auf die im­mer stei­gen­den Mie­ten und Kauf­prei­se reagieren.

Für ei­ne sol­che Stadt­flucht gibt es am En­de aber nur zwei Grün­de: An­ge­bot und Preis. Gibt es kein An­ge­bot da, wo ich sein will, zie­he ich wei­ter. Ist es zu teu­er, zie­he ich so lan­ge wei­ter nach drau­ßen, bis es bil­lig wird.

Das führt dann da­zu, dass man an der geo­gra­fi­schen La­ge von Wohn­häu­sern bis­wei­len fast treff­si­cher das ent­spre­chend ver­füg­ba­re Jah­res­ein­kom­men ih­rer Be­woh­ner ab­le­sen kann.

Gibt es Al­ter­na­ti­ven oder min­des­tens Mög­lich­kei­ten, das Hin und Her in ei­ne Rich­tung zu len­ken? Ich mei­ne ja.

Wenn man über die Er­de fliegt zu an­de­ren Me­tro­po­len die­ser Welt, fällt vor al­lem ei­nes auf: Die Dich­te, die man sich an­dern­orts traut in die Mit­te der Zen­tren zu bau­en. Dich­ter geht es noch er­heb­lich mehr bei uns.

In Deutsch­land traut man sich die­se Dich­ten nicht mehr so leicht, und in Ber­lin scheint ei­ne sol­che Dis­kus­si­on von der lo­ka­len Be­zirks-Po­li­tik ge­ra­de­zu ver­ach­tet zu wer­den. Dich­te, so hei­ßt es, ist et­was Mas­si­ves, Vie­les türmt sich auf­ein­an­der. Und Dich­te be­deu­tet An­stren­gung. Die An­stren­gung, die bau­li­che und stadt­räum­li­che Ge­stal­tung so mit den An­for­de­run­gen der Men­schen, die al­le in die Stadt wol­len, über­ein­an­der zu brin­gen, das Dich­te mehr bringt als sie einschränkt.

Dich­te ist aber auch ei­ne Chan­ce, die Men­schen nä­her zu­sam­men­zu­brin­gen, sie zu ent­las­ten von vie­len We­gen, die Nut­zun­gen des täg­li­chen Le­bens mit­ein­an­der zu ko­or­di­nie­ren, und die Stadt der kur­zen We­ge auch im täg­li­chen Le­ben er­fahr­bar zu machen.

In den letz­ten Jah­ren fällt mir auf, dass die Dich­te-Dis­kus­sen im­mer von zwei sich ge­gen­über­ste­hen­den Po­len ge­führt wird: Auf der ei­nen Sei­te steht da die Fra­ge der Um­welt­be­las­tung und die Ein­schrän­kun­gen ge­gen­über der Na­tur. Das ist grund­sätz­lich rich­tig. In Dis­kus­sio­nen mit Um­welt­ak­ti­vis­ten und Bau­ver­sa­gern ge­be ich auch im­mer zu­erst zu, dass es aus Sicht der Na­tur am bes­ten ist, das Stück Gras, was dort liegt, ein­fach Gras sein zu las­sen. Zu En­de ge­dacht hie­ße das aber auch, dass sich Städ­te, wenn sie mehr Men­schen an­zie­hen, als sie ak­tu­ell ha­ben, im­mer in die Flä­che wach­sen. Wol­len wir das?

Der an­de­re Pol ist je­ner der Teil­ha­be. Und die­ser wird all­zu sel­ten in sei­ner Be­deu­tung rich­tig ver­stan­den. Dich­te er­mög­licht im po­si­ti­ven Sin­ne eben auch, mehr Men­schen an der Stadt und an ih­ren Vor­tei­len teil­ha­ben zu las­sen und ih­nen die Mög­lich­keit zu ge­ben, die Stadt für ihr ei­ge­nes Le­ben ge­winn­brin­gend zu nut­zen. Da­zu ge­hö­ren aus mei­ner Sicht nicht lan­ge We­ge zur Ar­beit oder ins Grü­ne, son­dern da­zu ge­hört ei­ne In­fra­struk­tur, die eben­so dicht die Ein­woh­ner unterstützt.

Um ir­gend­wann nicht mehr al­le Jah­re über Stadt oder Land­flucht zu spre­chen, ganz frei nach dem Mot­to: „Wel­chen Trend ha­ben wir denn ge­ra­de…?“ müs­sen wir die Stadt der Dich­te wie­der zum Leit­bild der In­nen­ent­wick­lung er­he­ben. Da reicht es lei­der nicht, die ei­ne oder an­de­re An­pas­sung im BauGB vor­zu­neh­men, wenn die Lü­cken für die Al­ter­na­ti­ven noch zu bil­lig sind.

Was wir brau­chen, ist ei­ne ideo­lo­gie­freie Dis­kus­si­on zu Dich­ten, al­so zur Aus­nut­zung von Grund­stü­cken: Bau­hö­hen, und als der­zeit in Deutsch­land wich­tigs­tes The­ma: zur so­ge­nann­ten „Über­for­mung“ ei­nes Stadt­quar­tiers. Dies ist ak­tu­ell ein be­son­ders be­lieb­ter Kampf­be­griff der Wi­der­ständ­ler ge­gen Bau­en und al­les Neue, der im­mer dann aus der Kis­te ge­holt wird, wenn man kei­ne Ar­gu­men­te mehr hat. Was ist falsch dar­an, wenn ver­schlis­se­ne und häss­li­che Bau­wer­ke weg­ge­nom­men wer­den sol­len, um pas­sen­de­ren und bes­se­ren in der Stadt Platz zu machen?

Da­bei ist ab­schlie­ßend wich­tig, dass mehr Dich­te nicht aus­schlie­ß­lich als Phä­no­men des Mit­tel­punkts ei­ner Stadt selbst ver­stan­den wird, son­dern als ty­po­lo­gi­sches und stadt­räum­li­ches Pos­tu­lat be­grif­fen wird, das ge­ra­de in po­ly­zen­tra­len Städ­ten da­für sor­gen kann, dass die Stadt viel­fäl­tig und über­all Sta(d)tt-fin­den kann.

Stadt kann nur Stadt blei­ben, wenn Sie sich er­neu­ert, wenn sie bei grö­ße­rer Nach­fra­ge hö­her und dich­ter wer­den darf an Stel­len, die vor­her nicht op­ti­mal ge­nutzt wur­den, und wenn sie ih­ren Be­woh­nern die Chan­ce gibt, ge­nutzt zu wer­den. Das ge­schieht nicht auf den Aus­fall­stra­ßen in die Um­land­ge­mein­den und auch nicht auf den Bahnstrecken.

In Ber­lin war man frü­her ein­mal wei­ter, was die­ses The­ma be­trifft, viel­leicht kom­men wir da ja doch wie­der ein­mal hin.

Der Autor
Bild: BÜRO DR. VOGEL GMBH
Dr. Markus Vogel
Geschäftsführer
BÜRO DR. VOGEL GMBH